Theater

„Vor Ostern wird bei uns nichts passieren“

René Heinersdorff leitet das Theater an der Kö in den Schadow-Arkaden. Foto: Theater an der Kö
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René Heinersdorff leitet das Theater an der Kö in den Schadow-Arkaden.

Der Düsseldorfer Schauspieler und Theatermacher René Heinersdorff über staatliche Hilfe, Theater nach dem Lockdown und nächste Pläne.

Von Stephan Eppinger

Düsseldorf. Der in Düsseldorf und Berlin lebende Schauspieler und Regisseur René Heinersdorff leitet das Theater an der Kö in Düsseldorf, das Theater am Dom in Köln und seit 2016 auch das Theater im Rathaus in Essen. Er schrieb 16 Theaterstücke, die bundesweit aufgeführt, zum Teil im Fernsehen gezeigt und in zahlreiche Sprachen übersetzt und auch im europäischen Ausland aufgeführt werden. Im Fernsehen wurde Heinersdorff durch die Serie „Die Camper“ als Schauspieler bekannt. Er ist der Bundesvorsitzende der Privattheatergruppe im deutschen Bühnenverein.

Wie erleben Sie die Situation jetzt im zweiten Lockdown?

René Heinersdorff: Das, was wir am Theater an der Kö erleben, gilt für den Großteil der Privattheater in Deutschland. Wirtschaftlich gesehen, stellt sich die Situation ziemlich skurril dar. Die Kosten im geschlossenen Zustand belaufen sich unter anderem durch Mieten auf etwa 20 000 bis 25 000 Euro. Wenn wir öffnen, werden es schnell 125 000 Euro – eine Summe, die in der aktuellen Situation nur schwer zu erwirtschaften ist. Daher ist es für Privattheater wirtschaftlich sinnvoller, geschlossen zu bleiben, wenn sie bis in den Herbst hinein überleben wollen. Wären sie geöffnet, wären sie nach zwei Monaten pleite. Jeder Theatermann will unbedingt spielen, aber wenn Verordnungen nur 50 oder 100 Zuschauer zulassen, ist das kaum möglich.

Gibt es noch andere Aspekte?

Heinersdorff: Ja, den psychologischen Aspekt. Das Vertrauen der Bevölkerung ist bei all der Ungewissheit in der Pandemie auf nahezu null gesunken. Die Politik hat es versäumt, den Menschen zu vermitteln, dass Kulturräume Orte sind, an denen man sich geschützt und kontrolliert treffen kann. Studien haben gezeigt, dass das Infektionsrisiko in Theatern oder Museen äußerst gering ist. Bei uns im Theater wird zum Beispiel die Raumluft alle 5,3 Minuten gegen Frischluft ausgetauscht. Bei reduziertem Publikum von 150 oder 180 Menschen, die Maske tragen, ist es unmöglich, sich zu infizieren. Und auch beim Hin- und beim Heimweg verteilen sich die knapp 200 Leute gut in den Bahnen. Trotzdem werden Theater geschlossen und den Menschen sagt man, dass sie zu Hause bleiben sollen.

Was sind die Folgen für die Theater?

Heinersdorff: Die Frage, die sich uns stellt: Was passiert nach dem Lockdown? Bleiben die Zuschauer zu Hause oder haben sie wieder Sehnsucht, Kultur live vor Ort zu erleben. Die Stunde der Wahrheit kommt für uns dann, wenn wir wieder aufmachen. Ich gehe aber trotzdem davon aus, dass die meisten Privattheater die Situation überstehen werden. Dabei helfen die staatlichen Fördermittel, private Reserven und die großartige Unterstützung unseres Publikums. Da gab es bei den Abonnements so gut wie keine Rückforderung der gezahlten Beträge. Und deshalb wollen wir auch für jede gekaufte Karte eine Leistung erbringen.

Sie haben sich schon früh entschieden, dass das Theater an der Kö bis Mitte April geschlossen bleibt.

Heinersdorff: Natürlich hat man den Wunsch, so schnell wie möglich wieder an den Start zu gehen. Und es gab vonseiten der Politik auch immer Hoffnung auf eine baldige Wiedereröffnung. Die Vorbereitung dazu hat uns pro Theater immer wieder etwa 10 000 Euro gekostet. Dreimal haben wir das so mitgemacht. Daher kam der Entschluss das Haus bis Mitte April zu schließen. Ich bin mir sicher, dass vor Ostern in unserem Bereich nichts passieren wird. Manche reden schon von Mitte Mai. Aber ich bin da optimistischer.

Wie wichtig war die Unterstützung von Stadt, Land und Bund?

Heinersdorff: Natürlich gibt es da immer wieder Ungerechtigkeiten und Verzögerungen. Aber wenn man ehrlich ist, muss man sich eingestehen, dass man in Deutschland durch den Staat als Theatermacher ziemlich weich fällt. In Ländern wie den USA ist das ganz anders, wie mir Freunde dort berichtet haben. Die Wirtschaftshilfen kamen schnell, die Kulturhilfen haben etwas länger gedauert und waren bei den Ländern auch sehr unterschiedlich hoch. Die Förderung durch den Bund halte ich für sehr klug. Da wird es Geld geben, nur für den künstlerische Personalkosten wie die Gagen von Schauspielern und Regisseuren. Das Geld landet beim Künstler, die Theater werden gezwungen, wieder zu spielen, die Produzenten müssen einen Eigenanteil erbringen und für den Steuerzahler ist das Verfahren transparent. Hier haben wir nur das Problem, dass der Lockdown immer noch andauert und keine Gagen bezahlt werden.

Wie fällt die Bilanz vom Sommer und Herbst 2020 aus?

Heinersdorff: Die Situation nach der Wiedereröffnung hat gezeigt, dass das Vertrauen bei unserem Publikum fehlt. Wir hatten mit „Extrawurst“ eine Superproduktion und trotzdem haben die Leute gezögert, ins Theater zu gehen. Das war schade, gerade weil wir gute Hygiene- und Lüftungskonzepte vorweisen.

„Wir hatten schon überlegt, ob wir Geimpfte als Puffer zwischen nicht Geimpfte setzen.“

René Heinersdorff

Wie sieht derzeit Ihr Berufsalltag aus?

Heinersdorff: Ich lebe nicht direkt von unseren Theatern, sondern verdiene mein Geld über meine Stücke, die wir über die Theater verkaufen. Insofern schreibe ich gerade viel und investiere reichlich Zeit in die Verbandsarbeit. Die Planungen gehen weiter. Wenn wir Mitte April öffnen können, kommt das Stück „Abschiedsdinner“ mit Martin Semmelrogge und Mariella Ahrens in der Regie von Jochen Busse im Theater an der Kö auf die Bühne.

Was halten Sie von Privilegien für Geimpfte zum Beispiel bei Theaterbesuchen?

Heinersdorff: Wir hatten schon überlegt, ob wir Geimpfte, wenn sie nicht mehr ansteckend sind, als Puffer zwischen nicht Geimpfte setzen können und so ein neues Schachbrettmuster im Publikum haben. Das Thema ist grundsätzlich schwierig. Natürlich haben Menschen, die geimpft sind, den Anspruch auf ihre Grundrechte. Aber, was ist, wenn sie weiter ansteckend sind? Dann müssen wir warten, bis alle durchgeimpft sind.

Promis

Bekannte Namen sollen auf der Bühne stehen, wenn das Theater an der Kö nach dem Lockdown wieder öffnen kann: Martin Semmelrogge und Mariella Ahrens spielen in „Abschiedsdinner“ unter Regie von Jochen Busse. So jedenfalls ist es geplant, wenn es im April weitergehen würde.

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