Warum der zweite Lockdown schwerer wird

Prof. Leonhard Schilbach aus Wuppertal erklärt, wie wir seelisch gesund durch die Corona-Pandemie kommen

Von Martin Lindner

Wuppertal Der zweite Lockdown hat das Bergische Land im Griff: Kultureinrichtungen sind geschlossen, Feste und Feiern zum größten Teil gestrichen, das Mittagessen aus dem Restaurant bekommt man nur noch in der Menübox zum Mitnehmen in die Hand gedrückt. Das schlägt naturgemäß vielen Menschen aufs Gemüt. Prof. Leonhard Schilbach, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am LVR-Klinikum in Düsseldorf, kennt das Problem und erklärt, dass der zweite Lockdown schwerer zu bewältigen sein wird als der erste.

„Mein Eindruck ist, dass eine Müdigkeit eingesetzt hat, sich an die wieder verschärften Regelungen zu halten“, sagt er. In den vergangenen Monaten waren die Menschen wieder stärker mobil unterwegs, haben sich ihr altes Leben zum Teil zurückerobert. Sich wieder von Neuem einzuschränken und auf Dinge sowie wiedergewonnene Freiheiten verzichten zu müssen, sei da schwer.

Bei Corona geht es um einen Dauerlauf

Ferner entstehe ein Problem dadurch, dass die Perspektive fehle, was nach dem Lockdown passiert. Nach dem ersten Lockdown war die Vorstellung, dass es noch einen zweiten geben könnte, in weiter Ferne. Nun sieht es so aus, dass es nach dem zweiten schnell einen dritten und vierten geben könne. Das lähmt. „Es setzt eine Art kollektive Ohnmacht und Frustration ein“, erläutert der Chefarzt aus Wuppertal. „Am Anfang hatte man den Eindruck, schnell laufen zu müssen, und dass dann alles wieder normal sein würde“, sagt er. „Es geht bei Corona aber um einen Dauerlauf, und an den müssen wir uns anpassen.“

Den Teufelskreis könne man am besten durchbrechen, indem man für sich selbst Ziele setzt. „Die Tagesstruktur ist ganz wichtig“, verdeutlicht der Psychiater. Kontraproduktiv und sogar psychisch schädlich sei es, sich in sein Schneckenhaus zu verkriechen und sich wenig bis gar nicht mehr zu bewegen. „Wenn es uns seelisch gut geht, bemerken wir häufig gar nicht, was dazu alles beiträgt. Aber jetzt sollten wir uns das bewusstmachen, damit es uns durch die schwierige Zeit bringen kann“, erklärt Prof. Schilbach.

Deswegen solle man ein Blatt Papier und einen Stift in die Hand nehmen und für die Woche Aktivitäten und Pläne eintragen, die einem Freude bereiten: seien es Lesestunden, ein Filmabend oder ein Telefongespräch mit Freunden und Bekannten. „Wir planen so viel im Leben, aber leider in der Regel nur die Pflichten“, beklagt Prof. Schilbach schulterzuckend. Dabei sei die Selbstfürsorge von ebenso großer Wichtigkeit und könne einem Sicherheit sowie ein stückweit die Kontrolle zurückgeben. „Das sind wichtige Bausteine gegen eine negative Gefühlsentwicklung“, weiß er.

Das Weihnachtsfest wird eine große Herausforderung

Auch sei es sinnvoll, die eigenen Stärken, die man besitzt, einmal niederzuschreiben. Das tue einem gut, versichert Prof. Schilbach. Man könne auch ruhig schlechte Gefühle zulassen, die einen in der aktuellen Situation belasten, und sich gleichzeitig überlegen, wie man diese ändern könne. Ein anderer wichtiger Punkt sei – trotz Corona – mit Menschen in Kontakt zu bleiben: Mails schreiben, skypen, telefonieren. Überdies der Sport – jeden Tag mindestens eine halbe Stunde, empfiehlt Schilbach – dürfe nicht vernachlässigt werden. Die kalte Jahreszeit sei leider prädestiniert für eine Zunahme psychischer Erkrankungen. Im Sommer sei es einfacher, sich zu bewegen und Aktivitäten draußen durchzuführen. Das falle im Herbst und Winter größtenteils weg.

Um den zweiten Lockdown für die menschliche Psyche sanft zu gestalten, sieht Schilbach ebenso die Politik in der Pflicht. „Transparenz in der Kommunikation ist dabei extrem wichtig“, betont der Psychiater. Menschen haben ein gutes Gespür dafür, ob ihnen die Wahrheit erzählt wird oder nicht. „Meinem Eindruck nach schneidet hier unsere Kanzlerin hervorragend ab“, bemerkt er am Rande. Entscheidend sei, dass die Politiker mit den Menschen eine gemeinsame Vision entwickeln, wie die Krise gestaltet und durchgestanden werden kann. Ehrlichkeit sei dabei essenziell, damit sich die Menschen auf die Situation einlassen können.

Das Wir-Gefühl entscheidet und sollte gestärkt werden

Das anstehende Weihnachtsfest unter Corona sieht Prof. Schilbach als eine große psychische Herausforderung an. Familien dürfen sich wahrscheinlich nur eingeschränkt sehen, Reisen nach Hause werden reduziert. „Das wird leider viele Menschen in Bedrängnis bringen“, meint Prof. Schilbach. Aber er möchte das Augenmerk auch auf Personen richten, die psychisch vorbelastet sind, und die deswegen noch schwerer unter der Krise zu leiden haben. „Diese Menschen sind auf Unterstützung angewiesen“, weiß er. Im Lockdown werde das fragile Fundament, auf dem sie stehen, noch poröser. „Eine Verschlechterung der Symptome kann eintreten, mitunter auch die Einweisung in die Klinik“, sagt er.

Leider sei eine Charaktereigenschaft, die Menschen inhärent ist, dass sie sich oft mit anderen vergleichen und wenn sie das Gefühl haben, ungerecht behandelt zu werden, Probleme entstehen – nach dem Motto: Wenn XY sich nicht an die Regeln hält, wieso soll ich mich dann einschränken? Aus diesem Grund appelliert Prof. Schilbach vehement dafür, das Wir-Gefühl zu stärken. „Dieses Wir-Gefühl wird gefestigt, wenn sich alle im Rahmen ihrer Möglichkeiten an die Regeln und Vorgaben der Politik halten und zum Erfolg der Bekämpfung des Virus beitragen“, erläutert der Chefarzt. „Der moralische Zeigefinger löst das Problem nicht.“

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