„Nicht ist mehr so, wie es einmal war“

Ärztin schildert im Tagebuch die Flutkatastrophe an der Ahr

Anna-Katharina Ebert hat ihre Gedanken und Erlebnisse in einem Tagebuch zusammengefasst. Foto: Moritz Alex
+
Anna-Katharina Ebert hat ihre Gedanken und Erlebnisse in einem Tagebuch zusammengefasst.

Anna-Katharina Ebert hat ihre Tagebuch-Aufzeichnungen nach der Nacht auf den 15. Juli veröffentlicht. Die in Solingen aufgewachsene Fachärztin arbeitet in Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Von Jutta Schreiber-Lenz

Solingen. „Nichts ist mehr so, wie es einmal war“, hat Anna-Katharina Ebert ihre Tagebuch-Aufzeichnungen überschrieben, die seit September als Taschen- und Hörbuch vorliegen. Die in Solingen geborene und bis zum Abitur an der Schwertstraße hier lebende angehende Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie erlebte in der Nacht auf den 15. Juli hautnah mit, wie die Hochwasser-Flut nicht nur Privates und Persönliches zerstörte, sondern auch die Dr. von Ehrenwall’sche Klinik in Bad Neuenahr-Ahrweiler, in der sie arbeitet.

Inzwischen habe man sich in den Behelfslösungen so weit eingerichtet, dass so etwas wie Alltag zurückgekehrt sei, berichtet die 33-Jährige, der das Ganze immer noch „irgendwie surreal“ vorkommt. Häuser, Straßen, Brücken sind nach wie vor kaputt, Schulen und Kliniken zum Teil ausgelagert, die Vegetation ist verschlammt und vermüllt. „Ich pendele zwischen zwei Standorten, in denen unsere stationären Patienten untergekommen sind“, berichtet sie.

Nach wie vor habe sie mit traumatisierten Menschen zu tun, die spürten, wie viel Kraft ihnen diese Krise genommen hat. „Zunächst war eine schier unfassbare Energie bei den Menschen wahrzunehmen, die schon einen Tag nach der Katastrophennacht angepackt und geschuftet haben. Unterm Strich wird in Bad Neuenahr auch positiv nach vorne geschaut, seelische Wunden gibt es dennoch reichlich.“
Dazu auch: Bergische Macher-Podcast: Felix Krause - was die Hochwasserkatastrophe für den Schadensregulierer für Versicherungen bedeutet.

Im Tagebuch, das sie zehn Tage nach dem 15. Juli geschrieben hat, um ihre eigenen Erlebnisse zu verarbeiten, geht sie gedanklich Schritt für Schritt zurück und sortiert zeitliche Abläufe. Zum Beispiel die Telefonate mit einer Freundin, die um Hilfe bat, weil deren Keller bereits vollgelaufen war. Die mit ihrer Mutter, die abends auf dem Weg von einem Besuch in Overath nach Neuenahr zurück schon nicht mehr durchkam, weil die Autobahn gesperrt war. Telefonate mit einer Kollegin, die vom Ausfall der Technik im Krankenhaus berichtete.

Ich habe es gerade noch geschafft, meinen Wagen den Hang hinaufzufahren, mein Freund nicht mehr.

Anna-Katharina Ebert 

Ebert erinnert sich an das dringliche Klopfen an der Wohnungstür mit dem hastigen Appell, schnell die im Hof geparkten Autos wegzufahren wegen heranrollender Wassermassen. „Ich habe es gerade noch geschafft, meinen Wagen den Hang hinaufzufahren, mein Freund nicht mehr: Musste ich durch knöcheltiefes Wasser fahren, war es bei ihm binnen Minuten schon auf Kniehöhe“, berichtet sie.

In den nächsten Tagen machte Anna-Katharina Ebert sich als Ärztin nützlich. Arbeitete im Rettungsdienst und betreute Menschen in hastig eingerichteten Not-Unterkünften. „In dem Bürgersaal in Grafschaft waren junge Familien, Senioren und später noch mit dem Helikopter eingeflogene alte Menschen aus einer Einrichtung, die auf Notpritschen lagen. Bilder wie im Krieg“, fasst sie zusammen.

Das Buch: Anna-Katharina Ebert: Nichts ist mehr so, wie es vorher war. ISBN: 9798469686569, 71 Seiten, etwa zehn Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Welche Kreuzung suchen wir heute?
Welche Kreuzung suchen wir heute?
Welche Kreuzung suchen wir heute?
Impfstation: Falsches Vakzin gespritzt
Impfstation: Falsches Vakzin gespritzt
Impfstation: Falsches Vakzin gespritzt
Mindestlohn von 12 Euro sorgt für Debatte
Mindestlohn von 12 Euro sorgt für Debatte
Mindestlohn von 12 Euro sorgt für Debatte
Corona: Erneut Todesfall in Zusammenhang mit Covid-19 in Solingen
Corona: Erneut Todesfall in Zusammenhang mit Covid-19 in Solingen
Corona: Erneut Todesfall in Zusammenhang mit Covid-19 in Solingen

Kommentare