Anne Boyer fasst den Blick weit

Petra Pastore mag das Buch kaum weglegen. Foto: Silke Koppetsch
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Petra Pastore mag das Buch kaum weglegen.

Lyrischer Essay

Unser heutiger Tipp ist preisgekrönt. Petra Pastore (Stadtbibliothek) stellt Anne Boyers „Die Unsterblichen. Krankheit, Körper, Kapitalismus“ vor.

Wer nicht im Sarg und finsteren Grab liegt, lasst ihn wissen, er hat reichlich“. Dieses Zitat von Walt Whitmann aus „Die Schläfer“ ist eines von vielen im Buch der amerikanischen Lyrikerin und Essayistin Anne Boyer, das 2020 den Pulitzer-Preis erhielt. Ein Buch, in dem es um die Brustkrebserkrankung der Autorin geht und das zugleich vielschichtig Krankheit aus verschiedensten Perspektiven betrachtet. Es ist auf keinen Fall eine „Krebserzählung“, es ist keine weitere Geschichte individuellen Leidens und Kämpfens, die im Sinn der Selbstoptimierung berichtet. Im amerikanischen Original lautet der Untertitel „Schmerz, Verletzlichkeit, Sterblichkeit, Medizin, Verlust, Zeit, Träume, Daten, Erschöpfung, Krebs und Fürsorge“, damit lässt sich der komplexe, Genregrenzen überschreitende Inhalt besser fassen. Was bedeutet Krankheit im gesellschaftlichen Kontext? Es ist beeindruckend zu lesen, wie über die persönliche Betroffenheit einer Krebserkrankung einerseits die Analyse der historischen Dimension von Krankheit gelingt. Und andererseits das aktuelle US-Gesundheitssystem aufgezeigt wird, in dem sozialer Status und Einkommen eine so große Rolle spielen. Aber Die Unsterblichen ist mehr als eine Offenlegung und Deutung gesellschaftlicher Fakten. In Bezügen und Zitaten vieler Menschen von Aelius Aristides bis Susan Sontag wird ein literarischer Rahmen für die eigene Angst gefunden. Ein unfassbar gutes Buch, in der Stadtbibliothek zu finden unter: 7 Gesundheit Krankheit Krebs.

Anne Boyer: Die Unsterblichen. Krankheit, Körper, Kapitalismus, Matthes & Seitz, 279 Seiten, 25 Euro.

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