Gericht

Prozess wegen Missbrauchs: „Babysitter“ will sich nicht erinnern

Beim Auftakt des Prozesses im Dezember 2022 verbarg der Angeklagte sein Gesicht vor den Kameras. Gestern kam eine betroffene Mutter aus Solingen zu Wort.
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Beim Auftakt des Prozesses im Dezember 2022 verbarg der Angeklagte sein Gesicht vor den Kameras. Gestern kam eine betroffene Mutter aus Solingen zu Wort.

Vorsitzender äußert Zweifel an Aussagen des Beschuldigten.

Von Kristin Dowe

Wermelskirchen/Solingen. Wie echt die Tränen des 45-jährigen Wermelskircheners waren und wem sie galten, weiß wohl nur er selbst. Am Verhandlungstag am Mittwoch vor dem Landgericht Köln, bei dem ein zweiter Fall aus Solingen des gigantischen Missbrauchskomplexes thematisiert wurde, gab sich der sonst von Zeugen als gleichmütig beschriebene Angeklagte ungewohnt emotional. „Die Frage, warum ich all das Menschen angetan habe, zu denen ich eine Beziehung aufgebaut habe und die mir wirklich wichtig waren, kann ich selbst nicht beantworten“, führte er weinend aus. Unter anderem die Aussage einer Mutter aus Solingen habe ihm die Folgen seines Handelns vor Augen geführt.

Betroffener Junge war entsetzt über Vertrauensbruch

Diese hatte geschildert, wie sie den Angeklagten vor einigen Jahren kennengelernt hatte, weil sie in einem Online-Portal einen Babysitter für ihren behinderten Sohn, ein Kind mit ADHS und Downsyndrom, gesucht hatte. Wie besonders ihr die Beziehung zwischen dem Angeklagten und dem Jungen erschien, der seinem „väterlichen Freund“ bei jedem Besuch vor Freude in die Arme gefallen sei. Und wie tief der Vertrauensbruch nun für den heutigen jungen Mann sei, als er eines Tages davon erfuhr, was der Angeklagte ihm den Vorwürfen nach nachts angetan hat, während er schlief. An die mutmaßlichen Missbrauchsvorfälle selbst könne sich ihr Sohn nicht erinnern, versicherte die Solingerin. Der Angeklagte soll diese indes mit einer Kamera dokumentiert haben.

Wie es auch viele andere Zeuginnen berichteten, gelang es dem Wermelskirchener offenbar auch in diesem Fall spielend, sich das Vertrauen von Mutter und Kind zu erschleichen. Vermeintlich großzügig habe er gelegentlich sogar auf seinen Lohn als Babysitter verzichtet und dem Jungen einen Computer geschenkt. Er sei zum Kindergeburtstag eingeladen worden und habe bei einer Theatervorstellung ihres Sohnes unter den Zuschauern gesessen. Anzeichen, dass etwas nicht stimmen könnte, habe es nie gegeben. Die Vorwürfe gegen den früheren Babysitter träfen sie auch mit Blick auf ihren Beruf hart: „Ich bin Erzieherin und habe eigentlich einen Blick für so etwas.“

Strittig ist derweil die Frage, ob der Angeklagte den Jungen während der Taten mit Medikamenten sediert hat. Der 45-Jährige stritt dies vehement ab: „Ich habe so viele schlimme Dinge getan, aber das nicht. Ich kann es aber nicht beweisen“, behauptete er fest. Die Zeugin führte hingegen aus, dass ihr Sohn auf jeden Fall aufgewacht wäre, wenn ihn jemand nachts plötzlich berührt hätte.

Als sich der Angeklagte gestern bei Detailfragen des Vorsitzenden Richters Christoph Kaufmann immer wieder in Widersprüche verstrickte, riss diesem schließlich der Geduldsfaden: „Ich habe Ihnen schon oft gesagt: Sie eiern rum. Worum ging es Ihnen bei den Kontakten wirklich?“, hakte Kaufmann in Bezug auf eine Frau nach, die der Angeklagte in einem Datingportal kennengelernt hatte. Erst nach mehrmaligen Nachfragen räumte er ein, im Grunde nie Interesse an der Mutter aus Thüringen gehabt zu haben, sondern ausschließlich an deren Sohn – ein auf Windeln angewiesenes Kind mit einer Darmerkrankung.

Auf „Erinnerungslücken“ berief sich der Angeklagte gestern bei der Frage nach einem wahrscheinlichen Komplizen aus Berlin. Es steht die Annahme im Raum, dass die beiden Männer den schwerbehinderten Sohn einer anderen Solinger Familie abwechselnd schwer missbraucht und dabei gefilmt haben. Der Wer-melskirchener könne sich aber nicht daran erinnern, den Mann aus Berlin bei sexuellen Handlungen mit dem Jungen beobachtet zu haben. Eine Behauptung, die dem Vorsitzenden wenig glaubhaft erschien. „Sie haben uns schon einmal in der Hauptverhandlung angelogen.“ Auch mehrere Vertreter der Nebenklage, darunter der Solinger Rechtsanwalt Marc Françoise, hatten in dem Prozess immer wieder fehlende Aufklärungshilfe seitens des Angeklagten moniert.

Verfahren

Vorwürfe: Der 45-jährige Mann aus Wermelskirchen muss sich wegen 124 Einzeltaten verantworten – sie umfassen schweren sexuellen Missbrauch, Vergewaltigung und das Herstellen von kinderpornografischem Material. Zwei der mutmaßlichen Opfer stammen aus Solingen. In dem gesamten Tatkomplex wird in 84 Verfahren gegen 85 Beschuldigte ermittelt.

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