Ausstellung

75 Jahre Bergische: Es begann mit Fachwerksidylle

Ist die 75. Bergische Kunstausstellung wie 1947 auch stark von Malerei geprägt, so gibt es einen Unterschied: 1947 herrschte bei den Motiven eher Fachwerkidylle, heute ist es modern und abstrakt. Foto: Christian Beier
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Ist die 75. Bergische Kunstausstellung wie 1947 auch stark von Malerei geprägt, so gibt es einen Unterschied: 1947 herrschte bei den Motiven eher Fachwerkidylle, heute ist es modern und abstrakt.

Die heute weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Ausstellung begann in den Nachkriegszeiten 1947.

Von Wilhelm Rosenbaum

1956 und 1958 nahm der Solinger Maler Georg Meistermann an der bergischen teil.

Zurzeit läuft im Kunstmuseum die 75. Internationale Bergische Kunstausstellung, die den Blick auf den deutschen Nachwuchs richtet und mit Pascal Sender einen international anerkannten Jungstar als Preisträger hat. In den Anfangsjahren, nach der Befreiung von der Naziherrschaft, sah das jedoch anders aus. Die erste Bergische Kunstausstellung 1947 wollte, bestückt mit Arbeiten von Malern überwiegend aus Remscheid, Solingen und Wuppertal, ambitioniert „ein Spiegelbild unserer bergischen Kunst“ sein.

Nach etlichen Behelfs-„Etappen“ an der Ahrstraße, Blumenstraße und im „Wauler Dorp“ hatte die „Bergische Kunstausstellung“ schließlich 1954 in Gräfrath im Deutschen Klingenmuseum, dem heutigen Sitz des Kunstmuseums, einen festen Platz gefunden.

Im Rückblick – mit immerhin 57 Solinger Künstlerinnen und Künstlern zur Premiere – reproduzierte die Schau in erster Linie zunächst die populäre historische Fachwerkidylle, das Schwarz-Weiß-Grün der Häuser, stimmungsvolle Wupperimpressionen und traditionelle Landschaftsmotive. Bekannte Namen – darunter Anneliese Everts, Erwin Bowien, Ernst Walsken und Lies Ketterer – hoben jedoch bei Premiere 1947 das Niveau deutlich.

Neues Luftsprudelbad taugte nicht als Kunstwerk

Eher amüsante Missverständnisse, was denn nun bergische Kunst eigentlich sei, begleiteten immer wieder die ersten Jahrzehnte. Amüsiert registrierte das städtische Kulturamt ein besonderes Angebot: Im Februar 1951 pries eine Firma für medizinische Spezialgeräte in Hückeswagen ihr „Luftsprudelbad der schlanken Linie“ für die nächste Kunstausstellung an, ein Objekt, für das spärlich bekleidete Damen im beigefügten Faltblatt warben. Die bergische „Kunst im Bade“ fand dennoch keine Gnade vor der gestrengen Jury.

Keine Schau ohne Jury. Hier die aus dem Jahr 1967.

Dieses Gremium, in wechselnder Zusammensetzung –oft mit dem Bonus für den Juror honoriert, dass er ein eigenes Werk zusteuern dürfe – wurde natürlich kontinuierlich sehr kritisch beäugt, gelobt wie gescholten. Allzu selten drang eher Heiteres aus dem geheimen Zirkel an die Öffentlichkeit, so beispielsweise im Jahr 1979. Da nutzte der stadtbekannte Höhscheider Kommunalpolitiker Walter Freund die Jurysitzung im Klingenmuseum zu einem persönlichen Bekenntnis für die realistische Malerei. Er pfuschte aus der bekannten Sammlung Dorp heimlich ein Bild „Mühle am Niederrhein“ unter die 779 eingereichten Arbeiten, von denen am Ende 54 akzeptiert wurden – die Freundsche Mühle war nicht dabei.

Das ist die 75. Internationale Bergische Kunstausstellung

75. Internationale Bergische Kunstausstellung
Jan-Luka-Schmitz hängt einige der Bilder der 75. Bergischen Kunstausstellung auf.  © Christian Beier
75. Internationale Bergische Kunstausstellung
Ein Raum voller Kunstwerke © Christian Beier
75. Internationale Bergische Kunstausstellung
Arbeiten von Pascal Sender (li) und von Rike Droescher. © Christian Beier
75. Internationale Bergische Kunstausstellung
Arbeiten von Josephine Garbe . © Christian Beier
75. Internationale Bergische Kunstausstellung
Noch sind nicht alle Kunstwerke an Ort und Stelle. © Christian Beier
75. Internationale Bergische Kunstausstellung
Werk von Kunstpreisträger Pascal Sender. © Christian Beier
75. Internationale Bergische Kunstausstellung
Jan-Luka-Schmitz hängt einige der Bilder der 75. Bergischen Kunstausstellung auf.  © Christian Beier
75. Internationale Bergische Kunstausstellung
Arbeiten von Ryo Kinoshita © Christian Beier
75. Internationale Bergische Kunstausstellung
Ein Raum voller Kunstwerke © Christian Beier
75. Internationale Bergische Kunstausstellung
Werk von Kunstpreisträger Pascal Sender. © Christian Beier
75. Internationale Bergische Kunstausstellung
Gisela Elbracht-Iglhaut © Christian Beier
75. Internationale Bergische Kunstausstellung
Die Besucher bestaunen die Kunstwerke. © Christian Beier
75. Internationale Bergische Kunstausstellung
Jan-Luka Schmitz war beim Aufhängen sehr genau! © Christian Beier
75. Internationale Bergische Kunstausstellung
Werk von Kunstpreisträger Pascal Sender. © Christian Beier

In der 75-jährigen Historie der „Bergischen“ gab es auch Überraschungen, um das Wort Skandal zu vermeiden. Als in der Ära der Werner Brattig, Hans Oberhoff und Kurt Voss in den sechziger Jahren etwa der junge Bernd Löbach mit originellen Koksplastiken für mächtig Furore sorgte, hatte die Solinger Kunstszene kurzzeitig ihre Schlagzeilen; die heimischen Künstler luden in den „Roten Ochsen“ zur erregten emotionalen Diskussion, was denn überhaupt in die „Bergische“ gehöre. Immerhin gewann damals die abstrakte Malerei an der Wupper spürbar an Zustimmung, und das musste natürlich nicht gleich jedem gefallen. Ähnliche Stürme des steten Wandels fegten immer mal wieder durch die Klingenstadt.

Als die Teilnahme an der Expo sich nicht mehr primär am bergischen Geburtsort orientierte oder allenfalls gerade einmal noch einen regionalen Wohnort abfragte, wurde die Gräfrather Adresse, inzwischen als Museum Baden etabliert, für Studierende an der Düsseldorfer Kunstakademie immer attraktiver.

Seit neun Jahren geht die Bergische den internationalen Weg

Mit der entscheidenden Festlegung im Jahr 2009, dass ab sofort eine nachzuweisende „akademische Ausbildung die Teilnahme-Voraussetzung“ sei, wurde sozusagen mit einem Schlag ein massiv veränderter Kunstmarkt eröffnet, der mit der Begriffserweiterung „Internationale Bergische Kunstausstellung“ 2012 zudem einen zusätzlichen globalen Touch erhielt. Beinahe logisch, dass anstelle der tradierten Zeichnungen, Ölbilder und Plastiken heute deshalb ganz andere Objekte und Materialien im Vordergrund stehen, wenn etwa große Wand- und raumgreifende Boden-Installationen oder zunehmend Videoskulpturen aktuelle Gedankenanstöße reflektieren. Das Fazit für diese Solinger Kunstszene neuen Stils: Im 21. Jahrhundert haben zum Beispiel japanische Künstlerinnen wie Mayumi Okabayashi und Yukako Ando, mittlerweile, hoch dekoriert, längst eine Trendwende eingeläutet.

Kunst und Kultur in der Nachkriegszeit

In Sachen Kultur begann mit der Nachkriegszeit ein regelrechter Exodus in Richtung Solinger Westen. Die so sehr ersehnten großen Theaterabende im kriegszerstörten Herzen der Klingenstadt waren noch nicht realisierbar. So war man froh, dass die gute, alte Festhalle als Ersatzbühne zur Verfügung stand. Nicht anders ging es den heimischen Künstlern. In Solingen fehlte schlicht ein geeigneter größerer Ausstellungsraum. Es ging damals das Wort von den „Kellerkindern“ um, die in Provisorien ihre Werke ausstellten, in der Fachschule Blumenstraße etwa, auch mal im Sitzungssaal des Solinger Rathauses oder, quasi ausgelagert, im Walder Stadtsaal. So eröffnete auch im Februar 1946 eine lokale Präsentation für den 1942 gefallenen Solinger Paul-Klee-Schüler August Preuße im Ohligser Hotel Central. Im Juli folgte an gleicher Stelle eine „Robert-Engels-Ausstellung“. Dann endlich, am 9. April 1947, nahm an der Ahrstraße 5/7, in der „Berufspädagogischen Akademie des Landes NRW“, die Geschichte der Bergischen Kunstausstellung ihren Anfang.

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