Aus Wuppertal in die weite Welt

Frank Petzold zaubert aus Gulasch Explosionen

Zwischen Plakaten von abgeschlossenen Filmprojekten zeigt Frank Petzold Szenen aus „Im Westen nichts Neues“.
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Zwischen Plakaten von abgeschlossenen Filmprojekten zeigt Frank Petzold Szenen aus „Im Westen nichts Neues“.

Wuppertaler macht visuelle Effekte für große Hollywood-Filme. Zuletzt drehte er an der Netflix-Produktion „Im Westen nichts Neues“.

Von Alina Komorek

Wuppertal. Plötzlich rollt von rechts ein Panzer ins Bild – und begräbt den Soldaten im Graben unter sich. Das Blut spritzt rot auf in der dreckigen Farblosigkeit der Kriegsszene. Dann klickt Frank Petzold auf den Pause-Knopf, friert das Bild ein und deutet auf die Szene im unteren Bereich des Bildschirms: „Und so wurde das gedreht.“

Der 53-Jährige spult zurück – nun ist bloß ein Darsteller zu sehen, der sich nach hinten schmeißt und die Arme hochreißt. Den rollenden Panzer nämlich hat Frank Petzold auf diese Szene gelegt. Der Wuppertaler ist Visual Effects Supervisor. „Ich sorge für Effekte, die man vor der Kamera nicht erreichen kann.“ Dazu gehören Monster, Schießereien, Kugelhagel – oder auch einfach nur ein feiner Schneestaub auf der Landschaft. „Ich mache nur Sachen, die praktisch nicht möglich sind.“

Die Szene, die Petzold auf seinem Bildschirm hat ablaufen lassen, stammt aus seinem jüngsten Film: die Netflix-Produktion von „Im Westen nichts Neues“ mit Daniel Brühl und Felix Kammerer. Die Aufgabe lautete, realistische Szenen zu machen – also auf allzu viel Blut und übertriebene Effekte verzichten, um die düstere, dreckige und sinnlose Stimmung des Romans von Erich Maria Remarque darzustellen.

Frank Petzold ist das Bindeglied zwischen Regisseur und Künstler

Trotzdem aber braucht der Film ein bisschen „Magie“, wie Petzold seine Arbeit humorvoll nennt, denn wenn Soldaten von Panzern überrollt oder von Kugeln getroffen werden, lässt sich das nicht filmen. Dafür braucht es die Ideen von Petzold. Ihm kommt dann am Set mal der Einfall, dass eine Explosion viel realistischer aussieht, wenn nicht nur Kunstblut, sondern auch ein paar Essensreste („der Gulasch vom Mittagsbuffet“) durch die Gegend fliegen. Er beschreibt sich als Bindeglied zwischen Regisseur und Künstlern. So bespricht er, was sich wie umsetzen lässt, ob ein paar Blutbeutel reichen und wie die Animation am Computer aussehen könnte.

Wenn das Monster, gegen das der Held der Geschichte kämpft, erst animiert werden muss, beschreibt Petzold dem Schauspieler ganz genau, wie er sich wann bewegen und welche Mimik er machen muss, damit alles passt.

Nach einer langen Zeit in den USA lebt Petzold wieder im Tal

Sein Lieblingsprojekt ist einer seiner ersten Filme: „Starship Troopers“, ein Hollywood-Blockbuster, für den er in den 90ern die Effekte gemacht hat. „Da habe ich ein Jahr lang nur gestaunt, dass ich dort gelandet bin“, sagt Petzold, noch immer selig beim Gedanken an den Film, der 1997 herausgekommen ist. „Damals waren wir Magier, Zauberer. Denn Mitte der 90er hatte noch nie jemand diese Effekte gesehen.“ Weil für die Filme, die Petzold macht, die Visual Effects so wichtig sind, ist sein Team, das die Effekte gestaltet, recht groß. Für „Im Westen nichts Neues“ hatte er in seinem Team etwa 180 Leute – zum Teil haben 20 von ihnen anderthalb Monate lang an nur einer einzigen Szene gearbeitet – und so ein Film besteht aus 600 bis 1000 Szenen, die fast alle mal ein bisschen Zauber vom Mann für die Visual Effects brauchen – auch dann, wenn der Himmel nur noch ein wenig düsterer aussehen soll.

Petzold verwendet den englischen Titel „All Quiet in the West“ und kürzt ihn zu „All Quiet“ ab – vielleicht, weil er mehr als zehn Jahre in Amerika gelebt und gearbeitet hat – und Filme mit Steven Spielberg, Bruce Willis oder Nicole Kidman gemacht hat. Vor etwa 15 Jahren sind Petzold und seine Frau in seine Heimatstadt Wuppertal zurückgekehrt. Der Grund: „Familie, Kinder. Außerdem liegt Wuppertal ziemlich zentral, ich bin bei Treffen immer der erste im Büro in London“, sagt er.

Inzwischen würden ohnehin viele Filme in Städten wie Berlin, München, London oder Prag gedreht. So auch „Im Westen nichts Neues“: Auf einem ehemaligen Flughafen im Prager Umland wurden die Kriegsszenen, die Gefechte, gedreht. „Nach den Vorbereitungen, die meist etwa drei Monate dauern, in denen alles intensiv besprochen wird, fangen die Drehtage an.“ Und die klingen in Petzolds Erzählung ziemlich anstrengend: „Die Drehtage beginnen meistens um 5.30 Uhr und um Mitternacht fällt man dann nur noch ins Bett.“

Als Ausgleich nimmt sich Petzold nach einem neuen Film gern mal längere Zeit frei – im Januar beginnt er mit seinem nächsten Projekt, einer englischen Produktion, zu der er noch nicht mehr sagen darf. Und zwischendurch macht er noch kurze Projekte, wie die Effekte für Milka-Werbung. Jetzt widmet der 53-Jährige sich aber erst einmal seiner Familie, fährt mit seinem Mountainbike durch die Wälder oder repariert das Haus.

Und wenn er im Bergischen Land ein bisschen Hollywood braucht, geht er einfach in sein Büro im Keller des Familienhauses. Dort kann er zwischen Plakaten von Paul-Verhoeven-Filmen, Horrorstreifen wie „The Ring“ („Horror macht am meisten Spaß“) und Nicole Kidmans schönem Gesicht neue Ideen entwickeln und auch ein kleines Bisschen „zaubern“. Mit seinem Job wirkt er ziemlich zufrieden. Ein Wunschprojekt hat er aber trotzdem: Petzold würde sehr gern einmal den Film „Metropolis“ von 1927 neu verfilmen. „Da hätte ich richtig Spaß dran.“

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