Als sich Georg Meistermann rühmte, Schnitzel verzehrt zu haben

Bergische: ST-Autor Wilhelm Rosenbaum blickt hinter die Kulissen der Anfangsjahre

Von Wilhelm Rosenbaum

1951: Eine originell-bestückte Tombola sollte die Attraktivität der jungen Kunstausstellung steigern. Und der Erfolg gab den Initiatoren recht: Stattliche 774 Lose waren schließlich verkauft, um per Verlosung ein Aquarell von Josef Horn oder einen Holzschnitt, wahlweise „Zirkus“ oder „Mutter“, von Anneliese Everts zu erhalten. Die glückliche Gewinnerin des Aquarells war schließlich Frau Lore Glaser aus Haan. Der Everts-Holzschnitt, mit der Losnummer 44 dekoriert, landete, wie das Schicksal so spielt, doch tatsächlich bei einem ihr natürlich gut bekannten Künstler-Kollegen, beim Ohligser Bildhauer Artur Wasserloos.

1952: Den Job der alle Werke auswählende Jury sollte man sich nicht zu leicht vorstellen. Immerhin, wahre Hungerleider muss man andererseits in diesem Gremium auch nicht erwarten. Denn ein Blick in die vergilbten Abrechnungen jener frühen Jahre offenbart, dass es dort an leiblichen Segnungen wohl nicht fehlte. Für den April 1952 stehen da beispielsweise zehn Kannen Kaffee und 60 Portionen Kuchen „plus Bedienung“ zu Buche. Und bei einer zweiten Sitzung waren fällig: zehn Wiener Schnitzel, fünf Steinhäger, sieben Bier und acht Zigarren. Auch wenn Diskretion ein selbstverständliches Markenzeichen praktisch jeder Kunst-Jury ist, hat es der bekannte Solinger Glasmaler Georg Meistermann, der damals als Juror berufen war, zeitlebens nicht an dem Hinweis fehlen lassen, bei jenem Kunstrichter-Meeting sei er ganz maßgeblich am Verzehr der besagten Schnitzel beteiligt gewesen.

1962: Das Jahr markiert eine Zäsur. Eine Art Götterdämmerung ist Fakt geworden, liest man den bilanzierenden Kommentar des ST-Kulturredakteurs Helmut Schaeffer: „Zum ersten Male befindet sich unter den 123 ausgestellten Gemälden, Plastiken und Grafiken auch nicht ein einziges Werk mehr, das an dieses Land erinnert, dessen Namen die Ausstellung trägt, obwohl sich unter den teilnehmenden Künstlern allein 23 Solinger befinden. Wir mögen das beklagen oder begrüßen, es als Verlust unserer Heimatliebe oder als ein Hineinreifen in eine größere Gemeinschaft ansehen: Es bleibt Tatsache.“

1964: Bildtitel bieten Orientierung, oft auch nützliche Hilfestellung. Im Premierenjahr etwa thematisierten sie zahlreiche Impressionen der zurückliegenden Kriegsjahre. „Einsamer Schwan“ von Rudolf-Werner Ackermann war das erste Werk im Katalog überhaupt, „Winter im Weinsbergtal“ zeichnete Ernst Simon, Erwin Johannes Bowien nahm sich „Bagger in den Leichlinger Sandbergen“ vor. Vergleicht man diese Auswahl mit der „Ausbeute“ der frühen Sechziger, in denen die Titel immer rätselhafter, ironischer und – man darf das so interpretieren – zunehmend privater und damit folglich auch unverständlicher wurden, so ist ein Fixpunkt zweifellos 1964 erreicht. Da lieferte Helmut Josef Hüngerberg eine Arbeit mit dem Titel „H H 20 /I L O“. Da darf der Betrachter die Alltagsfrage stellen: Was hat sich der Künstler dabei gedacht?

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