Schriftstellerin

Aenne Franz präsentiert ihre Biografie

In zahlreichen Ordnern hat Aenne Franz ihre Lebensgeschichte und damit ein Stück Solinger Zeitgeschichte dokumentiert. Foto: Christian Beier
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In zahlreichen Ordnern hat Aenne Franz ihre Lebensgeschichte und damit ein Stück Solinger Zeitgeschichte dokumentiert.

Mundartschriftstellerin (93) fasste Solinger Zeitgeschehen zusammen. Dazu gibt es mehrere Ordner mit Familiengeschichte.

Von Andreas Erdmann

Ihr politisches Bewusstsein erwacht am 30. Januar 1933: „Ich war zehn Jahre alt, als am Abend von Hitlers Machtergreifung ein Fackelzug uniformierter NSDAP-Anhänger die Schützenstraße hinunter marschierte.“ Der Zug passiert ihr Elternhaus an der Schützenstraße 51. Plötzlich stürmt die Gestapo die Wohnung und führt ihren Vater ab zum Verhör. Der Grund: „Wir hatten keine Hakenkreuzfahne am Fenster hängen.“

Dies gehört zu den einschneidenden Erlebnissen der Solinger Mundartschriftstellerin Aenne Franz, die jetzt im Alter von 93 Jahren ihre Biografie in sechs schweren Ordnern Zeitgeschichte zusammengetragen hat, dazu Ordner mit privater Familiengeschichte. „Es wäre wünschenswert, wenn sie der Nachwelt erhalten bleiben. Wenn möglich im Stadtarchiv oder auch in gedruckter Form.“

Geboren wird sie als Aenne Mathonet am 21. Oktober 1923 in einer sozialdemokratischen Schleiferfamilie. 1938 wird ihr Vater erneut von der Gestapo abgeführt. „Ich sollte beim Aufmarsch der Jungmädel auf dem Schulhof der heutigen August-Dicke-Schule das Parteiabzeichen der NSDAP bekommen. Um mich davor zu bewahren, hat er mich in der Küche eingeschlossen.“

Nach ihrer Ausbildung als Bürokraft durch das Kaufhaus Gries erlebt sie eine Odyssee durch Polen und Ostdeutschland. „So wurde ich 22-jährig zwangsweise zu Ernteeinsätzen nach Posen eingezogen.“ Entsetzlich: „Die Eindrücke im jüdischen Ghetto Lodz. Wie ein SS-Mann auf offener Straße einen Ghettobewohner erschoss, vergesse ich nie.“

1943 leistet sie Reichsarbeitsdienst in Thüringen. „Bei Gera wurde ich zu Feldarbeiten eingesetzt, mistete Ställe aus, half in Haushalten und umsorgte Kleinkinder.“ Nach dem Mauerfall sucht sie das damals betreute Zwillingspaar wieder auf. „Noch heute verbindet uns eine tiefe Freundschaft.“ Beim anschließenden Kriegshilfsdienst wird sie zur Straßenbahnfahrerin und Schaffnerin ausgebildet.

1946 maßgeblich am Wiederaufbau des SPD-Ortsvereins beteiligt

1944 kehrt sie nach Solingen zurück. „Am 4. November saß ich zitternd mit Eltern und Großeltern im Keller. Wir hörten über uns die Bomben einschlagen und rochen Brandgeruch. Unser Haus wurde getroffen.“ Ihren Bruder sieht sie nach dem Krieg nicht wieder. Er gilt als verschollen. Sie ist ab 1946 maßgeblich am Wiederaufbau des SPD-Ortsvereins und der Solinger Arbeiterwohlfahrt (Awo) beteiligt. Am 1. September 1947 wird sie erste Awo-Sekretärin. Zu ihren anfänglichen Aufgaben im Büro im Coppelstift gehört es, die Care-Pakete aus den USA zu verteilen. 1951 heiratet sie den Geschäftsführer Ernst Franz. Die gemeinsame Tochter ihrer 29-jährigen Ehe ist die Journalistin Renate Franz.

Mundart, „Soliger Platt“, zu sprechen und zu schreiben, war schon als Kind ihr Steckenpferd. 1967 tritt sie den Mundartautoren „De Hangkgeschmedden“ bei. Viele Jahre gilt sie als deren „Baas“ (Chef). Unzählige ihrer Gedichte und Geschichten werden im ST und in Anthologien veröffentlicht. Beim WDR-Rundfunk ist sie als Mundartsprecherin tätig und übernimmt 1983 die Leitung der Rheinischen Mundartschriftsteller Bergisches Land.

2012 wird Aenne Franz für 65-jährige SPD-Zugehörigkeit geehrt. Anfang 2013 tritt sie als Revisorin der Awo zurück. Sie wird mit dem „offenen Herz“ ausgezeichnet. Auch mit 93 Jahren zieht sich Aenne Franz nicht aufs Altenteil zurück. Sie schreibt weiter Geschichten, hilft im Wohlfahrtsverband und verfolgt die Spiele der „Alligators“ am Weyersberg. „Ich bin eine der wenigen, die noch persönlich vom Unrecht der NS-Diktatur berichten können“, unterstreicht die Sozialdemokratin: „Umso wichtiger wäre es, meine Biografie für die jungen Generationen zu erhalten.“ 

DE HANGKGESCHMEDDEN

AUTOREN De Hangkgeschmedden, wörtlich „Die Handgeschmiedeten“, gelten als eine der bekanntesten Mundart-Autorengruppen des Bergischen Landes. Die Wurzeln reichen bis 1947 zurück, als der Bergische Geschichtsverein Otto Hoppe von der Sektion Solingen bat, eine Arbeitsgemeinschaft zur Pflege der „Soliger Platts“ zu gründen. 1951 wurde die Gruppe gegründet. Mit „Finngepliest“ erschien 1959 die erste Anthologie. 1976 wurde ihnen der Rheinlandtaler verliehen, 1991 der Kulturpreis der Bürgerstiftung Baden.

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