Neue Lehrkräfte

An allen Schulformen in Solingen fehlen Lehrer

Acht Grundschullehrerinnen und zwei Grundschullehrer wurden kürzlich vereidigt.
+
Acht Grundschullehrerinnen und zwei Grundschullehrer wurden kürzlich vereidigt.

Allein an den Grundschulen sind 19 Stellen vakant.

Von Anja Kriskofski

Solingen. Zum traditionellen Einstellungstermin 1. November haben auch in Solingen neue Lehrkräfte ihren Dienst aufgenommen. So wurden acht neue Lehrerinnen und zwei Lehrer für die Grundschulen vereidigt, die ihr Referendariat abgeschlossen haben. Insgesamt wurden 14 Stellen im Primarbereich besetzt, teilt die Bezirksregierung Düsseldorf auf Anfrage mit. Dennoch sind weiterhin 19 Stellen vakant – allein an den Grundschulen. Viele Lehrkräfte fehlen auch an den Realschulen, wo von sieben offenen Stellen zwei besetzt werden konnten, und auch an der Sekundarschule, die drei Vakanzen hat.

Wie die einzelnen Schulformen mit Lehrkräften ausgestattet sind, führt die Bezirksregierung in einer Tabelle auf, die auch eine „Personalausstattungsquote“ aufweist. Demnach kamen die Grundschulen am Auswertungstag 8. November auf 95,2 Prozent, Realschulen auf 96,3 Prozent und die Sekundarschule auf 92,2 Prozent. Die Berufskollegs haben 99,2 Prozent, Gesamtschulen 98,5 Prozent und Gymnasien 98,4 Prozent. Einzig die Förderschulen erreichen eine Quote von 100,7 Prozent.

Eine zu geringe Personalausstattung an einzelnen Schulen bedeute nicht automatisch, dass der Unterrichtsbedarf nicht gedeckt werden könne, teilt eine Sprecherin der Bezirksregierung mit. Gleichzeitig stehe eine zu hohe Personalausstattung auf dem Papier nicht unbedingt für eine Überversorgung einer Schule. Wie viele Lehrkräfte braucht es? Von der Bezirksregierung heißt es dazu schwammig: „Schulen sind grundsätzlich dann auskömmlich mit Lehrpersonal ausgestattet, wenn mit der Personalausstattung die Unterrichtsversorgung – unter Umständen beispielsweise auch durch Vertretungsregelungen – gewährleistet werden kann.“

Kurzfristige Ausfälle können nicht kompensiert werden

Die Lehrerverbände sehen die Situation kritisch, auch an den Förderschulen mit ihrer vermeintlich guten Personaldecke. „Statistisch sind 100 Prozent Besetzung in der Förderschule ein trügerisches und gefährliches Bild, denn die reale Situation vor Ort ist wesentlich schlechter“, sagt Jens Merten vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) Solingen. Denn in der Besetzungsquote seien auch alle Schwangeren, langzeiterkrankten und beurlaubten Lehrkräfte (zum Beispiel in Elternzeit) enthalten – „egal, wie beziehungsweise ob sie vertreten werden“. Hinzu kommen laut Merten kurzfristige Ausfälle, die ad hoc nicht kompensiert werden könnten. Um eine Reserve für krankheitsbedingte Ausfälle zu haben, müssten die Schulen auf eine Quote von 105 Prozent kommen.

Darauf weist auch Dirk Bortmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Solingen hin: „Eine Ausstattungsquote von 100 Prozent bedeutet, dass es nicht einen Menschen gibt, der für Vertretungen zur Verfügung steht. In solchen Fällen leisten die vorhandenen Lehrkräfte Mehrarbeit.“ An den Förderschulen stellten sich zudem weitere Probleme: „Zum einen ist ihr Klientel auch durch soziale Probleme und Traumatisierungen immer herausfordernder geworden. Zum anderen hat das Land die Schüler-Lehrkräfte-Relation vor allem im Bereich der Kinder mit emotionalem und sozialen Förderbedarf deutlich verschlechtert – was zu Lasten von beiden geht.“

Extrem schlecht seien weiterhin die Zahlen für die Sekundarschule, die Realschulen und die Grundschulen, betont Bortmann. Es gebe unter anderem bei einzelnen Grundschulen eine Personalausstattung von unter 90 Prozent. „Auch Zahlen der anderen Schulformen sind nicht wirklich gut, weil darin Vertretungskräfte und Seiteneinsteiger enthalten sind. Vom Gymnasium und den Förderschulen abgesehen, sind viele ohne entsprechende Ausbildung tätig und werden vom vorhandenen Personal zusätzlich angeleitet.“

Laut Jens Merten gebe es aktuell an den meisten Schulen 70 bis 80 Prozent ausgebildetes Stammpersonal, die übrigen seien Vertretungskräfte wie Studierende.

Verfahren

16 von 45 Stellen, die von den Schulen selbst ausgeschrieben wurden, konnten laut Bezirksregierung zum 1. November besetzt werden. 16 weitere wurden über das Listenverfahren vergeben. Dabei können sich Bewerber in einer landesweiten Datei registrieren lassen und Schul- und Ortswünsche angeben. Passt das zum Bedarf einer Schule, erhalten sie ein Einstellungsangebot.

Standpunkt von Simone Theyßen-Speich: Lehramt attraktiv machen

simone.theyssen-speich@solinger-tageblatt.de

Es fehlt qualifiziertes Personal. Das ist in den Schulen nicht anders als in vielen anderen Branchen. Besonders dramatisch in der Pädagogik ist aber, dass einmal Versäumtes nicht nachgeholt werden kann. Die Unterrichtsstunde, die ausfällt, weil ein Lehrer krank und kein Vertretungslehrer verfügbar ist, ist verpasst. Und wenn der Stundenplan wegen Lehrermangels reduziert werden muss, bleibt Wissensvermittlung auf der Strecke.

Gerade jetzt, wo eigentlich mehr Lehrer und kleinere Lerngruppen notwendig wären, um die Corona-Defizite bei Kindern und Jugendlichen auszugleichen, ist das dramatisch. Der Weg, Quereinsteiger und Studenten in die Kollegien zu holen, ist kurzfristig richtig. Mittelfristig muss aber überlegt werden, warum es zu wenig Lehramtsstudenten gibt – trotz der vielzitierten zwölf Wochen Schulferien. Wer die Abbrecherquoten etwa beim Primarstufen-Studium sieht, weil höhere Mathematik auch für Grundschullehrer gefordert wird, der sollte auch an diesem Punkt ansetzen.  

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Modehaus Schlemper in Ohligs schließt
Modehaus Schlemper in Ohligs schließt
Modehaus Schlemper in Ohligs schließt
Der Weyersberg birgt Brisanz
Der Weyersberg birgt Brisanz
Der Weyersberg birgt Brisanz
Pro Jahr entstehen in Solingen 400 Wohnungen
Pro Jahr entstehen in Solingen 400 Wohnungen
Pro Jahr entstehen in Solingen 400 Wohnungen
Hier soll ein Platz für die Ohligser entstehen
Hier soll ein Platz für die Ohligser entstehen
Hier soll ein Platz für die Ohligser entstehen

Kommentare