Andacht

Am liebsten so sein wie der Heilige St. Martin

Der katholische Pfarrer Michael Mohr macht sich Gedanken über das, was den Heiligen St. Martin – und andere – ausmacht. Fotos: Christian Beier
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Der katholische Pfarrer Michael Mohr macht sich Gedanken über das, was den Heiligen St. Martin – und andere – ausmacht.

Theologen laden zur Andacht ein – heute Stadtdechant Michael Mohr

Liebe Leserin, lieber Leser,

haste was, dann biste was. Kennen Sie dieses alte Sprichwort? Der Autor Karlludwig Opitz hat sogar ein Buch daraus gemacht, in dem ein junger Mann im Deutschland der 1930er Jahre diese Erfahrung macht: Haste was, dann biste was; haste nix, biste schon gar nix. Mir kam dieser Satz in den Sinn, als ich das Evangelium vom kommenden Sonntag las. Da sind die Reichen, die Wichtigen und Mächtigen. Jeder weiß, wie wichtig sie sind, und jeder ist beeindruckt davon, wie viel sie für gute Zwecke geben: Haste was, dann biste was. Und da ist die Witwe. Zu Jesu Zeiten, also ohne Witwenrente, soziales Netz oder Grundsicherung ein Mensch, der in der Gesellschaft quasi nicht mehr existiert: Haste nix, biste schon gar nix.

Von den Reichen und Mächtigen sagt Jesus sogar: „Sie fressen die Häuser der Witwen auf“. Auf Kosten der Armen leben die Reichen ihren Reichtum, und die Armen werden einfach übersehen und immer ärmer. Ich frage mich, ob es nicht heute ganz ähnlich ist? Armut ist oft unsichtbar, und man muss sehr genau hinschauen, um sie zu sehen. Die Witwe in der Bibel steht nicht an den Straßenecken und bettelt, sondern sie versucht ihr Leben mit dem Wenigen, was sie hat, zu leben. Jesus aber nimmt wahr, wie viel mehr diese Witwe im Vergleich zu den anderen gegeben hat. Ich hoffe nur, dass die Zuhörer die Geschichte weitergedacht und erkannt haben, wie notwendig es ist, aufmerksam zu sein für die stille Not vieler Menschen. Und wie notwendig es ist, dann auch zu helfen und nicht auf Kosten der anderen ein ruhiges Leben zu führen.

Am 11. November feiern wir das Fest des heiligen Martin. Wie wunderbar sind die vielen Lichter, die von den Kindern durch die Straßen getragen werden. Und trotzdem ist dieses Fest kein „herbstliches Lichterfest“, sondern das Fest zu Ehren des heiligen Martin. Hoch zu Ross war er unterwegs als Soldat der Reiterei der Kaiserlichen Garde. Er hat es zu etwas gebracht, hatte sein Auskommen und war gut angesehen: Haste was, dann biste was.

Vier verschiedene Typen von Menschen. Wer möchte ich sein?

Stadtdechant Michael Mohr.

Den Grund, das Dunkel mit Laternen hell zu machen ist, kennen die allermeisten Menschen. Martin begegnet vor dem Stadttor von Amiens einem blinden Bettler. Und er hat ihn nicht einfach übersehen, sondern er ist aufmerksam geworden. Ihm ist klar geworden: Ich muss etwas tun, sonst erfriert dieser Mann. Er zog sein Schwert, teilte seinen Mantel und gab die eine Hälfte dem Bettler. Die Geschichte ist übrigens passiert, bevor Martin gläubig war. Dass Christus selbst ihm in diesem Bettler begegnet ist, hat er erst nachts in einem Traum verstanden.

Die unbarmherzigen Großspender, die arme Witwe, der aufmerksam helfende Martin, der nackte Bettler: vier verschiedene Typen von Menschen. Wer möchte ich sein? Und: Wer bin ich?

Natürlich möchte ich am liebsten wie der aufmerksame Martin sein. Aber auch die Witwe ist für mich Vorbild: Mit dem zurechtkommen, was man hat, und trotzdem mit ganzem Herzen zu geben, weil man auf Gott vertraut: Das ist beeindruckend.

Aber manchmal bin ich auch hilflos wie der Bettler. Und ab und an leider auch wie die unbarmherzigen Großspender, die von sich und ihren guten Taten allzu überzeugt sind. Und Sie?

Ihr Pfarrer Michael Mohr

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