Solinger Rockgeschichte

Accept erobert von Solingen aus die Welt

Am Nordbahnhof in den Räumen links, in denen sich heute das Probenraumhaus Monkeys befindet, starteten Udo Dirkschneider und Stefan Kaufmann (oben von links) zusammen mit Wolf Hoffmann (unten von links) Peter Baltes und Herman Frank als Accept ihre Weltkarriere, die bis heute anhält. Foto: Ray Palmer
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Am Nordbahnhof in den Räumen links, in denen sich heute das Probenraumhaus Monkeys befindet, starteten Udo Dirkschneider und Stefan Kaufmann (oben von links) zusammen mit Wolf Hoffmann (unten von links) Peter Baltes und Herman Frank als Accept ihre Weltkarriere, die bis heute anhält.

Die bis heute andauernde Erfolgsgeschichte der Metalrocker begann vor fast 50 Jahren.

Von Julian Müller

Solingen. Die 1970er auf ein paar große Namen und Stilistiken zu reduzieren, ist kaum möglich. Zu groß war die Bandbreite. Über progressive Klänge und Punkrock aus Solingen habe ich bereits in dieser Reihe geschrieben. Doch auch eine härtere Gangart kam etwa zeitgleich zu voller Blüte. Angefangen mit dem Dreigestirn Black Sabbath, Deep Purple und Led Zeppelin kristallisierte sich Ende des Jahrzehnts der Heavy Metal aus dem Hardrock der frühen 1970er heraus.

Diesem Genre wird auch die wohl größte musikalische Erfolgsgeschichte unserer Stadt zugeordnet. Accept – bereits 1971 in Solingen gegründet – brauchten etwas Zeit, bis sie 1979 nach verschiedenen Umbesetzungen ihr erstes Album veröffentlichten. „Ich kam 1978 dazu, als die erste Platte gerade aufgenommen wurde“, erzählt der langjährige Accept-Schlagzeuger Stefan Kaufmann: „Mit meinem Ford Transit hatte ich der Band schon vorher mal geholfen, Equipment zu verladen – außerdem war ich mit Gitarrist Jörg Fischer in einer Klasse auf der Schwertstraße.“ Geprobt wurde in einem Pavillon am Kannenhof – die 30 Mark im Monat konnte man sich leisten.

1981 kam mit der dritten Platte „Breaker“ und einer Europa-Tournee mit der Metal-Legende Judas Priest der nächste Schub. „Ich war damals 20 Jahre alt und das war eine tolle Sache für uns. Wir sind zum ersten Mal im Nightliner gefahren und dachten jetzt haben wir es geschafft“, erinnert sich Kaufmann.

„Unsere Jobs mussten wir alle an den Nagel hängen.“

Stefan Kaufmann, Accept

Doch ganz so schnell sollte es doch nicht gehen. Getreu nach dem Motto „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land“ mussten erst weitere Touren durch Amerika und 1984 die „Monsters Of Rock“-Festivals gespielt werden, bevor auch hierzulande richtig hingehört wurde. „Unsere regulären Jobs mussten wir alle ab 1982 an den Nagel hängen“, sagt Kaufmann. 1983 kam mit „Balls To The Walls“ einer der nachhaltigsten Bandklassiker auf den Markt. Udo Dirkschneiders berüchtigter Schreigesang traf auf einen harten Bandsound.

Tourneen mit Bands wie Iron Maiden, Kiss oder Ozzy Osbourne folgten. Doch Accept ließen sich von den großen Namen nicht einschüchtern und mischten Anfang der 1980er ganz vorne mit. „Wenn wir nicht auf Tour waren, haben wir sieben Tage die Woche geprobt – das war unser Lebensinhalt“, erzählt Kaufmann. „Wir wollten nie nach jemand Bestimmtem klingen, sondern haben einfach Songs geschrieben.“

Das änderte sich erst, als nach mehreren erfolgreichen Jahren ein paar „wichtige Leute“ kamen, die meinten, man müsse den Sound der Band noch kommerzieller machen. Wie Bon Jovi oder Def Leppard sollte es klingen. „Wir waren zu jung, um uns dagegen aufzulehnen. Aber das war ein riesen Fehler und hat mir von Anfang an gestunken“, erinnert er sich Kaufmann.

Dirkschneiders Stimme wurde als unpassend empfunden. David Reece ersetzt ihn. „Ich habe mich dann fast gefreut, als das Album ,Eat The Heat’ 1989 gefloppt ist“, erzählt Kaufmann. Accept ohne Dirkschneider wollte zu dem Zeitpunkt einfach nicht funktionieren. Anfang der 1990er tat man sich nach einer Pause wieder zusammen. Der alte Erfolg kam zurück.

Kaufmann musste dann 1994 als aktives Mitglied aufgrund eines Bandscheibenvorfalls aussteigen, blieb der Band aber weiterhin als Produzent erhalten. „Als ich die Diagnose bekam, habe ich jedem eine Flasche Cognac auf den Tisch gestellt und ihnen gesagt, sie sollen das trinken, bevor ich ihnen etwas erzählen muss“, erinnert sich Kaufmann. „Aber ich akzeptiere generell Dinge so wie sie sind – und rege mich nicht auf.“

Später war er lange Zeit in Dirkschneiders neuer Band UDO als Gitarrist tätig. Auch zu Accept, die mittlerweile wieder ohne ihren Original-Sänger unterwegs sind, hat er ein gutes Verhältnis bewahrt. „,Blood Of The Nations’ und ,Stalingrad’ sind tolle Platten und 2014 habe ich mit ihnen das Album ,Blind Rage’ aufgenommen und darauf auch Schlagzeug gespielt“, sagt Kaufmann. Mit Bassist Peter Baltes trifft er sich noch heute öfter, um Songs zu schreiben, und auch bei UDO wirkt er hinter den Kulissen mit. „Im Juni kommt eine Platte vom Musikkorps der Bundeswehr zusammen mit UDO raus – die sollte eigentlich in Wacken uraufgeführt werden, aber dazu wird es jetzt ja nicht mehr kommen.“ Kaufmann, lebt seit 2013 wieder in Solingen und betreibt ein Studio. Zu der Solinger Musik-Szene hatte er nie große Kontaktpunkte.

So blieben Accept zumindest in den 1980ern eine Ausnahme in der Stadt. Lediglich das Metal Quartett Virgin des späteren Getwaway-Besitzers Jürgen Ries bot eine Alternative. Gegründet Ende der 1970er, brachten sie 1984 ihre erste und einzige Platte raus. „Wir hatten gehofft, dass es damit für uns richtig losgeht, aber das hat nicht geklappt“, erinnert sich Ries: „Die Verantwortlichen haben viel geredet, aber nur wenig von dem Versprochenen eingehalten.“ So war dann Mitte der 1980er wieder Schluss – der Beruf und das Ausbleiben des großen Erfolgs machten einen Strich durch die Rockstarträume.

Serie zur Solinger Musikgeschichte

Solingen hat eine reiche Musikhistorie, die über die Jahrzehnte immer wieder spannende Musiker und Bands hervorbrachte. Julian Müller, Kopf der Blackberries, unternimmt in seiner neuen Reihe eine Zeitreise durch die Vergangenheit. Dabei beleuchtet er internationale Erfolgsgeschichten, aber auch den Werdegang von lokalen Phänomenen, die es nicht über die Stadtgrenzen hinaus geschafft haben. Die Serie blickte bereits auf Bands wie die Lonestars, Promotion Soul Concern oder auch S.Y.P.H. zurück. Im nächsten Teil dabei: Phone Bone und die Solinger NDW-Gang.

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