Natur

Für den Wald: Jäger sollen Rehe schießen

Die Fichten, vor denen Forstamtsleiter Markus Wolff steht, sind dem Tod geweiht. Er will den Wald klimastabil umbauen, doch Rehe mögen die Spitzen der Setzlinge. Foto: Roland Keusch
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Die Fichten, vor denen Forstamtsleiter Markus Wolff steht, sind dem Tod geweiht. Er will den Wald klimastabil umbauen, doch Rehe mögen die Spitzen der Setzlinge.

Die Landesregierung will die Schonzeit für bestimmte Gebiete um einen Monat verkürzen. Remscheid soll dabei sein, fordert das Forstamt.

Von Axel Richter

Remscheid. Nach Trockenheit, Borkenkäfer und Sturm gibt es aus Sicht des Forstmannes endlich eine gute Nachricht für den Remscheider Wald: Rehe sollen bereits ab dem 1. April bejagt werden. So will es die NRW-Landesregierung und verkürzt die Schonzeit um einem Monat. Markus Wolff, Leiter des Remscheider Stadtforstamtes, hat das für sein Gebiet bereits bei der Unteren Jagdbehörde beantragt, denn: „Der Umbau zu klimastabilen Wäldern kann nur bei angepassten Schalenwildbeständen gelingen.“ Mit anderen Worten: Remscheids Jäger sollen mehr Rehe schießen.

Dass es vielen Bäumen gegenwärtig eher schlecht als recht ergeht, hat freilich andere Ursachen. So trocken und warm wie in den Jahren 2018 und 2019 war der Sommer seit dem Jahr 1900 nicht mehr. Die gestressten Fichten wurden deshalb zum leichten Fressen für die Borkenkäfer. Nach Berechnungen des Bundes Deutscher Forstleute überschwemmten danach 100 Millionen Kubikmeter Schadholz den Markt mit der Folge, dass der Waldbauer für den Kubikmeter Holz heute noch 35 Euro erwarten kann statt 80 bis 90 zwei Jahre zuvor.

Weil der Erlös die Kosten der Aufräumarbeiten nicht ansatzweise deckt, ließen viele Waldbauern die abgestorbenen Bäume kurzerhand stehen. „Das lässt sich aktuell an vielen Stellen beobachten“, sagt Markus Wolff und deutet auf graue Fichtenkronen.

Die Zahl der Bäume, die den Stürmen Sabine und Viktoria zum Opfer gefallen sind, ist im Vergleich zu den Dürreschäden gering. „Sabine“ knickte in Remscheid annähernd 300 Bäume. Doch das Schadholz dient dem Borkenkäfer als Brutmaterial und wird zu seiner weiteren Verbreitung beitragen. Und nicht nur das: Die trockenen Bäume erhöhen im Sommer auch die Feuergefahr.

„Wir wollen nicht schon ab dem 1. April Rehe schießen.“
Stephan Hertel, Kreisjägerschaft Remscheid

Noch ruhen die Käfer, doch im März, April werden sie wieder ausschwärmen. Die Förster hoffen auf Regen. „Nach aktuellen Berechnungen müsste es noch rund 20 Tage rund um die Uhr regnen, damit der Waldboden als Speicher wieder aufgefüllt ist“, erklärt Markus Wolff. Die Bäume brauchen das Wasser. Nur wenn sie genug aufnehmen, können sie Harz bilden, in dem die Käfer klebenbleiben, sobald sie die Rinde anbohren.

Gegen den Klimawandel mit Stürmen im Winter und heißen Sommern pflanzen die Forstarbeiter Traubeneichen, Edelkastanien, Douglasien –Baumarten, die den veränderten Wachstumsbedingungen besser trotzen als die Fichte oder auch die Buche. Doch Rehe schätzen vor allem die Spitzen der Setzlinge als Leckerbissen. Wird der Terminaltrieb abgebissen, verbuscht der Baum.

Mit seiner Forderung nach einer stärkeren Bejagung stößt Forstmann Markus Wolff jedoch auf Widerstand. „Wir haben für das Rehwild ausreichende Jagdzeiten in Remscheid“, sagt Stephan Hertel, Rechtsanwalt und Vorsitzender der Kreisjägerschaft Remscheid.

Zwar wollen der Landesjagdverband und der Waldbauernverband den „radikalen Förstern“ (O-Ton Hertel) entgegenkommen. Demnach könne eine Vorverlegung der Jagdzeit auf Anfang/Mitte April „sinnvoll sein“. Aus der Sicht des Waidmanns aber lehne er eine Verkürzung der Schonzeit ab, sagt Stephan Hertel: „Wir wollen nicht schon ab dem 1. April Rehe schießen.“ Viele Böcke trügen dann oft noch den Bast über dem neuen Gehörn, das sich gerade neu ausbildet. Förster Markus Wolff lässt das als Argument allerdings nicht gelten: „Das dürfte dem Rehbock im Zweifel ziemlich egal sein.“

SABINE UND VIKTORIA

STURMSCHADEN Die Böen von „Victoria“ haben am Sonntag in Remscheid keine weiteren Schäden hinterlassen. Die Feuerwehr musste nur einen abgebrochenen Ast entfernen. Vor einer Woche stickte der Sturm „Sabine“ in Remscheid etwa 300 Bäume und hinterließ bundesweit zwei Millionen Kubikmeter Schadholz. Zum Vergleich: Nach den trockenen Sommern 2018/2019 überschwemmten 100 Millionen Kubikmeter Schadholz den Markt.

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