Eine Analyse

Warnungen vor Sturzfluten blieben ungehört

In Wuppertal stand die Hauptverkehrsachse B 7 unter Wasser. Foto: Anna Schwartz
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In Wuppertal stand die Hauptverkehrsachse B 7 unter Wasser.

Wuppertal. Chronologie der Ereignisse rund um das verheerende Hochwasser in Wuppertal.

Von Andreas Boller

Nach den Überflutungen vor eineinhalb Wochen ist klar: Wupperverband und Stadt Wuppertal müssen Konsequenzen aus Fehleinschätzungen ziehen – eine Analyse.

Freitag, 9. Juli: Sonnige Tage sind nicht in Sicht. Das Wasser in der fast voll gefüllten Wupper-Talsperre steigt.

Samstag, 10. Juli: Es gibt anhaltende Schauer, der Pegel steigt weiter. Das europäische Hochwasser-Warnsystem EFAS warnt vor einer extremen Wetterlage.

Sonntag, 11. Juli: Ab Sonntagmorgen verdichten sich Prognosen, dass dem Westen Deutschlands eine Unwetterlage mit Regenfällen von 100 bis 200 Litern pro Quadratmetern bevorsteht. Der Pegel der Wupper-Talsperre steigt weiter und nähert sich dem Vollstau.

Montag, 12. Juli: Der Wupperverband reagiert am Vormittag und lässt Wasser aus der Talsperre ab. Die Wupper verwandelt sich von einem ruhigen in einen schnell fließenden Fluss.

Dienstag, 13. Juli: Die Wupper-Talsperre wird weiter abgelassen, der Pegel liegt jetzt unter dem Stand vom 9. Juli. In der Nacht zum Mittwoch erlebt Hagen einen Starkregen, der große Schäden anrichtet.

Mittwoch, 14. Juli: Die Wuppertaler werden durch das Unwetter in Hagen an das Starkregenereignis 2018 in Elberfeld und Barmen erinnert. Doch diesmal scheint man knapp davongekommen zu sein. Es regnet wie aus Kübeln, und obwohl der Wupperverband weiter Wasser aus der Wupper-Talsperre ablässt, beginnt der Pegel am Vormittag wieder schneller zu steigen, als er in den vergangenen beiden Tagen gesenkt werden konnte. Die Kurve zeigt steil in Richtung Vollstau, aber das löst offenbar keine Alarmierungen aus, die Wirkung zeigen.

Selbst gegen 17 Uhr ist die Lage in Wuppertal relativ entspannt, obwohl die Wupper-Talsperre nun kurz vor dem Überlaufen steht und damit der Kontrollverlust über die Wassermassen droht. Schon gegen 12 Uhr warnten Wetterdienste wie zum Beispiel Kachelmannwetter vor einer Sturzflut im Bereich Wuppertal. Die Feuerwehr verzeichnet bis zum Abend keine nennenswerten Einsätze wegen Wasserschäden. Der Pegel Kluser Brücke zeigt einen Wert an, der automatisch eine erhöhte Warnstufe auslösen sollte. Der Pegel steigt in den kommenden Stunden noch viel stärker, aber die Anzeige fällt eine Zeit lang aus.

Die Wupper-Talsperre läuft weiter über. Die enormen Wassermassen aus dem Oberlauf der Wupper werden nicht mehr aufgehalten, weil es keinen Stauraum mehr gibt. In Unter-Beyenburg kommt die Flutwelle gegen 18 Uhr an. Bruder Dirk Wasserfuhr läutete die Totenglocke der Beyenburger Klosterkirche und alarmiert so die Mitbewohner. Der Hochwasser-Krisenstab tritt im Barmer Rathaus etwa zur gleichen Zeit zusammen, muss aber zur Feuerwache umziehen, weil Wasser in den Keller gelaufen und der Strom ausgefallen ist. In Wuppertal hat man Starkregen befürchtet, aber nicht geglaubt, dass die Wupper außer Kontrolle geraten könnte. Die Flutwelle erreicht gegen 19.30 Uhr die Kohlfurth, wo vergleichbare Schäden wie in Beyenburg entstehen. Außerdem trifft es das Depot der Museumsbahn und Industriebetriebe. Zwei Personen können sich erst in letzter Minute aus ihren Kellern retten. Eine Warnung habe es nicht gegeben, lautet der Vorwurf der Kohlfurther. In der Feuerwache geht gegen 21 Uhr ein Anruf des Wupperverbandes mit einer Risikoeinschätzung ein. Um 22 Uhr gibt die Stadt eine Meldung heraus, wonach der Pegel der Wupper die Rekordmarke von 3,77 Meter erreicht habe.

Donnerstag, 15. Juli: Es wird eine unruhige Nacht. Unzählige Keller sind vollgelaufen. Viele Häuser in Unter-Beyenburg und Kohlfurth sind nicht mehr bewohnbar. Die Stadt warnt mit Sirenen und Lautsprecherdurchsagen. Der Pegelstand der Wupper-Talsperre sinkt, weil es nicht mehr regnet und weiter Wasser abgelassen wird. Der hohe Stand der Wupper macht es an vielen Orten unmöglich, Keller leer zu pumpen, weil Wasser nachfließt. Noch am Morgen sprudelt das Wasser aus den Gullys im Bereich Hofaue, Wesendonkstraße oder Kipdorf. Die Wupper wird zum beliebten Fotomotiv. Während in großen Teilen der Stadt Normalität einkehrt, steht die Flut in Beyenburg und in der Kohlfurth noch in den Straßen.

Freitag, 16. Juli: Wer kommt für den Schaden auf, wer hilft bei der Beseitigung der Schäden mit? Auf die erste Frage gibt es so schnell keine Antwort. Die Stadt ist genauso wenig gegen Elementarschäden versichert wie viele der Flutopfer. Bei der Hilfe sieht es besser aus, denn die Betroffenen erhalten Unterstützung nicht nur durch Einsatzkräfte von Feuerwehr und THW, sondern es packen auch viele ehrenamtliche Helfer an. Der Wupperverband beschreibt das Hochwasser als Jahrtausend-Ereignis, das so nicht vorhersehbar gewesen sei.

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