Pandemie

Trauer in Covid-19-Zeiten: „Man ist so machtlos“

Bernd Hirschberg und Gudrun Vollmer-Hirschberg hätten gern mehr für Klaus Hirschberg getan. Foto: Stefan Fries
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Bernd Hirschberg und Gudrun Vollmer-Hirschberg hätten gern mehr für Klaus Hirschberg getan.

Das Wuppertaler Ehepaar Vollmer-Hirschberg konnte den Vater und Schwiegervater nicht begleiten

Von Katharina Rüth

Wuppertal. Immer wieder verlieren Menschen Angehörige durch eine Covid-19-Infektion. Und oft können sie den Erkrankten kaum beistehen, wenn diese etwa im Krankenhaus liegen. Das ist schwer auszuhalten. Das Ehepaar Vollmer-Hirschberg erzählt davon.

Der Vater und Schwiegervater Klaus Hirschberg, 85 Jahre alt, war grundsätzlich noch fit, „er fuhr Auto“, berichtet sein Sohn. Doch um Weihnachten herum fühlte er sich schlecht: Herzprobleme. Am 28. Januar kam er für einen minimalinvasiven Eingriff am Herzen ins Krankenhaus. Er erkrankte noch an einer Lungenentzündung, war dann aber auf dem Weg der Besserung, als bei ihm Covid-19 diagnostiziert wurde.

Zwei Wochen später, am 4. März, war er tot, ohne dass sein Sohn oder seine Schwiegertochter noch mal direkten Kontakt mit ihm hatten.

„Das ist für uns schlimm“, sagt Gudrun Vollmer-Hirschberg. „Man weiß ja nicht, wie viel er noch mitbekommen hat“, sagt sie. Sie sorgt sich aber, dass Klaus Hirschberg dachte: „Ich sterbe und die lassen mich hier allein.“ Sie habe deshalb „unheimliche Schuldgefühle“. Ihr Mann sagt: „Mich macht das wütend. Die Leidtragenden der Pandemie sind die älteren Menschen.“

In den Krankenhäusern gilt ein Besuchsverbot. Mit Telefonaten und Handynachrichten haben die Hirschbergs versucht, Kontakt zu halten. Das funktionierte, solange der Vater noch gut zurecht war. Einmal war das Handy des Seniors gesperrt, weil er mehrfach die falsche Pin eingegeben hatte. Ein netter Pfleger brachte das Telefon zur Pforte, wo Bernd Hirschberg wartete. Ihm gelang es, das Handy zu entsperren, dann war wieder Kontakt möglich. Noch nach der Diagnose Covid-19 hätten sie am Telefon gescherzt, erzählt Bernd Hirschberg. „Du lässt ja nichts aus‘, habe ich zu ihm gesagt und er antwortete: ,Da hast du recht.“

Aber danach ging es mit dem alten Herrn bergab. Er bekam Fieber, war nicht mehr ansprechbar. Sohn und Schwiegertochter blieben hilflos. Riefen immer wieder auf der Station an, konnten den Patienten aber nicht sprechen. „Wir haben versucht, herauszubekommen, hinter welchem Fenster er liegt, dachten, wir könnten ihm vielleicht zuwinken.“ Aber die Information haben sie nicht bekommen.

Fotos finden sich unausgepackt in der Tasche

Sie haben Fotos von sich in groß ausgedruckt, diese mit frischer Kleidung ins Krankenhaus geschickt. „Damit er nicht denkt, dass wir ihn im Stich lassen“, erklärt Gudrun Vollmer-Hirschberg. „Als Zeichen, wir sind da.“ Die Fotos fand sie nachher unausgepackt in seiner Tasche.

Das Ehepaar kämpfte wie Angehörige von Krankenhauspatienten häufig darum, Informationen zu erhalten. Dass der Vater zweimal in ein anderes Krankenhaus verlegt wurde, machte es nicht einfacher. Es habe gedauert, bis sie jeweils per Telefon Ansprechpartner gefunden hatten. Mehrfach hörten sie von Ärzten, diese seien nur die Wochenendvertretung, sie könnten keine umfassende Auskunft geben. Dokumente hätten sie so gut wie keine gesehen.

Dass nach der zweimaligen Verlegung das Portemonnaie mit 250 Euro, die Hörgeräte und die untere Zahnprothese des alten Mannes verschwunden waren, ist dabei nur ein Nebenaspekt. „Mich ärgert, dass man wohl in Kauf genommen hat, dass er schlecht hört und schlecht isst“, sagt Gudrun Vollmer-Hirschberg. Insgesamt beklagt sie: „Man ist so machtlos. Man kann nicht vor Ort sein, man kann nicht über Behandlungsmöglichkeiten beraten, man kann nicht prüfen, ob er ordentlich versorgt ist.“ Ein alter Mensch schaffe es doch nicht, sich allein um alles zu kümmern. Sie hätte sich gewünscht, dass Besuche wie in Altenheimen mit Schnelltest möglich sind. Oder dass Videoanrufe möglich wären. Aber dafür brauche man wohl mehr Personal. „Verlierer sind wirklich die alten Leute.“

Am 2. März rief ein Arzt sie an. Wenn sie ihren Vater noch einmal sehen wollten, sollten sie kommen. Dann durften sie ins Krankenhaus – in voller Schutzkleidung mit Maske und Haarnetz. „Ich weiß nicht, ob er uns erkannt hat“, sagt Bernd Hirschberg traurig. „Er konnte nicht mehr reden.“ Am 3. März haben sie ihn noch einmal besucht, da war der Patient gar nicht mehr ansprechbar. Bei einem Anruf später am Abend erfuhr das Ehepaar, dass Klaus Hirschberg gestorben ist. Gudrun Vollmer-Hirschberg sagt: „Jeder muss sterben. Aber doch nicht so unwürdig.“

Einen letzten Dienst werden sie Vater und Schwiegervater erweisen: Weil er in jungen Jahren als Matrose auf Rheinschiffen gearbeitet und viel davon erzählt hat, bekommt er eine Flussbestattung.

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