Theologen laden im ST zur Andacht ein

Erinnerungen ans vergangene Jahr geben Mut

Die Lutherkirche.
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Die Lutherkirche.

Heute mit dem evangelischen Pfarrer Christian Lerch.

Liebe Leserinnen, Liebe Leser,

In der ersten Januarwoche, nach der Betriebsamkeit der Weihnachtszeit, komme ich endlich dazu, meinen Schreibtisch aufzuräumen. Muss mich entscheiden, was weg kann und was sich zu behalten lohnt. Irgendwie auch eine symbolische Tätigkeit am Anfang eines neuen Jahres. Was nehme ich jetzt mit ins Jahr 2022 und was nicht? Ich gehe beim Aufräumen auch noch mal alte Predigten und Andachten durch. Zwischendurch fällt mir ein Bibelvers aus dem Philipperbrief in die Hände: „Ich vergesse, was hinter mir liegt und strecke mich aus nach dem, was vor mir ist.“ (Philipperbrief 3,13)

Der Satz passt auf den ersten Blick perfekt in meine Stimmung. Vielleicht sticht er deshalb so heraus. Vieles aus dem alten Jahr möchte ich auch im übertragenen Sinn in die Ablage sortieren und lieber vergessen. Pandemie und Hochwasser und vieles, was sonst noch so in den Nachrichten war. Auch persönliche Rückschläge; Krankheitszeiten und Trauerfälle in der Familie. Vermutlich geht es vielen ähnlich.

Aber ganz davon abgesehen, ob das Jahr wirklich nur zum Vergessen war, oder ob es nicht auch doch genug Gutes gibt, was ich mitnehme: Ist es eigentlich das was Paulus meint – die Vergangenheit zu den Akten legen und gar nicht mehr daran denken?

Nein, das kann eigentlich nicht gemeint sein. Denn weder kann ich die unliebsamen Ereignisse einfach so vergessen, noch will ich doch die Dinge vergessen, die schön und gelungen waren in diesem Jahr, die mir Hoffnung gegeben haben. Das muss auch Paulus klar gewesen sein, als er den Philipperbrief geschrieben hat.

Denn der Text geht nämlich noch weiter: „Ich laufe auf das Ziel zu, um den Siegespreis zu gewinnen: die Teilhabe an der himmlischen Welt, zu der Gott uns durch Christus Jesus berufen hat.“ Paulus vertraut darauf, dass Gott ihn nicht ins Leere laufenlässt, sondern in Richtung seiner heilsamen Gegenwart. Gerade auch in dieser unvollkommenen Welt.

Pfarrer Christian Lerch

Die Pointe in Vers 13 ist nicht das Hadern mit der Vergangenheit. Die Pointe ist der Blick nach vorne. Entscheidend ist dabei die Perspektive. Denn wenn wir Hoffnung haben, verändert das auch die Dinge, die wir aus der Vergangenheit in die Zukunft mitnehmen. Dann sind die Erinnerungen nicht mehr nur Ballast, sondern wir entdecken auch sicherlich genug an Proviant in unserem inneren Gepäck.

Und wenn ich die zurückliegenden Monate noch einmal auf einen zweiten Blick Revue passieren lasse, dann versuche ich, sie aus der Perspektive der Hoffnung zu sehen.

Dann nehme ich nicht nur Erinnerungen an große und kleine Katastrophen mit ins neue Jahr, sondern auch genug Erlebnisse, die mir Mut machen.

Entscheidend ist die Perspektive. Wenn wir Hoffnung haben, verändert das auch die Dinge, die wir aus der Vergangenheit in die Zukunft mitnehmen.

Erinnerungen an Solidarität und nachbarschaftliche Hilfe. An Gemeinschaft, die auch durch Zeiten der Kontaktbeschränkungen hindurch zusammenhält. Erinnerung daran, Trost zu geben und zu bekommen. Erinnerung daran, auch in schwierigen Zeiten getragen zu sein.

Das hat nichts mit Schönfärberei zu tun; zumindest dann nicht, wenn ich weiß, wo ich diese Perspektive herbekomme. Nicht durch Verdrängung, sondern dadurch, dass ich mich in Gottes Perspektive hineinversetzen lasse. Im Vertrauen darauf, dass Gott genau in dieser Welt gegenwärtig ist. Mit allem, was mir Angst macht und auch mit allem, was mich stärkt und freut.

Diese hoffnungsvolle Perspektive wünsche ich Ihnen für das Jahr 2022.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Pfarrer Christian Lerch

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