Vor 75 Jahren

1946: Kultur startet, Kommunalwahl findet statt

In der Stadthalle (Foto aus dem Jahr 1954) wurde bereits 1946 der Betrieb der Städtischen Bühnen wieder aufgenommen.
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In der Stadthalle (Foto aus dem Jahr 1954) wurde bereits 1946 der Betrieb der Städtischen Bühnen wieder aufgenommen.

Vor 75 Jahren begann unter englischer Militärregierung wieder das gesellschaftliche Leben in Solingen.

Von Philipp Müller und Wilhelm Rosenbaum

Im gleichen Jahr wurde das in den neuen Stadtrat frei gewählte CDU-Mitglied Gerhard Hebborn zum ehrenamtlichen Oberbürgermeister gewählt.

1946 war Solingen noch schwer von den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Diktatur gezeichnet. Im Rathaus an der Potsdamer Straße regierte die Militärregierung und setze auch Vorgaben der übergeordneten Bezirksregierung der Engländer aus Düsseldorf um. Insgesamt sei die Lage von Trost- und Hilflosigkeit geprägt gewesen, berichtete jetzt Ralf Rogge im Rat der Stadt Solingen. Der Leiter des Stadtarchivs erinnerte dort an die ersten freien Wahlen, die Kommunalwahl am 13. Oktober 1946. Hunger habe geherrscht, 800 Kalorien wurden täglich nur zugeteilt.

Und doch war der Herbst 1946 auch von einem gesellschaftlichen Aufbruch begleitet, der sich vor allem in der Kultur niederschlug. Die Militärregierung genehmigte eine „Sing-Schule“. Der Vorläufer der heutigen Musikschule der Stadt nahm vor 75 Jahren in den Schulklassen der August-Dicke-Schule ihren Betrieb auf. Josef Schlösser hatte das Konzept erstellt, Nachwuchs für die Chöre auszubilden. Die hatten – ebenfalls im Herbst 1946 – die Erlaubnis erhalten, die Kreissängervereinigung zu gründen. Dieser gehörten alle namhafte Solinger Chöre an, zum Start waren es wohl mehr als 50 Vereine. Die Kunst zeigte sich freigeistig und von den Fesseln der Naziverbote befreit erstmals mit der Bergischen Kunstausstellung in Ohligs – ihre 75. Ausgabe endet morgen im Kunstmuseum.

Der Solinger Autor, ST-Mitarbeiter und Kenner der Solinger Geschichte, Wilhelm Rosenbaum, fasst den kulturellen Neustart so zusammen: Schon im Mai 1945 nehmen die Zweigstellen der Stadtbücherei in Ohligs, Wald und Gräfrath ihre Arbeit auf. Die Solinger Hauptstelle kann erst nach einem Umzug in die Räume des Industriemuseums der Fachschule am 22. Februar 1946 folgen. Am 29. Juli 1945 erhält das Museum Schloss Burg die Genehmigung zur Wiedereröffnung.

In der Stadthalle spielten ab 1946 wieder die Städtischen Bühnen

Erste Kunstausstellungen finden im Ohligser Hotel Central statt, im Februar 1946 für den im Krieg gefallenen Maler August Preuße, im Juli 1946 für Robert Engels. In Wald wird 1947 eine Ausstellung Solinger Künstler präsentiert. Am 23. August 1947 ändert die Solinger Theatergemeinde ihren Namen in „Kulturgemeinde Volksbühne“. Rosenbaum verweist darauf, dass in der Solinger Stadthalle am Schlagbaum die Städtischen Bühnen Solingen bereits 1946 wieder den Betrieb aufgenommen hatten. Auch im Stadtsaal Wald fanden früh Aufführungen statt.

Das klingt – angesichts der Tatsache, dass die alte Solinger Innenstadt noch immer völlig zerstört war und deren Wiederaufbau noch geplant werden musste – erstaunlich. Nach Angaben von Ralf Rogge wollte die Militärregierung dabei die Solinger einbeziehen. Bei seinem Festvortrag im Stadtrat erklärte er, dass schon 1945 Parteien zugelassen wurden, diese sogar im Anschluss ab März 1946 die Lizenz erhielten, Zeitungen herauszugeben.

Doch die „Sternstunde der Demokratie“ sei die erste freie Wahl am 13. Oktober gewesen. Die Solinger wählten 39 Stadtverordnete. Die Wahlbeteiligung bei dieser ersten freien Wahl nach der Nazizeit betrug 80 Prozent. Die neu gegründete CDU (28,7 Prozent) gewann und erhielt 19 Sitze. Die SPD (28,1 Prozent) kam auf 15 Sitze. Wegen einer Mischung aus Mehrheits- und Verhältniswahlrecht erhielt die KPD (22,9 Prozent) 3 Sitze, die FDP (18,7 Prozent) 2 Sitze.

„Mit der CDU gewann in Solingen erstmals eine bürgerliche Partei.“

Ralf Rogge, Leiter Stadtarchiv

Der neue Stadtrat ersetzte den 1945 von der Militärregierung eingesetzten. Nicht wahlberechtigt waren frühere NSDAP-Mitglieder. „Mit der CDU gewann in Solingen erstmals eine bürgerliche Partei vor den Linken“, erklärte Ralf Rogge. Die Klingenstadt trug bis dahin oft den Namen „Rotes Solingen“.

Am 5. November 1946 wählte der Rat im Walder Stadtsaal schließlich Gerhard Hebborn von der CDU zum Oberbürgermeister und den Liberalen Dr. med. Otto Völpel zum Bürgermeister der Klingenstadt. Bis 1948 waren sie im Amt, dann fand die nächste Wahl statt. Rogge nannte auch den bereits im März 1946 gewählten Oberstadtdirektor Gerhard Berting, der 17 Jahre im Amt war und den Aufbau der zerstörten Stadt maßgeblich geplant und beeinflusst habe.

VHS-Vortrag

Der Leiter des Solinger Stadtarchivs, Ralf Rogge, wird sich in der Bergischen Volkshochschule in einem Vortrag mit dem Thema „Demokratischer Neubeginn unter britischer Kontrolle“ befassen. Darunter auch mit den ersten freien Kommunalwahlen in Solingen 1946 und deren Folgen.

Vortrag, 10. November, 18 Uhr, VHS-Forum, Mummstraße 10

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