Wahrzeichen

Ein Guss neuer Räder für den Kaiserwagen

Fünf der zehn Räder für den Kaiserwagen entstanden in einem Guss. Foto: Andreas Boller
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Fünf der zehn Räder für den Kaiserwagen entstanden in einem Guss.

Austausch nach 100 Jahren – Wuppertaler Touristenattraktion kehrt aber nicht vor Herbst 2022 zurück

Von Andreas Boller

Wuppertal. Ein Räderwechsel alle 100 Jahre – gegen die Haltbarkeit des Kaiserwagens lässt sich nicht viel sagen. Doch mit der Renovierung des Oldtimers der Schwebebahn steht nun auch ein kompletter Austausch der Räder an. Ein neuer Satz von acht Rädern sowie zwei Ersatzräder wird in diesen Tagen in der Stahlgießerei Böhmer in Witten gegossen.

Mit der Böhmer Gusstechnik GmbH & Co. KG haben die Wuppertaler Stadtwerke (WSW) einen Partner gefunden, der in der Lage ist, in kleinen Stückzahlen Maßanfertigungen zu produzieren. Das Unternehmen wurde 1920 als Familienbetrieb gegründet und beliefert mit rund 150 Mitarbeitern auch Großabnehmer wie die Bahn und Caterpillar. Spezialisiert sind die Wittener in ihrer Gießerei auf das rollende gegossene Rad. Die Rekonstruktion der Räder des Kaiserwagens erforderte zunächst einige Untersuchungen bezüglich des Materials und der Konstruktion. „Die WSW haben uns eines der Räder zur Verfügung gestellt, aus dem wir eine Materialprobe entnommen haben. Damals wurde Kruppstahl ohne Legierungselemente verwendet. Das war keine Überraschung“, berichtet der kaufmännische Geschäftsführer W. Erik Böhmer.

Eine Pointe lieferte die einzig erhaltene Konstruktionszeichnung. „Auf der waren gerade Speichen eingezeichnet. Wir haben uns schon gewundert, wie die Hersteller damals die Biegung der Speichen hinbekommen haben, aber diesen Schwung haben die Räder erst im Laufe der Jahrzehnte durch die Belastung erhalten“, sagt W. Erik Böhmer schmunzelnd.

Kaiserwagen dürfte Millionen Kilometer zurückgelegt haben

Millionen Kilometer dürfte der historische Kaiserwagen zurückgelegt haben, bevor er nun schon seit längerer Zeit aus dem Verkehr gezogen worden ist. Neben einer Komplettsanierung muss der Kaiserwagen auch auf das neue Betriebssystem der jüngsten Schwebebahngeneration umgestellt werden.

Der Kaiserwagen hat eine große symbolische Bedeutung für die Wuppertaler Stadtwerke und ist wegen der beliebten Kaiserwagenfahrten eine Haupteinnahmequelle für die Wuppertal Touristik. Eine Delegation, angeführt von den Schwebebahn-Betriebsleitern Michael Krietemeyer und Christian Kindinger sowie dem Werkstattleiter Thomas Kampa war nach Witten gefahren, um das Gießen der ersten fünf Räder mitzuerleben.

„Wenn diese Räder uns nicht überdauern, haben wir etwas falsch gemacht.“

Schwebebahn-Betriebsleiter Michael Krietemeyer

„Wenn uns diese Räder nicht überdauern, dann haben wir etwas falsch gemacht“, sagte Michael Krietemeyer. Nach rund einer Woche wird man wissen, ob der Guss gelungen ist. Davon ist W. Erik Böhmer fest überzeugt, denn dem Prozess des Gießens sind zahlreiche Schritte der Vorbereitung vorangegangen: Die 3D-Vermessung eines der historischen Räder bildete die Grundlage für einen Holz-Modellbau, der sich im Sand als Negativ abbildet und dann mit dem flüssigen Stahl aufgefüllt wird. „Wenn in 80 Jahren jemand von den Stadtwerken nachfragt, dann ziehen wir die Schublade auf und können noch ein paar Räder fertigen. Unsere Stärke ist, dass wir Nischen besetzen können, wir bauen auf Wunsch auch ein einzelnes Rad.“

Das Auftragsvolumen für den Satz von zehn Rädern für den Kaiserwagen beläuft sich auf eine mittlere fünfstellige Summe. Aus der Zeitung hatte Böhmer von den Problemen der Schwebebahnen in der Rad-Schiene-Beziehung erfahren, die dann ein Jahr lang zu Einschränkungen des Fahrbetriebs geführt hatten.

Bis der Kaiserwagen wieder auf die Strecke gehen kann, wird es nach aktuellem Stand wohl noch bis Herbst 2022 dauern. Die Räder sind nur ein Teil des Systems. Aktuell hakt es bei der Lieferung eines Achsträgers, was wiederum Verzögerungen bei anderen Arbeiten nach sich zieht. Ein Teil des Kaiserwagens wird in der Betriebswerkstatt in Vohwinkel bearbeitet, während der andere Teil in die Hako-Hallen ausgelagert ist, um Platz für die laufenden Arbeiten an den neuen Schwebebahnen zu schaffen.

300 Räder für die neue Schwebebahngeneration wurden in den vergangenen Monaten in großer Stückzahl von der Bochumer Verein Verkehrstechnik GmbH. Diese Räder sollen den Betrieb der Schwebebahn erst einmal für die kommenden Jahre sichern.

Hintergrund

In der Gießerei wird der Stahlschrott, der bei der Fertigung von Stahlteilen anfällt, in drei Induktionsschmelzöfen auf 1600 bis 1700 Grad erhitzt. 500 Kilogramm Guss benötigen einen Tag zum Abkühlen, bevor sie aus der Gussform genommen werden. Dann kommt das Produkt bei 920 Grad in Warmbehandlungsöfen. Rund zehn Tage dauert es, bis der Guss geprüft wird.

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