Gegen das Vergessen

Am Abend des 9. November 1938 brannte die Synagoge – Max Leven wurde ermordet

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A1: Nachdem die 1872 eingeweihte Synagoge Opfer der Flammen geworden war, „kaufte“ man der jüdischen Gemeinde das Grundstück zum Preis der Abbruchkosten ab.

Ein Rundgang von Daniela Tobias, Aktion Stolpersteine, führt an die Orte des Pogroms.

1 Jüdischer Friedhof, Estherweg. In der Nacht vom 9. auf den 10. November hatte man zunächst die Inneneinrichtung der Kapelle verbrannt, das Gebäude aber stehenlassen. Am Abend des 10. November verabredete sich deswegen ein weiterer SA-Trupp in einer nahegelegenen Gaststätte, um das Zerstörungswerk zu vollenden.

2 Potsdamer Straße. Dort stand das Solinger Rathaus zur Zeit der NS-Herrschaft. Dort sammelten sich die in Alarmbereitschaft versetzten SA-Mitglieder am Abend des 9. November, nachdem NS-Propagandaminister Goebbels indirekt die Zerstörung jüdischer Einrichtungen als Vergeltung angewiesen hatte.

3 Mühlenplatz. Dort war der „Bayerische Hof“, eine große Gaststätte mit Festsaal. Am Abend des 9. November 1938 trafen sich dort das Who-is-Who der Partei und der angeschlossenen Organisationen. Vorher hatte man in der Adolf-Hitler-Halle (am Platz des heutigen Theaters) an einem Festkonzert teilgenommen. Die Gaststätte am Mühlenplatz war Ausgangspunkt für die Pogrome in der Innenstadt.

A2: An der Stelle wurde 1943/44 ein massiver Hochbunker errichtet. Heute erinnert nur noch eine Gedenktafel an das jüdische Gotteshaus an der Malteserstraße. Im Juli 1949 wurden drei Täter verurteilt.

Gegen 23 Uhr rief Kreisleiter Peter Berns dort an und teilte SA-Oberführer Heinrich Krahne mit, dass Legationsrat Ernst vom Rath in Paris seinen Schussverletzungen infolge des Attentats durch den Juden Herschel Grynspan erlegen sei. Laut Zeugenaussagen informierte Krahne daraufhin die anwesenden Amtsleiter und Führer der NS-Formationen darüber, dass „in dieser Nacht die Synagogen in Flammen aufgehen und jüdische Geschäfte und Wohnungen demoliert werden sollten, doch solle kein Personenschaden entstehen“. Es erfolgte ein allgemeiner Aufbruch der SA-Männer, und ihr erstes Ziel war die Synagoge.

NS-Schergen hinterließen eine Spur der Verwüstung

4 Hauptstraße. Das ehemalige Foto-Atelier von Wilhelm Güldenring befand sich an der Straße. Er war mit der Jüdin Else Carsch verheiratet. Obwohl er selber evangelisch war, zerstörte die SA-Truppe sein Schaufenster mit wertvollen Kameras und eine Spielzeugeisenbahn.

5 Ufergarten. Dort sieht es heute anders aus. Wo die Hauptstelle der Sparkasse stand, war eine Grünanlage, und hinter den ersten Häusern zweigte die Tivolistraße rechts ab.

B1: Die Gaststätte Bayerischer Hof befand sich am oberen Ende der Hauptstraße. Der zugehörige Kaisersaal war 1896 von der Brauerei Beckmann gebaut worden und seither Schauplatz zahlreicher politischer und kultureller Veranstaltungen.

An der Einmündung standen sich das Möbelgeschäft der Familie Tabak und das Textilgeschäft Giesenow gegenüber. In beiden Gebäuden ließen die NS-Schergen keinen Stein auf dem anderen. Schaufensterscheiben wurden zerschlagen, Waren aus den Regalen gerissen und die Einrichtung zertrümmert.

6 Max-Leven-Gasse. In den frühen Morgenstunden des 10. November stellten die Anführer der Aktion gegen die Juden – Artur Bolthausen, Wilhelm Tönges, Ernst Baumann und Franz Eickhorn – an der brennenden Synagoge fest, dass ihr Zutun nicht mehr erforderlich war. Unterwegs Richtung Hohe Gasse – heute Max-Leven-Gasse – schloss sich ihnen Armin Ritter an, ein „Alter Kämpfer“. So nannte man Parteimitglieder, die bereits vor der Machtergreifung in die NSDAP eingetreten waren.

B2: Auch die Nationalsozialisten nutzten das Lokal, um dort am 9. November 1938 in Gedenken des gescheiterten Hitler-Putsches von 1923 zu feiern.

Zu fünft drangen sie in die Wohnung der Levens ein. Sie zerstörten Möbel, Geschirr und Gemälde und demütigten das Ehepaar, indem sie ihnen als Vertreter der „jüdischen Rasse“ vorwarfen, für den Tod vom Raths verantwortlich zu sein. Artur Bolthausen beschrieb später, wie aufgeputscht sie noch von der Gedenkfeier in der Adolf-Hitler-Halle waren. Armin Ritter wollte Max Leven niederknien lassen, was ihm wegen einer Gehbehinderung kaum möglich war. Er schoss zweimal auf den wehrlosen Mann und traf ihn tödlich am Kopf.

Zerstörte Synagoge wird zu neuem Leben erweckt

 © Uli Preuss
 © Uli Preuss
 © Uli Preuss
 © Uli Preuss
 © Uli Preuss
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 © Uli Preuss
 © Uli Preuss

7 Birkenweiher. Dort wurden die Wohnungen der Witwe Laura Joseph und der Familie von Prof. Dr. Eduard Schott verwüstet. Der geschasste Chefarzt des Solinger Krankenhauses, der schon lange zum evangelischen Glauben seiner Ehefrau übergetreten war, wohnte im Haus Nr. 43 und führte dort noch eine kleine Privatpraxis. Die Familie erlebte in der Nacht zum 10. November, wie ein enthemmter SA-Mob das Mobiliar zerschlug, ein Cello aus dem Fenster warf, den Flügel zerstörte, Bilder von Emil Nolde, Paul Klee und Albrecht Dürer zerschnitt.

8 Malteser Straße. Für die SA-Meute, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November ausschwärmte, stellte die Synagoge das erste Ziel dar. Sie stürmten das Gelände und zündeten das Gebäude an.

Die Feuerwehr unternahm keine Versuche, den Brand zu löschen, sondern half laut einem Zeugen noch, die Fenster im Turm einzuschlagen, damit sich das Feuer besser ausbreiten konnte. Die Synagoge brannte bis auf die Grundmauern nieder und wurde anschließend abgerissen. Der Text entstammt dem Manuskript von Daniela Tobias für den Rundgang. Sie bezieht sich auf Stephan Strackes Buch „Der Novemberpogrom 1938 in Solingen“.

Lesen Sie auch: Pogromnacht: Acht Orte des Schreckens

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