Kundenzahl verdoppelt

Wuppertaler Tafel kommt an ihre Grenzen

Die Schlange am Tafelladen reicht häufig bis um die Straßenecke.
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Die Schlange am Tafelladen reicht häufig bis um die Straßenecke.

Wuppertal. Die vielfache Krisenlage bringt auch die Wuppertaler Tafel an ihre Grenzen: Mehr Menschen fragen die Hilfe der Tafel nach, gleichzeitig reduzieren sich die Lebensmittelspenden und die Treibstoffpreise steigen.

Von Katharina Rüth

Der Wuppertaler Tafelverein musste jetzt die Reißleine ziehen und gibt Lebensmittel nicht mehr einmal pro Woche an jeden Haushalt aus, sondern nur noch alle zwei Wochen. „So eine Situation hatten wir bisher noch nie“, sagt Peter Vorsteher, Vorsitzender des Tafelvereins. Er berichtet: „Im März 2021 haben wir 3100 Haushalte mit Lebensmitteln versorgt, im März 2022 waren es 6000.“ Die von den Supermärkten in der Umgebung eingesammelten Waren wie Obst und Gemüse, Käse und Wurst, Molkereiprodukte und Brot reichten meist nur noch für den einen Tag, einen Vorrat für den nächsten Tag anzulegen, sei nicht mehr möglich.

Es komme sogar inzwischen vor – wenn auch selten – dass Menschen ohne Lebensmittel nach Hause geschickt werden. „Wenn nichts da ist, ist nichts da“, sagt Zülfü Polat, Verwaltungsleiter der Tafel. Sie böten den Menschen dann an, am nächsten Tag wiederzukommen. Wobei das Holen der Lebensmittel für viele ein Tagesausflug sei, wenn sie aus weiter entfernten Stadtteilen kommen, in Barmen bis zu zwei Stunden in der Schlange stehen, dann in der wie ein Laden aufgebauten Ausgabestelle die Lebensmittel in Trollis und Tüten packen und sich wieder auf den Heimweg machen.

Noch größere Not durch Energienachzahlungen

Eine Ursache des Andrangs seien die steigenden Lebensmittelpreise, erklärt Zülfü Polat: „Oft sind die günstigen Lebensmittel im Supermarkt, die unsere Kunden sonst kaufen, weg. Für das teure Olivenöl haben sie kein Geld.“ Sozialdezernent Stefan Kühn kennt die Probleme der Tafel und der Tafelkunden: „Das ist ein bundeweites Phänomen und zeigt, wie groß die Notlage ist.“ Wer wenig Einkommen habe, bekomme in der aktuellen Lage schnell finanzielle Schwierigkeiten. Er befürchtet, dass die Not noch größer wird, wenn die ersten Nachzahlungen für die Energiekosten verlangt werden.

Die Bedürftigen zu versorgen, wird für die Tafel gleichzeitig schwieriger, weil sie weniger Lebensmittelspenden erhält. Peter Vorsteher vermutet, dass die Supermärkte knapper kalkulieren: „Es gibt immer weniger Überschuss.“ Zudem böten immer mehr Märkte Lebensmittel knapp vor dem Verfallsdatum ihren Kunden zu günstigeren Preisen an, statt sie der Tafel zu spenden.

Jörg Linder, der bei der Tafel die täglichen Sammeltouren zu den Supermärkten organisiert, sagt: „Vor Corona hatten wir 130 Tonnen Waren pro Monat, das hat sich halbiert. Im Moment leben wir von der Hand in den Mund.“ – „Katastrophal“ findet er das. Sein Kollege Andreas Rinne fordert: „Die Politik muss was tun, die tun viel zu wenig.“

Die Wuppertaler Tafel fährt jetzt sogar einen Supermarkt in Ennepetal an. Nicht erst dabei tut sich ein weiteres Problem auf: Die steigenden Treibstoffpreise schlagen auch bei der Tafel zu Buche: „Im Februar hatten wir Spritkosten von 1900 Euro, im März von 3600 Euro“, so Polat.

Peter Vorsteher erklärt: „Andere Tafeln in der Umgebung haben einen Aufnahmestopp verhängt, wir wollen das ausdrücklich nicht.“ Denn unter den zahlreichen Neukunden seien bereits rund 1400 Menschen aus der Ukraine. Ein Aufnahmestopp würde bedeuten, dass neu ankommende Geflüchtete das Angebot der Tafel nicht mehr nutzen könnten. Deshalb hat sich die Tafel entschieden, jeden Haushalt nur noch alle 14 Tage zu versorgen. „Wir versuchen das, was wir haben, gerechter zu verteilen“, so Vorsteher.

Diese neue Regel soll auch die Organisation entspannen und die Warteschlange verkürzen. Häufig zieht sich die Reihe der Wartenden mehr als 50 Meter vom Eingang des Tafelladens am Rauen Werth bis zur Ecke Kleiner Werth oder weiter. Beim Besuch unserer Zeitung am Freitag fährt gerade die Polizei vor, weil es unter den Wartenden zu Streit und Handgreiflichkeiten gekommen ist. „Das passiert aber selten“, versichert Peter Vorsteher.

Fatma Erol, die als Sozialpädagogin die Tafel-Mitarbeiter betreut, die dort in einer Arbeitsgelegenheit („Ein-Euro-Job“) beschäftigt sind, bemerkt, dass die Stimmung insgesamt angespannter ist: „Manche Kunden beschweren sich, dass der Staat mehr tun sollte.“ Auch gebe es Angst davor, dass eine Gruppe der anderen etwas wegnimmt, etwa die Geflüchteten den Stammkunden. Sie müsse öfter Streit schlichten. Auch beim Besuch unserer Zeitung muss ein Mitarbeiter lange mit einer jungen Frau diskutieren, die nicht versteht, dass sie nur am vorgegeben Datum kommen darf – auf ihrem Zettel steht der 29. April.

Kunden sind sehr dankbar für das Angebot der Tafel

Petra Frese arbeitet als Bufdi (Bundesfreiwilligendienst) in der Lebensmittelausgabe und managt den Laden. Sie erzählt: „Die Leute haben richtig Panik und fragen immer, ob sie noch was kriegen.“ Sie seien aber auch sehr dankbar, „dass wir das immer noch stemmen“. Denn die Hektik sei wegen des Andrangs größer geworden.

Dankbar ist auch Lilia Medunjanin, die vor einem Jahr als Spätaussiedlerin mit ihrer Familie aus Russland gekommen ist. Gemeinsam mit ihrer Tochter hat sie für ihre fünfköpfige Familie zwei Trollis und zwei Tüten gefüllt. Oben drauf liegen je ein Bund Frühlingszweige und Tulpen – auch so etwas kann die Tafel manchmal weitergeben. „Sehr gut“ sei die Tafel, sagt Lilia Medunjanin. Denn das Geld, das sie bekommen, reiche nicht. „Vielen Dank“ sagte sie und meint die Tafel damit.

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