Neustart verzögert sich erneut

Wuppertaler Schwebebahn: Der Kaiserwagen fährt erst 2023 wieder

Frühestens im Sommer 2022 wird der Kaiserwagen wieder durch Wuppertal schweben – erstmal für Testfahrten. Archivfoto: Stefan Tesche-Hasenbach
+
Frühestens im Sommer 2022 wird der Kaiserwagen wieder durch Wuppertal schweben – erstmal für Testfahrten. Archivfoto: Stefan Tesche-Hasenbach

Die individuellen Arbeiten und das Genehmigungsverfahren sorgen dafür, dass der Kaiserwagen – das traditionsreichste Fahrzeug der Wuppertaler Schwebebahn – erst später wieder am Gerüst hängt als geplant.

Von Jonas Meister

Wuppertal. Den Stromschienenabsturz nahmen die WSW zum Anlass, die historischste aller Schwebebahnen einer Generalüberholung zu unterziehen. Dabei tauchten nach und nach so viele Mängel auf, dass der Neustart des Kaiserwagens immer wieder nach hinten verschoben wurde.

Erst auf 2020, dann auf 2022 und jetzt sogar auf 2023. „Voraussichtlich im Frühjahr 2023 wird der Inbetriebnahmeprozess und die Schulung des Fahrpersonals in der teilweise geänderten Bedienung des Kaiserwagens abgeschlossen sein“, sagt WSW-Sprecher Holger Stephan.

Bislang stehen die Wagen zum Teil in der Vohwinkler Betriebswerkstatt und den Hako-Hallen. Hier arbeiten die Mechaniker zwar mit Hochdruck, aber die Liste der Aufgaben ist nach wie vor lang. Immerhin: Die neuen Räder, die im August bei der Böhmer Gusstechnik GmbH & Co. KG in Witten gegossen wurden, sollen nach umfangreichen technischen Prüfungen am Montag angeliefert werden.

Am Freitag waren Vertreter der WSW bei dem Hersteller der neuen mechanischen Teile für die Ankopplung der Drehgestelle an den Wagenkästen zu Besuch, um die Querträger und den „Käfig“ zu prüfen. Die Anlieferung nach Vohwinkel ist dann für Anfang Dezember geplant. Holger Stephan: „Im Moment laufen die Installationsarbeiten für die Elektrik im Vorderwagen sowie an den vier Drehgestellen und Motoren. Im Frühjahr 2022 werden dann die Drehgestelle, inklusive der Räder, montiert.“

Im Sommer 2022 wird der Kaiserwagen in Wuppertal wieder zu sehen sein

Als nächsten Schritt hat der Betreiber im Sommer 2022 die Komplettmontage des Kaiserwagens geplant. Im Anschluss stehe die Hochzeit der Wagenkästen mit den Drehgestellen an. Danach würden die Wagenteile nacheinander wieder „eingegleist“. Insgesamt handelt es sich dabei um einen aufwendigen Prozess, der mehrere Monate dauern wird. „Hier müssen unter Umständen auch die Schwerpunktlagen der Wagenteile neu eingestellt werden“, erklärt der WSW-Sprecher.

Auf der Strecke zu sehen bekommen die Wuppertaler den Kaiserwagen nach Angaben der WSW im Sommer nächsten Jahres wieder. Nachdem die Komponenten des Zugsicherungssystems in Betrieb genommen wurden, sollen hier die ersten Testfahrten durchgeführt werden. Ab Herbst 2022 müssen Hersteller und Gutachter schließlich die Dokumente für die „Beantragung der Inbetriebnahmegenehmigung bei der Technischen Aufsichtsbehörde (TAB)“ vorlegen. Auch dieser Prozess wird laut Holger Stephan voraussichtlich mehrere Monate dauern.

Dass sich der Neustart des Kaiserwagens nun bis 2023 verschiebt, trifft nicht nur viele Wuppertaler Bürger, die sich nach ihrem Wahrzeichen sehen, sondern auch den Tourismus hart. Der hat unter Corona wie vielerorts besonders stark gelitten. Doch gerade der Betrieb der historischen Bahn ist ein wichtiger Pfeiler für Wuppertal Marketing, der pro Jahr Einnahmen in Höhe von 200 000 Euro bringt. Entsprechend intensiv schaut Geschäftsführer Martin Bang auf die aktuellen Entwicklungen in Vohwinkel: „Die WSW haben uns bereits informiert, dass der Kaiserwagen nicht mehr 2022 zurückkommen wird. Wir rechnen jetzt mit Januar 2023.“ Es kämen immer wieder Anfragen für Fahrten mit dem Kaiserwagen, die Interessenten müssen weiter vertröstet werden.

Kaiserwagen: Arbeiten kosten eine Millionen Euro

Keine einfach Situation für das Marketing, aber eine, mit der Bang und seine Mitarbeiter sich arrangiert haben: „Dass es hier nicht um irgendein Verkehrsmittel geht, ist uns allen klar. Der Kaiserwagen und die Schwebebahn tragen wesentlich zum Image von Wuppertal bei. Deshalb sind wir den Stadtwerken auch sehr dankbar, dass dieses historische Meisterwerk der Technik so sorgfältig für das 21. Jahrhundert fit gemacht wird. Denn was wir alle in der gesamten Stadt nicht gebrauchen können, ist ein Zustand, in dem der Kaiserwagen zwei Monate fährt und dann wieder drei in der Werkstatt steht, weil an einer Stelle versucht wurde, ein wenig Reparaturzeit einzusparen. Die Verkehrssicherheit muss absolut gewährleistet sein und dafür sorgen die WSW gerade.“

In einer Gusswerkstatt entstehen neue Räder für den Kaiserwagen – für sie gab es keine Konstruktionszeichnungen mehr.

Teil des gesamten Investitionsvolumens von einer Million Euro sind auch die Räder des Kaiserwagens. Zehn neue Radreifen, acht für die Bahn und zwei als Reserve, haben die WSW bei der Stahlgießerei Böhmer in Auftrag gegeben. Ein aufwendiger Prozess, denn von den über 100 Jahre alten Werkstücken gab es keine Konstruktionszeichnungen mehr. So mussten die alten Räder zunächst in ein 3D-Modell eingescannt werden, aus dem dann ein Negativ aus Holz gefertigt wurde, das wiederum die Vorlage für die Gussform war.

Ein Prozess, der sich nach dem erfolgreichen Guss der ersten fünf, jeweils knapp 400 Kilogramm schweren Stahlräder im August letztlich für alle Parteien lohnen dürfte: „Wenn in 80 Jahren jemand von den Stadtwerken nachfragt, dann ziehen wir die Schublade auf und können noch ein paar Räder fertigen. Unsere Stärke ist, dass wir Nischen besetzen können, wir bauen auf Wunsch auch ein einzelnes Rad“, erklärte der kaufmännische Geschäftsführer W. Erik Böhmer.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Osterholz in Wuppertal: Aktivisten-Camp ist geräumt
Osterholz in Wuppertal: Aktivisten-Camp ist geräumt
Osterholz in Wuppertal: Aktivisten-Camp ist geräumt
Bundesweite Razzia gegen Geldwäscher-Bande - Festnahmen in Wuppertal und Düsseldorf
Bundesweite Razzia gegen Geldwäscher-Bande - Festnahmen in Wuppertal und Düsseldorf
Bundesweite Razzia gegen Geldwäscher-Bande - Festnahmen in Wuppertal und Düsseldorf
Auf der Spur der „verlassenen Orte“ in Wuppertal
Auf der Spur der „verlassenen Orte“ in Wuppertal
Auf der Spur der „verlassenen Orte“ in Wuppertal
Im Marx-Engels-Zentrum stöbern gehen
Im Marx-Engels-Zentrum stöbern gehen
Im Marx-Engels-Zentrum stöbern gehen

Kommentare