Familienzeit

Abiturientin hat Corona-Auszeit auf dem Atlantik

Malina Waldmann (vorne rechts) überquert mit vielen anderen Jugendlichen auf einem Segelschiff den Atlantik. Foto: Waldmann
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Malina Waldmann (vorne rechts) überquert mit vielen anderen Jugendlichen auf einem Segelschiff den Atlantik.

Die Solingerin Malina Waldmann ist sechs Monate lang auf einem Segelschiff unterwegs.

Von Malina Waldmann

Sechs Monate auf einem Segelschiff, über 180 Tage weg von der Familie und allen Freunden, zwei Atlantiküberquerungen, unbekannte Länder und ganz viele neue Erfahrungen. Bei dem Projekt Ocean College lassen sich 30 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren auf dieses Abenteuer ein. Ocean College ist ein Auslandshalbjahr auf einem Segelschiff, der Pelican of London.

Auch ich, Malina, bin dieses Jahr Teil der Ocean-College-Familie. Ich hatte schon länger den Plan, nach meinem Abitur nicht direkt zu studieren. Ich will etwas von der Welt sehen und reisen, ohne unseren Planeten dabei zu zerstören. Auf Instagram habe ich von dem Projekt Ocean College erfahren und fand direkt, dass das sehr gut zu mir passt.

Denn bei Ocean College gibt es auch die Möglichkeit, sich als Watchleader zu bewerben, wenn man schon Abitur gemacht hat. Dabei trägt man in den Wachen mehr Verantwortung und hilft dem Officer, die Aufgaben zu delegieren. Wir haben keine Schule, sondern acht Stunden Wache am Tag. Vor etwa einem Jahr habe ich mich auf einen der vier Plätze beworben – und wurde genommen. Nach vielen Impfungen, Packlisten, Einkäufen und Verabschiedungen ging es für uns Watchleader, die Crew und die Lehrer Ende September in London endlich los. In Emden kamen die 30 Schülerinnen und Schüler an Board.

Mittlerweile sind wir schon seit über acht Wochen unterwegs und haben schon sehr viel erlebt. In den ersten Tagen waren fast alle von Seekrankheit geplagt, so dass unser Tag nur aus „eat, sleep, puke, sail, repeat“ bestand. Doch Stimmung und Gesundheitszustand besserten sich schnell. Wir haben vom Foredeck der Pelican Delfine beobachtet, dabei zugeschaut, wie die Sonne am Horizont verschwand und am nächsten Morgen wieder auftauchte, den grandiosen Sternenhimmel betrachtet und Sternschnuppen gezählt. In einer Wache von Mitternacht bis vier Uhr am Morgen veranstalteten wir einen Wettbewerb, wer die meisten Sternschnuppen sieht. Mit 21 Sternschnuppen belegte ich den zweiten Platz.

Eine wichtige Aufgabe beim Segeln eines Tall Ships ist das Klettern auf den Mast, um Segel setzten zu können. Das erste Mal dort oben bei Wind und Wellen war sehr aufregend. Auch bei unseren bisherigen Landgängen in Spanien, Gibraltar und Madeira hatten wir eine tolle Zeit. Auf dem Rock of Gibraltar mussten wir unser Essen vor frechen Affen beschützen, in Madeira lernten wir Surfen, und im Hafen von Funchal verewigten wir uns an der Hafenmauer.

Die Pelican ist für uns wie unser eigener kleiner Planet. Nachdem wir den Hafen verlassen, sind wir komplett auf uns allein gestellt. Es ist wichtig, dass wir auf die komplette Crew und das Schiff achten. Wir müssen mit den Ressourcen auskommen. Daher ist uns nur alle drei Tagen eine kurze Dusche erlaubt. Auch sonst müssen wir Wasser sparen.

Schlaf ist wichtig – um 20 Uhr ist Nachtruhe

Da auch Schlaf sehr wichtig ist, ist auf See ab 20 Uhr Ruhe angesagt. Das klingt sehr früh, aber wenn man am nächsten Morgen um vier Uhr Wache hat, dann geht man auch häufig schon um acht Uhr abends ins Bett. Von der Außenwelt bekommen wir fast gar nichts mit. Denn wir bekommen unsere Handys nur manchmal an Land für einige Stunden und haben auf dem Meer sowieso quasi kein Internet. Nachrichten erreichen uns gar nicht oder sehr verzögert. Erst durch die Telefonate mit unseren Eltern haben wir mitbekommen, dass Corona in Deutschland wieder eine deutlich größere Rolle spielt. Wir haben nach ein paar Tagen mit Maske und Fieber messen unsere eigene coronafreie „Bubble“ gebildet. Wir sind jetzt ein Haushalt. Corona existiert für uns nur, wenn wir an Land gehen.

Wir können ohne Probleme alle zusammen Shantys singen, Flaschen und Besteck teilen, uns gegenseitig umarmen und die Gemeinschaft von 47 Personen genießen. Wir sind einfach eine riesige, bunte, manchmal auch sehr laute und sehr besondere Familie. Und die Pelican ist unser Zuhause.

Gerade (der Artikel wurde im November geschrieben) sind wir noch in Teneriffa, aber in einigen Tagen werden wir auch schon zur ersten großen Atlantiküberquerung aufbrechen. Das wird für uns alle eine sehr besondere Erfahrung sein, da wir über zwei Wochen unterwegs sein werden. In dieser Zeit werden wir kein Land und wahrscheinlich auch nur sehr selten Schiffe sehen. Von der Außenwelt sind wir dann komplett abgeschnitten. Daher haben wir auch immer einen Arzt mit an Board. Außerdem trainieren wir regelmäßig für Ernstfälle wie ein Feuer oder MOB (Man over board).

Mir ist schon jetzt klar, dass es für mich die beste Entscheidung war, dieses Abenteuer zu starten. Die Zeit ist so intensiv, da wir immer etwas Neues erleben. Schon in den ersten Wochen haben wir alle so viel über das Segeln gelernt . Da die Pelican ein englisches Schiff ist, sind alle Begriffe auf Englisch und auf Wache wird immer Englisch gesprochen. Am Anfang war das manchmal etwas schwierig für mich, aber mittlerweile ist mein Englisch schon viel besser geworden. Außerdem hab ich durch das Zusammenleben auf engstem Raum mit 47 Personen schon vieles gelernt. Es ist hier sehr wichtig über Probleme offen zu reden, um sie lösen zu können. Es ist wichtig, zu schlafen und zu essen, wenn es geht, da es sein kann, dass man kurze Zeit später schon wieder beim Segel setzten helfen muss.

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