Ausstellung

Als Pina Bausch mit dem Objektiv kokettierte

Walter Vogels Markenzeichen ist der weiße Handschuh an der linken Hand. Er fasst ungern Türklinken an. In seinen Arbeiten hat er aber kein Problem mit Nähe. Ganz intim wirken seine Motive des Augenblicks.
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Walter Vogels Markenzeichen ist der weiße Handschuh an der linken Hand. Er fasst ungern Türklinken an. In seinen Arbeiten hat er aber kein Problem mit Nähe. Ganz intim wirken seine Motive des Augenblicks.

Der Düsseldorfer Fotograf Walter Vogel zeigt zu seinem 90. Geburtstag Porträts der Solinger Tänzerin im Art-Eck.

Von Philipp Müller

Solingen. Verliebt, verführerisch, nachdenklich, charmant und auch ganz ernst blickte Pina Bausch zwischen 1965 und 1967 ins Objektiv der Kamera des Fotografen Walter Vogel. Der bekannte Individualist hinter der Kamera zeigt ab heute Abend Bilder der berühmten Solinger Tänzerin und Choreographin im Gräfrather Art-Eck von Dirk Balke. Neben den Bausch-Porträts offenbart Vogel eine andere Leidenschaft, die ihn fotografisch bis heute fesselt: die für italienischen Espresso.

Nach Solingen ins Art-Eck von Dirk Balke kommt er, weil der Galerist die Fotos von Walter Vogel im Düsseldorfer Kunstpalast gesehen hat. „Ich und meine Frau waren davon total geflasht“, erzählt Balke. Und weil Vogel ein so bekannter Name ist, ist die Galerie mit Packpapier vor neugierigen Blicken bis zur Vernissage heute Abend geschützt.

In den Vogel-Fotos von Pina Bausch ist schnell zu erkennen, dass sich die junge Künstlerin ganz dem Fotografen hingab, ihm vollständig vertraute und so ihre Seele öffnete. Das war zunächst nicht zu erwarten, wie Walter Vogel erzählt. Er befand sich noch im Studium bei Otto Steinert an der Folkwangschule Essen, lebte aber weiter in Düsseldorf und wurde auf Bausch aufmerksam gemacht. „Sie hatte 1965 schon einen Heiligenschein und ich bin im Sommer dieses Jahres zu ihr hingetragen worden.“ Ein Bekannter machte ihn auf die in Essen tanzende Pina Bausch aufmerksam. Sie war Solistin im „Folkwang-Ballett“ von Kurt Jooss. Als Fan der Oper wollte er ausprobieren, ob er auch Fotos bei Aktionen und Bewegungen auf der Theaterbühne hinbekommt. Vogel fuhr zu einer Tanzaufführung. „Die Frau hat mich als Künstlerin umgehauen“, erinnert er sich. Pina Bausch, die eine Vorliebe für Cafés hatte, begutachtete Vogels Schwarz-Weiß-Abzüge in einem solchem. „Sie fand das alles fruchtbar“, erzählt Vogel. Und doch rauften sich beide zusammen. Es kam zu mehreren Sitzungen für Porträts. „Pina ließ sich gerne von mir fotografieren“, ist Vogels heutige Bilanz.

Die Vertrautheit zwischen Bausch und Vogel kommt nicht von ungefähr. Er habe immer schon ein geschultes Auge für Motive gehabt. „Ich bin seit Kindesbeinen guck-süchtig.“ Zugleich sagt er über sich, dass er „ein guter Handwerker“ ist – nicht ganz ohne das für ihn offenbar typische Eigenlob mit einem schelmischen, kaum zu sehenden Zwinkern in den wachen Augen. „Ich bin Reproduzierer und kein Künstler“, diktiert er. Fotografie sei für ihn keine Kunst. Der am 18. Oktober 90 Jahre alt werdende Vogel wird grundsätzlich. „Die Fotografie hat so einen hohen Eigenwert, dass sie sich nicht unter dem Deckmantel der Kunst verstecken muss.“

Porträts der Solinger Tänzerin Pina Bausch zeigt Walter Vogel im Art-Eck. Sie entstanden in den Jahren 1965 bis 1967 während seines Studiums an der Folkwangschule in Essen.

Am Ende kommt es für ihn auf eine besondere Mischung an: Erfahrung, Intuition, Gefühl und Spontanität führten zum richtigen Augenblick, den Auslöser zu drücken, um diesen Augenblick für die Ewigkeit festzuhalten. Im Alter werde es aber immer schwerer diesen Punkt zu treffen, weil die Erfahrung über die anderen Komponenten siegen wolle und das Ergebnis schlechter mache. Denn Fotografen hätten jedes Mal das gleiche Problem, eigentlich am Anfang zu stehen, wenn sie ein Motiv in Augenschein nehmen: „Man kann den Zauber nicht wiederholen, der den Fotografen einmal in einem perfekten Moment geleitet hat.“

Aber er konnte ihn wohl gut imitieren. Denn als journalistischer und künstlerischer, Pardon, handwerklicher Fotograf, arbeitete er für große Zeitungen wie Zeit oder Welt, für die Wirtschaft und viele andere Auftraggeber. Er kommt noch einmal auf den richtigen Moment zu sprechen: „Selbst ein Gebäude erzählt mir durch das sich ändernde Licht, wann der richtige Augenblick für das Foto gekommen ist.“

Heute verfasst Vogel Bücher mit Fotos. So auch über Pina Bausch, den Espresso und die Kultur der Kaffeehäuser. Die Leidenschaft hat er von seinem Vater. „Nach dem Krieg hat er sogar wertvolle Sachen gegen Kaffee getauscht.“ In Italien, wohin ihn vor allem das Interesse für die Malerei der Renaissance zog, lernte Vogel zunächst am Rande der Reisen den Espresso und das Leben in den Bars für den kleinen Schwarzen kennen.

Die Leidenschaft des Vaters für Kaffee übertrug sich schnell, besonders den nach italienischer Rezeptur mit Maschinen produzierten. „Ohne diesen Kaffee kann ich nicht mehr leben“, sagt er. Er fotografierte dies selbstredend ausführlich.

Im Art-Eck sind wunderbare Momente zu sehen – fast riecht man den Espresso. „Mit meinem Buch war ich der Wegbereiter für eine neue Kaffee-Kultur in Deutschland.“ Er habe sie praktisch begründet und ausgelöst. Übertreibt der Mann, der als Markenzeichen links einen weißen Handschuh trägt, weil er Türklinken ungern anfasst, jetzt wieder in Sachen Selbstbewusstsein? Die Fotos jedenfalls geben ihm recht.

Walter Vogel

Fotograf: Seit 1950 fotografiert der 1932 geborene Düsseldorfer. Bekannt wurde er unter durch Porträts von Künstlern und Kunstschaffenden – unter ihnen Joseph Beuys und Pina Bausch. Zu Bausch erschien 2000 ein Buch im Verlag Quadriga.

Vernissage: Heute, Freitag, 14. Oktober, 18.30 Uhr, Art-Eck, Küllersberg 1

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