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Ärztin vermittelt Gefangenen in Wuppertal emotionale Kompetenz

In der Justizvollzugsanstalt Wuppertal in Vohwinkel gibt Stephanie Hofmann Achtsamkeitskurse.
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In der Justizvollzugsanstalt Wuppertal in Vohwinkel gibt Stephanie Hofmann Achtsamkeitskurse.

Wuppertal. Die Ärztin Stephanie Hofmann möchte den Häftlingen dabei helfen, ihr Leben anders ausrichten zu können.

Von Caroline Büsgen

Wenn Stephanie Hofmann in die Justizvollzugsanstalt (JVA) geht, betritt sie eine etwas andere Welt als in den Achtsamkeitskursen in herkömmlichen Bildungseinrichtungen. Nach einer üblichen Kontrolle wird sie von Justizbeamten in einen Raum begleitet, in dem Männer zusammen gekommen sind, die aus unterschiedlichsten Gründen – manchmal auch wegen Kapitalverbrechen – Haftstrafen verbüßen.

Stephanie Hofmann ist Ärztin und gibt wöchentliche Kurse in Achtsamkeit und emotionaler Kompetenz, vorwiegend in der Wuppertaler JVA. Sie betreut aber auch immer wieder Strafgefangene, die von der Untersuchungshaft in Wuppertal in andere Gefängnisse in NRW verlegt werden. 2020 hat sie zusammen mit einem ehemaligen Strafgefangenen den Verein „Lernraum Knast e.V.“ gegründet. Mit ihm möchte sie eine Möglichkeit für Menschen schaffen, ebenfalls an Justizvollzugsanstalten kompetent Kurse in Achtsamkeit und emotionaler Kompetenz anbieten zu können.

Lebenswege seien selten gradlinig und problemlos

Dabei ist es ihr wichtig, dass sie zu den Strafgefangenen nicht als Dozenten und „von oben herab“ als diejenige kommen, die ihnen erklären, wie das Leben besser läuft, sondern es geht darum, ihnen Werkzeuge vorzustellen, um ihr Leben anders ausrichten zu können als bisher. Lebenswege seien selten gradlinig und problemlos, aber, ob jemand kriminell wird oder gerade noch mal „die Kurve bekommt“, liege an vielen verschiedenen Faktoren.

Wenn etwa einem Menschen in einer Situation die Sicherung durchbrennt, hat er im Grunde immer die Möglichkeit, die Entscheidung zu treffen, aktiv aus der Situation herauszugehen und zu deeskalieren. Wer diese Selbstregulationsmechanismen aber – meist aufgrund ungünstiger innerer Muster durch frühe Kränkungen – nicht kennt und geübt hat, schlägt, sticht zu, nimmt Drogen, betrügt oder begeht ein anderes Verbrechen. Stephanie Hofmann skizziert diese inneren Mechanismen, die so häufig kriminellen Lebenswegen zugrunde liegen.In ihren Achtsamkeitskursen trainiert sie mit Gefangenen auf freiwilliger Basis, in Kontakt mit sich selbst zu kommen, über Selbstwahrnehmung in Kontakt zu ihren Gefühlen und Körperempfindungen zu gelangen und typische Gedankenmuster zu erkennen.

Über bewusstes Atmen und das Beobachten innerer Vorgänge lassen sich auch eigene Impulse wahrnehmen. Danach könnten dann auch schwierige Gefühle wie Wut, Angst, Aggression wahrgenommen, Impulse kontrolliert und reflektiert werden.Seit mehr als sieben Jahren arbeitet Hofmann, die sich nach der Anfrage durch die JVA erst einmal Zeit zum Überlegen ausgebeten hatte, nun schon mit Gefangenen. Sie erlebt immer wieder, dass es sich nach dem Ende der Haft auch wieder in eine gute Richtung entwickeln kann, wenn Haftentlassenen bei der Resozialisierung geholfen wird.

Es brauche mehr Unterstützung bei Job- und Wohnungssuche, Gängen zu Ämtern, sozialen Kontakten, eben beim Zurückfinden in die Gesellschaft. Hier wünscht sie sich mehr Engagement, hier passiere in der Gesellschaft zu wenig, um Rückfälle zu verhindern. Ein hoher Prozentsatz von Haftentlassenen werde rückfällig, weil die Wiedereingliederung nicht nachhaltig begleitet wird.

Ein Tagessatz für einen Gefangenen liegt bei derzeit 179 Euro, rechnet Stephanie Hofmann auch den volkswirtschaftlichen Schaden vor, den die Rückfälligkeit die Gesellschaft – abgesehen von weiteren Verbrechen – kostet. Hier setzt der von ihr und einem Ex-Häftling gegründete Verein an. Er ermöglicht ehemaligen Strafgefangenen, sich in der Arbeit im Bereich Prävention an Schulen und anderen Einrichtungen zu engagieren und Jugendliche authentisch über Drogensucht, die Folgen von Kriminalität und die Realität eines Lebens in Gefängnissen aufzuklären. Sie werden von dem Verein geschult und betreut.

Zurzeit ist eine Erweiterung dieses Angebotes mit Anti-Gewalt- sowie Anti-Mobbing-Veranstaltungen geplant. Darüber hinaus stehen Kooperationen mit weiteren Justizvollzugsanstalten in Aussicht. Stephanie Hofmann und ihr Team wissen, dass Kränkungen, Ausgrenzung und Demütigungen oft dazu führen, dass Menschen zu Straftätern werden. Das Lernraum-Knast-Team ist davon überzeugt, dass seine Arbeit dazu beiträgt, was viele Straftäter erkennen: „Ich möchte nicht mehr der sein, der ich niemals war.“ Für die Achtsamkeitstrainerin ist ihre Arbeit keine Einbahnstraße: „Ich empfinde die Arbeit mit den Strafgefangenen auch als sehr wertvoll für mich selbst.“

Wer sich über die Arbeit des Vereins informieren möchte, kann das auf der Internetseite: Lernraum-knast.de

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