Jubiläum

70 Jahre Obus: Aus dem Notnagel wird ein klimafreundlicher Dauerbrenner

Ein Bild aus den frühen Obus-Jahren in Solingen zeigt einen Teil der Fahrzeugflotte.
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Ein Bild aus den frühen Obus-Jahren in Solingen zeigt einen Teil der Fahrzeugflotte.

Das Obus-System in Solingen war nicht immer unumstritten

Von Michael Kremer

Mit „klimafreundlich und typisch Solingen“ wirbt die Stadt Solingen auf ihrer Webseite für ein echtes, Solinger Erlebnis. Wer es erleben möchte, sollte mit dem Obus fahren, heißt es dort weiter.

Denn das im Volksmund liebevoll „Stangentaxi“ genannte Transportmittel gehört – neben den scharfen Solinger Klingen – zu den Wahrzeichen der Stadt. Die legt großen Wert darauf, dass „zukunftsweisende E-Mobilität“ in der Klingenstadt eine lange Tradition habe: Seit 70 Jahren sind die Obusse in Solingen schon unterwegs.

Solingen: Größtes Elektro-Bus-Netz in Deutschland

„Wer mit dem Zug am Hauptbahnhof in Ohligs ankommt, kann alle sehenswerten Ziele mit einem Obus erreichen. Angetrieben werden die Fahrzeuge klimafreundlich mit Strom aus Sonne und Wasser“, heißt es weiter seitens der Stadt. Und: „Solingen verfügt über das mit Abstand größte Netz in Deutschland.“

„Man brauchte einen Ersatz für die Straßenbahn, deren Instandsetzung Millionen gekostet hätte.“

Jürgen Lehmann, Autor des Buchs „Der O-Bus in Solingen“

Letzteres bestätigen auch die Stadtwerke und der Verein Obus-Museum Solingen in ihrer Festschrift zu „70 Jahre Obus in Solingen“: „Rund 200 Kilometer lang ist das gesamte Liniennetz. Mit genau 102 Kilometern Streckennetz für sechs Linien ist Solingen der größte Obus-Betrieb in Deutschland.“

Zahlen zum Obus: 16 Millionen Fahrgäste, 4,5 Millionen Kilometer

Zudem werden weitere Zahlen genannt: „Mehr als 16 Millionen Fahrgäste nutzten im Jahr 2021 die Dienstleistung des Verkehrsbetriebes der Stadtwerke Solingen GmbH. 4,5 Millionen Kilometer legen die Fahrerinnen und Fahrer in ihren Fahrzeugen zurück. Dabei steuern sie alle 465 Meter eine von 508 Haltestellen an. 120 Fahrzeuge, davon 45 Gelenk-Obusse sowie zwölf lange und acht Solo-BOB (batteriebetriebene Oberleitungsbusse), nennt der Verkehrsbetrieb sein Eigen. Mit weiteren 55 Autobussen wird das Solinger Stadtgebiet auf 24 Linien bedient.“

Jungfernfahrt am 19. Juni 1952

Begonnen hat alles am 19. Juni 1952, als die erste Solinger Obuslinie zu ihrer Jungfernfahrt aufbrach. Vom Dreieck über Mangenberg und Merscheid fuhr damals die Linie 1 nach Ohligs. Bereits ein Jahr später kam die Linie 2 hinzu. Sie pendelte über Wald nach Ohligs.

Weitere zwei Jahre später wurden die Ringlinien nach Hästen beziehungsweise Höhscheid verlängert. Neben der Verlängerung des Liniennetzes gab es weitere Fortschritte: Die Reisegeschwindigkeit konnte von anfangs 15 auf 21 Stundenkilometer gesteigert werden.

Obus löste die Straßenbahn ab

Die Einführung des Obusses war in Solingen zunächst durchaus kontrovers diskutiert worden: „Man brauchte einen Ersatz für die Straßenbahn, deren Instandsetzung Millionen gekostet hätte. Der Bus schien da am günstigsten – zumal die Oberleitungen ja schon da waren“, weiß Obus-Experte Jürgen Lehmann, der im Jahr 2002 zum 50-jährigen Bestehen des Obus-Betriebes in Solingen das Buch „Der O-Bus in Solingen“ – erschienen im Verlag Kenning – veröffentlicht hat.

Die Stadtwerke, sagt Jürgen Lehmann, hätten sich durchgesetzt, „dass man wenigstens bei etwas Elektrischem bleibt“. Denn auch die Unterschiede zwischen Diesel- und Obus seien damals, insbesondere bezüglich der Lautstärke, gravierender als heute gewesen.

Leise und abgas-arm

Die Stadtwerke lagen richtig mit ihrer Entscheidung, denn die Einführung des Obusses war ein voller Erfolg: Weil sich das neue Verkehrsmittel eines so regen Zuspruchs erfreute, mussten teilweise sogar Mietbusse mithelfen. „Die Fahrgastzahlen stiegen rapide an. Die Fahrgäste wussten die Laufruhe und Abgasarmut der Obusse zu schätzen“, so Lehmann. Mit Doppelwagen, also Anhängern am eigentlichen Obus, konnten bereits Mitte der 1950er Jahre vier Mal so viele Personen transportiert werden wie zur Zeit der Straßenbahn.

Hochzeit in den 50er-Jahren

54 Busse der ersten Generation des Typs „ÜHIIIs“ schafften die Stadtwerke in den Jahren 1952 bis 1959 an, der langlebigste schaffte einen Kilometerstand von 1 212 784. „Die Fünfziger waren die Hochzeit des Obusses“, weiß Lehmann, „in den 60ern und 70ern kam zunehmend die Konkurrenz durch den Autoverkehr hinzu.“ Doch während die Zahl der Städte mit Obus-Betrieb immer weiter abnahm, hielten die Solinger Stadtwerke an ihrem „Stangentaxi“ fest.

„Der Betrieb hat vor allem überlebt, weil es immer Leute gab, die vollständig davon überzeugt waren“, so Jürgen Lehmann. Ende der 60er Jahre begannen die Verkehrsbetriebe sogar mit der Entwicklung eines eigenen Obus-Typs, ab 21. März 1968 fuhr der TS 1 („Trolleybus Solingen, 1. Bauart“) im Liniendienst. Nachdem Anfang der 80er Jahre die dritte Generation Obusse angeschafft wurde, wurden die TS-Obusse nach Mendoza in Argentinien verkauft.

1995: Diskussion über Umstellung auf Diesel

1995 wurde es dann noch einmal eng für den Obus in Solingen. Die Stadtwerke dachten laut darüber nach, das bestehende Obus-System aus Kosten- und ökologischen Gründen und basierend auf einem Sanierungsgutachten auf ein modernes Diesel-Bus-System umzustellen. Daraus wurde allerdings nichts: Nach einem Expertenhearing lehnte der Aufsichtsrat der Stadtwerke im November 1996 die Abschaffung des Obussystems entschieden ab.

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