Aufhebung der Priorisierung

Ansturm auf Praxen in Solingen ist weiter sehr hoch

Seit dem 7. Juni ist die Priorisierung für Corona-Impfungen aufgehoben.
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Seit dem 7. Juni ist die Priorisierung für Corona-Impfungen aufgehoben.

Ärzte begrüßen grundsätzlich die Aufhebung der Priorisierung bei den Corona-Impfungen.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. Seit dem 7. Juni ist die Priorisierung für Corona-Impfungen aufgehoben. Seit einer Woche also können sich alle Erwachsenen für einen Impftermin bewerben. Die Aufhebung der Impfreihenfolge hat den telefonischen Ansturm auf die Praxen nochmals erhöht. Nicht zuletzt, weil im Impfzentrum voraussichtlich noch bis Ende Juni kein Impfstoff für Erstimpfungen vorhanden ist, also keine Termine über die Kassenärztliche Vereinigung (KV) ausgemacht werden können.

Der zusätzliche Schub an Anfragen habe schon vor zwei bis drei Wochen begonnen. „Seitdem klar war, dass die Priorisierung fallen wird, haben viele Patienten angerufen und darauf gedrängt, auf die Liste zu kommen“ erzählt Dr. Stephan Kochen, niedergelassener Internist in Ohligs. „Die Praxen sind beim Telefonieren an der Kapazitätsgrenze“, spricht Kochen auch für viele niedergelassene Kollegen.

Solingen: Praxen sind beim Telefonieren an der Kapazitätsgrenze

Er habe grundsätzlich Verständnis dafür, dass die Impfwilligen sich bei mehreren Ärzten auf die Listen eintragen ließen. Das habe dann aber eben zur Folge, dass seine Praxis-Mitarbeiterinnen für sechs Impfungen teilweise bis zu 20 Telefonate führen müssen, weil viele schon Impfungen oder Impftermine haben. „Das zeigt auch, dass es zukünftig immer schwieriger werden wird, an die Restgruppen zu kommen.“ Deshalb sei es wünschenswert, wenn Geimpfte sich dann von den anderen Listen streichen lassen.

Was den Mediziner viel mehr ärgert, ist aber die Tatsache, dass jeden Tag eine oder zwei Personen nicht zu ihrem vereinbarten Impftermin in die Praxis kommen. „Teilweise auch nicht zu ihrer Zweitimpfung. Das ist für mich völlig unbegreiflich mit Blick auf den medizinischen Schutz und auch, weil doch nur die vollständige Impfung Ersatz etwa für eine Testpflicht ist.“

Positiv sieht Dr. Stephan Kochen, dass die betagten Solinger mittlerweile sehr gut durchgeimpft seien. „Es kommen aber immer wieder Menschen aus der Priorität 2 oder 3, beispielsweise mit Vorerkrankungen, die noch keine Impfung haben.“ Für diese Menschen haben er und sein Praxiskollege Dr. Christoph Zenses in ihrer Praxis immer noch einen kleinen Teil der Impfdosen reserviert. „Der große Teil der Termine geht aber jetzt der Reihe nach an die, die zuerst anrufen“, betont Kochen.

Es sei nach wie vor traurig, dass sie für Erstimpfungen derzeit pro Woche nur eine oder zwei Ampullen, also Vakzin für sieben oder 14 Impfungen bekommen. „Aber derzeit gibt es halt viele Zweitimpfungen.“ Das sei die logische Konsequenz, weil seit April sehr viele Erstimpfungen erfolgt sind. „Und das war und ist auch der absolut richtige Weg, möglichst viele Menschen möglichst schnell schon relativ gut zu schützen.“

Für Zwölf- bis 16-Jährige gibt es keine generelle Stiko-Empfehlung

Auch die Aufhebung der Priorisierung hält man in der Praxis an der Parkstraße für den richtigen Weg. „Idealerweise wäre sie zwei Wochen später gekommen, dann hätten wir noch viele der Priorität 3 impfen können. Aber es ist jetzt absolut richtig, dass wir endlich auch viele junge Menschen impfen“, so Kochen.

Für das Vakzin von Biontech/Pfizer können sich auch schon 16- und 17-Jährige bewerben. Für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren ist es seit dem 31. Mai auch in der EU zugelassen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat am Freitag für die Zwölf- bis 16-Jährigen allerdings keine generelle Empfehlung gegeben. „Die Empfehlung ist nur bei bestimmten chronischen Erkrankungen, bei allen anderen ab zwölf Jahren wird das im Gespräch zwischen Eltern, Jugendlichen und Arzt individuell entschieden“, betont Dr. Thomas Fischbach, niedergelassener Kinder- und Jugendarzt und Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

Auch er ist grundsätzlich zufrieden mit der Aufhebung der Priorisierung. „Wir impfen mit dem Impfstoff, den wir kriegen.“ Ab zwölf Jahren seien das die chronisch kranken Jugendlichen, bei den noch jüngeren Kindern, die noch nicht geimpft werden können, die Bezugspersonen. Auch in seiner Praxis ist die Warteliste lang.

Dass Solingen im Vergleich zu anderen Städten weniger Impfungen in den Praxen hat, liegt an der Zahl der Praxen, die Impfstoff bestellen können, hat Dr. Stefan Kochen ermittelt. „Leverkusen als etwa gleichgroße Stadt hat 230 Hausarztpraxen, Solingen 116. Setzt man das ins Verhältnis zu den geimpften Dosen, impfen die Solinger Ärzte sogar mehr als in der Nachbarstadt.“  

Covid-19

Todesfälle: Am Wochenende sind zwei weitere Menschen, zwischen 50 und 60 Jahre alt, an oder mit Covid-19 gestorben.

Impfungen: Da in den Praxen am Wochenende nicht geimpft wird und im Impfzentrum derzeit nur Zweitimpfungen stattfinden, ist die Zahl der Erstimpfungen nicht gestiegen.

Standpunkt: Jüngere sind an der Reihe

Von Simone Theyßen-Speich

simone.theyssen-speich@solinger-tageblatt.de

Die Aufhebung der Impfpriorisierung ist richtig. Das bestätigen auch die Ärzte, obwohl sie jetzt noch mehr Telefonate und Diskussionen mit ihren Patienten im Kampf um einen möglichst schnellen Impftermin aushalten müssen. Aber die in den vergangenen Monaten viel und zu Recht beschworene Solidarität mit den Älteren muss jetzt auch für die Jüngeren gelten. Die sitzen bald wieder in vollen Hörsälen und sind in den Schulen, wo längst noch nicht alle Lehrer geimpft wird. Und gerade weil die Ständige Impfkommission noch keine allgemeine Empfehlung für die Impfung jüngerer Kinder und Jugendlicher gegeben hat, müssen Lehrer und Erzieher, die im täglichen Kontakt stehen, jetzt ganz schnell beim Impfen dabei sein. Es geht beim Impfen darum, schwere Krankheitsverläufe zu verhindern. Jetzt muss es aber auch darum gehen, möglichst da zu schützen, wo wieder mehr Menschen aufeinandertreffen, um die Inzidenz trotz zunehmender Lockerungen auf einem möglichst niedrigen Niveau zu halten oder möglichst noch zu senken. Denn nur das ermöglich wieder ein halbwegs normales Leben für alle.| Ansturm auf . . .

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