Zu Besuch an der Raststätte

Viele Fernfahrer kochen lieber selber

Auch für Fernfahrer gilt auf der Raststätte die Abstandsregel. Dieser Fahrer aus Litauen nutzt die Zeit für ein Sonnenbad. Foto: Roland Keusch
+
Auch für Fernfahrer gilt auf der Raststätte die Abstandsregel. Dieser Fahrer aus Litauen nutzt die Zeit für ein Sonnenbad.

Das geschlossene Raststätten-Restaurant an der A 1 in Remscheid lässt die Brummifahrer kalt – sie finden Alternativen.

Von Peter Klohs

Remscheid. Ein normaler Werktagnachmittag an der Autobahnraststätte Remscheid-West, an der A 1 in Richtung Köln. Ganz normal? In diesen Tagen ist wenig normal. Aber das Leben der Berufskraftfahrer, die täglich Hunderte Kilometer fahren, hat sich, so scheint es, wenig geändert. Ein Dutzend Lkw steht und wartet, gerade kommt einer aus Ungarn hinzu, sucht eine Lücke, findet keine und bleibt am Rand des Parkplatzes stehen.

Die Raststätte ist „bis auf Weiteres“ geschlossen, wie ein Schreiben an der Eingangstür verkündet und ein „Bleiben Sie gesund!“ anfügt. Stefan kommt aus Vác, 30 Kilometer nördlich von Budapest  und muss morgen früh in Stuttgart sein. Er spricht gut englisch und checkt kurz die geschlossene Raststätte. „All closed“, sagt er und fügt einen derben Fluch an, der mit F beginnt.

„Wenn die mich über die Grenze lassen.“ Fernfahrer Anatol legt auf seinem Weg nach Norditalien einen Stopp auf der Remscheider Raststätte ein

Er muss Pause machen, da seine Lenkzeit endet. Geld hat er dabei, Spesen. Er wird irgendwann in der Nacht ein Fastfood-Restaurant suchen. Aber jetzt: sorry. Und er zieht sich in seine Fahrerkabine zurück.

Die Nationalität der abgestellten Lkw teilt sich fast hälftig in Deutsche und Osteuropäische. Große Zugmaschinen mit gigantischen Auflegern, Vierzigtonner aus Polen, der Slowakei und der Ukraine. Einer hat das Kennzeichen BY. Woher er denn kommt, frage ich. „Minsk“, kommt es freundlich zurück. Das ist schon eine schöne Strecke von Weißrussland nach… Ich frage Anatol, wo sein Ziel ist. „Milano“, sagt er und lacht. „Wenn die mich über die Grenze lassen.“ Auch er spricht ein gutes Englisch.

Dass die Raststätte geschlossen ist, interessiert ihn nicht wirklich. „Wenn man mehrere Tage unterwegs ist, dann lohnt es sich, sein Essen selbst zu machen. Jeden Tag im Restaurant zu essen, ist für uns zu teuer.“ Er hat einen kleinen Kocher dabei, den er abends vor seinem Lkw aufbaut und sich mitgebrachtes Essen erwärmt. Meine fragenden Blicke deutet er richtig. „Kühlschrank“, sagt er.

Viele Fernfahrer müssen sparen

Auf der anderen Seite der Raststätte, die in Richtung Dortmund Remscheid-Ost heißt, stehen fast doppelt so viele Lkw. Einer aus Luxemburg, zwei aus Belgien, wieder viele aus Europas Osten, die nach Hause wollen. Deutsche Fahrer aus Sindelfingen, Bayreuth und Trier. Viele fahren nach Hamburg, einer nach Bremerhaven.

Einige Fahrer stehen in Gruppen zusammen. Frank kommt aus Lorch am Rhein und fährt eines der wenigen Fahrzeuge ohne Aufleger. Dafür hat er einen Anhänger angekoppelt, der genauso lang wie sein Lkw ist. Er bestätigt die Aussage seines weißrussischen Kollegen auf der anderen Seite der Raststätte. „Selber kochen ist billiger“, findet er. Und, fügt er an, wenn man seit zwanzig Jahren auf Deutschlands Autobahnen unterwegs ist, dann weiß man, wo man etwas zu Essen bekommt, „glaub’ mir“.

Die Kollegen tauschen sich aus. Die Mahlzeiten scheinen kein Problem zu sein. Gibt es andere Probleme? Hat sich ihr Job wegen Corona verändert? „Wenn man über Grenzen muss, kann es lange dauern“, sagt Jean aus Luxemburg, „ansonsten sind nicht so viele Kollegen wie sonst unterwegs. Das Fahren ist angenehm, weil die Autobahnen leerer sind.“

Halten sich alle an die Lenk- und Pausenzeiten? „Die seriösen Fahrer schon“, meint Jürgen, dessen Spedition am Bodensee ansässig ist und der zum Hamburger Hafen unterwegs ist, wofür er sechs Stunden Fahrzeit kalkuliert. „Wenn man keinen Zeitdruck hat, dann macht man gerne Pause. Man trifft auch immer wieder bekannte Kollegen, mit denen man dann reden kann. Wir stehen jetzt schon länger hier.“ Die geschlossene Raststätte hat er nur am Rande wahrgenommen. „Ich habe mein Essen dabei“, sagt er. In fünfzehn Minuten will er wieder los.

Ich werfe noch einen Blick auf die andere Seite der Raststätte. Anatol ist weitergefahren, Richtung Mailand. Wenn man ihn über die Grenze lässt.

HINTERGRUND

TRUCKER Die allermeisten der angesprochenen Trucker reden gerne über sich und ihre Arbeit, wollen aber ihre Namen nicht nennen. Viele der ausländischen Fahrer können sich auf Deutsch oder Englisch verständigen. Die geschlossenen Autobahnraststätten wegen der Corona-Krise sind für wenige ein Problem. Zwischen April und Oktober sitzen viele von ihnen viel lieber unter freiem Himmel als in einer Autobahnraststätte.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Das Bergische Land ist eine Hochburg der Clans
Das Bergische Land ist eine Hochburg der Clans
Das Bergische Land ist eine Hochburg der Clans
Parkschlösschen: Diskussionen um Sanierung
Parkschlösschen: Diskussionen um Sanierung
Parkschlösschen: Diskussionen um Sanierung
Düsseldorfs autofreies Ökodorf
Düsseldorfs autofreies Ökodorf
Düsseldorfs autofreies Ökodorf
Die Hochwasser-Soforthilfen kommen in Wuppertal an
Die Hochwasser-Soforthilfen kommen in Wuppertal an
Die Hochwasser-Soforthilfen kommen in Wuppertal an

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare