Justizvollzugsanstalt

18 Türen bis zum Klassenzimmer hinter Gitter

Auch in einer Justizvollzugsanstalt wie in Ronsdorf findet Unterricht statt.
+
Auch in einer Justizvollzugsanstalt wie in Ronsdorf findet Unterricht statt.

Jürgen Zetzsche und Anna Glasmacher sind Lehrer in der Justizvollzugsanstalt Wuppertal-Ronsdorf.

Von Marvin Rosenhoff

Wuppertal. Eigentlich wirkt der Klassenraum ganz normal. Stühle, Tische, Whiteboards. An der Wand hängen Bilder. Soweit nichts Besonderes. Nur die Gitterstäbe vor den Fenstern lassen vermuten, dass das hier keine gewöhnliche Schule ist. „Anfangs waren die Gitter schwierig für mich, aber das verläuft sich mit der Zeit“, erzählt Jürgen Zetzsche.

Zetzsche ist Lehrer an der Justizvollzugsanstalt in Wuppertal-Ronsdorf. Quereinsteiger. Seit 2020 ist der 61-Jährige dabei. Nach 25 Jahren im Vertrieb in der Werbebranche war bei dem studierten Germanisten und Philosophen in seinem alten Job die Luft raus: „Da ging es nur um Geld, das wollte ich nicht ewig machen.“

Das Funkgerät mit Alarmknopf ist immer griffbereit

18 Türen muss Zetzsche heute auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz im hinteren Teil des Ronsdorfer Gefängnisses überwinden. Sie sind alle verschlossen. Ständig. Den Schlüssel hat er immer griffbereit. Auch das Funkgerät mit dem roten Alarmknopf gehört zu seiner neuen Arbeitsausrüstung. 20 bis 30 Sekunden dauere es, bis jemand im Notfall zur Stelle ist, sagt er. Manchmal komme das vor.

Für mich ist wichtig, dass ich zwischen den Schülern keine Unterschiede mache.

Jürgen Zetzsche, Lehrer

Was die Jugendlichen und Männer, denen er in der Klasse gegenübertritt, gemacht haben, damit sie in Ronsdorf landen, weiß Zetzsche nicht. Von Dieben über Sexualstraftäter bis hin zu Mördern könne alles dabei sein. „Ich kann mir das natürlich in den Akten vorher angucken. Aber ich mache das normalerweise nicht“, sagt er. „Für mich ist wichtig, dass ich zwischen den Schülern im Klassenraum keine Unterschiede mache.“

Trotzdem weiß Zetzsche mehr über die Schüler, als das draußen der Fall wäre. Er kennt ihre Zellen, weiß wie die Gefangenen leben. „Das hier im Gefängnis ist ein eigenständiger Kosmos“, erzählt er. „Wir kommen hier rein und leben eigentlich mit den Gefangenen zusammen.“

Dass es im Gefängnis intimer zugeht, kann Anna Glasmacher bestätigen. Glasmacher ist Zetzsches Kollegin und seit 2016 Lehrerin an der JVA Ronsdorf. Die gelernte Diplompädagogin ist über eine Schwangerschaftsvertretung in den Job gerutscht. „Es ist eher ein bisschen wie in einem Internat“, sagt sie.

Anna Glasmacher und Jürgen Zetzsche an ihrem Arbeitsplatz. Der Unterrichtsraum wirkt eigentlich ganz normal.

„Wenn es Probleme gibt, können wir die Schüler auch nach dem Unterricht noch mal ansprechen. Die können ja nicht weg.“ Verändert habe sie die Arbeit im Gefängnis nicht. Nur ein wenig achtsamer sei sie geworden. „Manche Schüler reden sehr offen über ihre Taten und ihr persönliches Schicksal und natürlich denkt man dann darüber nach“, erzählt die 41-Jährige.

Für jeden sei der Job sicherlich nichts, da sind sich Glasmacher und Zetzsche einig. „Man sollte schon sehr gefestigt sein und ein Stück Lebenserfahrung mitbringen“, sagt Glasmacher. Die Schüler würden sofort merken, wenn man versucht, ihnen etwas vorzumachen. Dann werde es schnell unruhig und stressig. „Wer nicht authentisch ist und nicht weiß, wovon er redet, der wird als Gefängnislehrer Probleme bekommen“, sagt Zetzsche.

Angst davor, dass mal etwas aus dem Ruder läuft, haben die beiden nicht. Auch körperlich angegangen wurden sie noch nie. „Klar gibt es manchmal Ärger. Die Konfliktschwelle ist bei vielen einfach niedriger“, sagt Zetzsche. Umsonst sitze schließlich niemand hier. „Aber in der Klasse können wir meistens noch eingreifen, bevor es eskaliert.“ In den Pausen sei das anders. Hier komme es häufiger auch schon mal zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. „Aber die wissen, dass wir eigentlich die Guten sind und ihnen nichts wollen.“

Maximal acht Schüler sitzen Glasmacher und Zetzsche täglich im Klassenraum gegenüber. Das hat Vorteile.  „Wir können viel gezielter auf die Schüler eingehen. Das ist sicherlich angenehmer als an mancher öffentlichen Brennpunktschule“, meint Glasmacher. „Außerdem weiß ich hier ziemlich sicher, dass niemand ein Messer oder etwas ähnliches dabei hat.“

Viele haben vorher noch keine Schule von innen gesehen

24 Stunden Unterricht geben die beiden Lehrer in der Woche. Deutsch, Englisch, Wirtschaft und Mathematik. „Eigentlich unterrichten wir alles“, sagt Jürgen Zetzsche. Um 7.30 Uhr morgens geht es los. Dazu kommen Vor- und Nachbereitung sowie der Austausch mit den Kollegen.

Obwohl auch im Gefängnis Schulpflicht herrscht und die Gefangenen versuchen, reguläre Abschlüsse von der Hauptschule bis zum Abitur zu machen, laufe beim Unterricht hinter Gittern doch vieles anders als draußen, findet Glasmacher. „Man ist mehr Sozialarbeiter, versucht, vor allem zu motivieren und den Schülern Erfolgserlebnisse zu ermöglichen“, berichtet der 61-Jährige. Viele hätten schließlich noch nie eine Schule von innen gesehen, bevor sie ins Gefängnis kamen.

Hintergrund

Die Justizvollzugsanstalt Ronsdorf wurde von 2009 bis 2011 gebaut. Sie bietet Platz für 510 männliche Häftlinge. Die JVA ist zuständig für die Vollstreckung von Jugend- und Freiheitsstrafen. Außerdem findet dort Untersuchungs-, Auslieferungs-, Durchlieferungs- und Zivilhaft an Jugendlichen statt.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

European Championships: Remscheiderin holt erste Medaille für Deutschland
European Championships: Remscheiderin holt erste Medaille für Deutschland
European Championships: Remscheiderin holt erste Medaille für Deutschland
Weniger Gebühren für Abwasser: Wuppertal will Schwammstadt werden
Weniger Gebühren für Abwasser: Wuppertal will Schwammstadt werden
Weniger Gebühren für Abwasser: Wuppertal will Schwammstadt werden
Lkw-Fahrer liegt in kritischem Zustand auf Standstreifen - keiner hilft
Lkw-Fahrer liegt in kritischem Zustand auf Standstreifen - keiner hilft
Lkw-Fahrer liegt in kritischem Zustand auf Standstreifen - keiner hilft
Toter Mann in Wuppertal: 41-Jähriger festgenommen
Toter Mann in Wuppertal: 41-Jähriger festgenommen
Toter Mann in Wuppertal: 41-Jähriger festgenommen

Kommentare