74 Verdächtige in 14 Bundesländern

Neuer Missbrauchskomplex: Wermelskirchener fand Opfer als Babysitter

Deutschlandweit wird in 14 Bundesländern gegen Verdächtige ermittelt.
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Deutschlandweit wird in 14 Bundesländern gegen Verdächtige ermittelt.

Wermelskirchen. Ermittler haben einen weiteren großen Missbrauchskomplex aufgedeckt. Es gibt 70 Tatverdächtige. Ein Wermelskirchener sitzt in U-Haft. Die Ermittler zeigen sich tief betroffen über das Ausmaß der dokumentierten Brutalität.

Staatsanwaltschaft und Polizei in Köln informierten am Vormittag über Ermittlungen gegen 74 Verdächtige in 14 Bundesländern, die zahlreiche Fotos und Videos von sexuell missbrauchten Babys und Kleinkindern besessen und getauscht haben sollen.

Bis 2018 war der Hauptverdächtige als Babysitter im Kölner Umland tätig gewesen. Über eBay-Kleinanzeigen (In einer ersten Version berichteten wir, dass es sich um eBay handelte. Dies war ein Fehler der Polizei. Sie korrigierte ihn.) hatte die Polizei hatte er Kontakt mit Eltern aufgenommen. Der Beschuldigte aus Wermelskirchen sitzt derzeit in einem nordrhein-westfälischen Gefängnis in Untersuchungshaft. Er ist nach Angaben der Polizei verheiratet ohne eigene Kinder. Er habe keine Eintragungen ins Vorstrafenregister. 

Dem Wermelskirchener wird unter anderem vorgeworfen, zwölf Kinder - zehn Jungen und zwei Mädchen - missbraucht zu haben. Die Taten wurden zum Teil gefilmt. Die Hälfte der Kinder sei nicht älter als drei Jahre gewesen. Wie die Ermittler mitteilen, seien die Bilder und Videos von einer „nicht vorstellbaren Brutalität“. Der Zeitraum der derzeit vorgeworfenen Taten liegt zwischen 2005 und 2019. Die Ermittler gehen aber davon aus, dass es sich dabei nur um einen Teil der Straftaten handelt. Ob der Tatverdächtige auch betäubende Substanzen eingesetzt hat, ist noch Teil der Ermittlungen.

Auf seine Spur waren die Ermittler der Zentralstelle „Cybercrime NRW“ bei der Staatsanwaltschaft Köln über Chats gekommen, an denen sich der Beschuldigte beteiligt haben soll. Spezialkräfte hatten den Wermelskirchener im Dezember 2021 festgenommen.

Die Ermittler entschieden sich für einen Zugriff mit dem Sondereinsatzkommando SEK, da sie „ihn am offenen Rechner überraschen“ wollten, so Kriminalhauptkommissar Jürgen Haese. Es sollte vermieden werden, dass gegebenenfalls eingerichtete Sicherungsmechanismen den Zugriff der Ermittler erschweren könnten. Der Zugriff am offenen Rechner gelang, so konnten die Ermittler eine Live-Sicherung der Daten starten. Diese dauerte 17 Tage, ein Hinweis auf die Größe der Datenmenge. Die Daten reichen bis 1993 zurück. Auch Datenspeicherspürhunde waren im Einsatz.

Wermelskirchen: Ermittler erschüttert über Ausmaß der dokumentierten Taten

Bei den sichergestellten Daten handele es sich um Beweismaterial in einem unvorstellbaren Umfang, berichtete Jürgen Haese. Als Vergleich zog er die Ermittlungen im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach (BAO Berg) heran. Damals sei es um drei Terabyte gegangen, darunter zum Teil auch Urlaubs- oder normale Familienbilder.

In Wermelskirchen hingegen stellten die Ermittler allein auf einer einzigen Festplatten-Partition 3,5 Millionen Bild- und 1,5 Millionen Video-Daten sicher. Sie alle ließen keinerlei Spielraum für Interpretationen. Es handele sich zu einem großen Teil um die Dokumentation schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern „in einer nicht vorstellbaren Brutalität“. Etwa zehn Prozent des Beweismaterials konnten bisher ausgewertet werden. Alle beteiligten Ermittler zeigten sich in der Pressekonferenz erschüttert über das Ausmaß der Brutalität der dokumentierten Taten.

Einen direkten Zusammenhang zwischen dem Missbrauchskomplex Wermelskirchen und dem Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach sehen die Ermittler nicht. Es handelt sich nach derzeitigen Erkenntnissen um ein eigenständiges Netzwerk. Bislang seien in diesem Netz 74 Verdächtige und 33 Opfer identifiziert worden. Das jüngste Kind sei einen Monat alt gewesen. Unter den Opfern seien fünf Säuglinge und Kinder mit Behinderung.

Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln in 14 der 16 deutschen Bundesländer. Lediglich Bremen und das Saarland seien nach bisherigen Kenntnissen nicht betroffen.

Ulrich Bremer, Oberstaatsanwalt: „Es gilt 30 Terabyte Daten auszuwerten. Die Hälfte der Kinder war nicht älter als drei. Der Beschuldigte ist Angestellter und ohne Vorstrafen. Die Taten hat der Beschuldigte im Kern eingeräumt. Die missbrauchten Kinder stammten aus dem näheren Umfeld. Über entsprechende Plattformen hatte sich der Beschuldigte zudem erfolgreich als Babysitter angeboten.“

Joachim Roth, Leitender Oberstaatsanwalt in Köln: „Was ich gesehen habe, hat mich bis ins Mark erschüttert.“

Polizeipräsident Falk Schnabel: „Ein solches Ausmaß an menschenverachtender Brutalität ist mir noch nicht begegnet. Und ich habe es mir auch nicht vorstellen können.“

Die Pressekonferenz beginnt.

Unser Artikel von 8.43 Uhr:

Ein Teil der Männer hat den Ermittlungen zufolge auch selbst Kinder vergewaltigt. Deutschlandweit werde in 14 Bundesländern gegen Verdächtige ermittelt. Neben dem Besitz von Fotos und Videos soll ein Teile dieser Männer auch selbst Kinder vergewaltigt haben. Auch der Wermelskirchener soll selbst sexuellen Missbrauch begangen haben.

Ausgangspunkt war ein Verfahren in Berlin, bei dem ein 44-jähriger Mann aus Wermelskirchen im Bergischen Land ins Visier der Ermittler geraten war. Er führte ausführliche Listen von Pädophilen. Der 44-Jährige soll auch selbst Kinder schwer sexuell missbraucht haben. Er sitzt in Untersuchungshaft.

Bei dem Beschuldigten aus Wermelskirchen handelt es sich nach Informationen unserer Redaktion um einen 44 Jahre alten Mann. Er wohnte erst seit knapp einem Jahr mit seiner Frau in Wermelskirchen. Eigene Kinder soll er nicht haben. Das freistehende Einfamilienhaus mit großem Garten, in der Beschuldigte mit seiner Frau wohnte, war erst im vergangenen Jahr fertiggestellt worden. Der 44-Jährige war aus Wuppertal nach Wermelskirchen gezogen. Nachbarn beschreiben ihn als ruhigen Mann, der immer freundlich gegrüßt habe – etwa aus dem Auto heraus beim Vorbeifahren. „Niemand hat ihm so etwas zugetraut - er war sympathisch“, sagt ein Nachbar. Beim Nachbarschaftstreffen, einer kleinen Zusammenkunft im Viertel, habe er kurz vor seiner Festnahme noch angeboten, sich im Viertel engagieren zu wollen. „Er wollte aktiv in der Nachbarschaft helfen“, berichtet ein Nachbar. Doch dazu sei es dann wegen seiner Festnahme nicht mehr gekommen.

Die Kölner Polizei hat eine „Besondere Aufbauorganisation Liste“ (BAO Liste) mit rund 40 Ermittlern eingesetzt. „Die Größe des Falls ist schon heftig. Auf den sichergestellten Daten sind die übelsten Sachen zu sehen. Das sprengt jede Vorstellungskraft“, hieß es aus Sicherheitskreisen. „Einen aktiven Missbrauch, der also noch andauert, haben wir glücklicherweise bislang aber nicht entdecken können.“

Im Zuge der Ermittlungen in dem Missbrauchskomplex hat sich Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) erschüttert gezeigt. „Das ist eine Kriminalität, die an Brutalität überhaupt nicht zu bewerten ist. Die Berge an Daten sind so groß, dass man sie mit normaler händischer Arbeit nicht mehr bewältigen kann“, sagte Reul am Samstag.

Weitere Details zu dem Fall wollen Staatsanwaltschaft und Polizei Köln am Montag bei einer Pressekonferenz bekannt geben. 

In Nordrhein-Westfalen hatte es in den vergangenen Jahren mehrere Kriminalitätskomplexe mit schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern gegeben. Auf den Missbrauchsfall Lügde folgten die Ermittlungen zu den Komplexen Bergisch Gladbach und Münster. -dpa-

+++ Wir berichten an dieser Stelle laufend weiter. +++

Im Dezember 2021 hatte die Polizei die Festnahme eines Mannes in Wermelskirchen gemeldet. Auf seine Spur waren die Ermittler der Zentralstelle „Cyberkrime NRW“ bei der Staatsanwaltschaft Köln über Chats gekommen.

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