Winzig

„Tiny House“: Wohnen auf 14 Quadratmetern

Christine Nordmann und Friedrich Figge auf dem Baugrund für das Tiny House. Foto: Anna Schwartz
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Christine Nordmann und Friedrich Figge auf dem Baugrund für das Tiny House. 

In Zeiten von Wohnungsknappheit sieht die Initiatorin das Projekt in Cronenberg als Teil des gemeinschaftlichen Wohnens.

Von Manuel Praest

Wuppertal. Das Fundament ist fertiggestellt. Und es zeigt, in welche Richtung es geht. Ziemlich klein wird es werden, gerade einmal 14 Quadratmeter. Also um nicht zu sagen „winzig“. Oder auf Englisch: ein „Tiny House“. Es wird das erste in Cronenberg sein, vermutlich auch in ganz Wuppertal. Und Christine Nordmann ist schon etwas aufgeregt vor ihrem Einzug. Im März soll es soweit sein. Klar, für ein Tiny House gelten dann auch andere Bauzeiten als für „normalgroße“ Häuser. Zumal, wie die 76-Jährige beim Ortstermin erzählt, ihr Schätzchen auch in großen vorgefertigten Bauteilen angeliefert wird, komplett aus Holz. „Aber es ist kein Fertighaus“, betont sie.

Per Kran werden die Teile dann auf die Bodenplatte gehoben, an deren Stelle sich vorher noch ein kleines Stück Wiese befand - umgeben von den denkmalgeschützten Häuschen im „Dorp“, dem historischen Kern Cronenbergs, fast in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kulturschmiede An der Hütte. Bei der ist Nordmann auch engagiert, ebenso wie die anderen Familien, die in den Fachwerkhäuschen drumherum wohnen. Fünf sind es insgesamt. In Nordmanns „altes“ stattliches Haus wird ihre Tochter mit Mann und den zwei Kindern ziehen. Oma lebt dann nebenan im Tiny House. „Und natürlich haben wir alle hier gefragt, ob wir hier so etwas bauen können“, sagt Nordmann. „Und alle haben zugestimmt.“

Es wäre auch eine Überraschung gewesen, wenn nicht. Schließlich ist es mehr als eine Nachbarschaft. Eher ein gemeinschaftliches Wohnen. Zäune gibt es etwa zwischen den Grundstücken schon längst nicht mehr, erzählt Friedrich Figge, wie Nordmann von Haus aus Architekt und einer der Nachbarn. Vor mehr als 30 Jahren zogen er und die anderen nach und nach an diesen schönen Flecken Cronenbergs. 18 Kinder habe man insgesamt zusammen großgezogen. Die sind mittlerweile erwachsen, zogen aus und weg - und kommen jetzt wieder. Wie bei Nordmann. Weshalb sie mit Figge und Thomas Schürmann die Idee mit dem Tiny House entwickelte.

„Ich habe keine Heizung. Mal ausprobieren“
Christine Nordmann

Duschbad, WC, Wohnküche, Schlafcouch, Sitzecke. „Es ist alles da“, zeigen Nordmann und Figge auf den Plänen. Natürlich sei es kleinteilig, sagt Figge. „Aber in der Kleinteiligkeit liegt eben auch eine Vielfalt.“ Da das Haus in der Spitze bis zu fünf Meter hoch ist, gibt es auch eine zweite „Etage“. Aber nicht zum Wohnen, wie Figge betont, sondern nur als Abstellfläche. Trotzdem: Der Platz ist selbst inklusive dieses Extras natürlich deutlich geringer als nebenan. Eine Umstellung, keine Frage. Und auch ein Experiment. „Ich habe keine Heizung. Mal ausprobieren“, sagt Nordmann und schmunzelt. Dass das aber wohl funktionieren wird, liege vor allem an den gut 30 Zentimeter dicken besonderen Holzwänden.

Aber 14 Quadratmeter? Reicht das? Nordmann muss sich einschränken. Schwer wird es ihr nicht fallen, betont sie. Ein paar ihrer Lieblingsbücher, Bilder, die sie früher selbst gemalt hat, und Fotos, „die sind mir wichtig“ - mehr brauche sie nicht, sagt die 76-Jährige und lacht, wohlwissend, dass andere Menschen, auch aus ihrem Freundeskreis, deutlich mehr Probleme hätten, sich von persönlichen Dingen zu trennen. „Für mich war jedes Stück, dass ich weggeben konnte und von dem ich wusste, es kommt in gute Hände, ein reines Vergnügen.“

Die Tiny-House-Bewegung gibt es schon länger. Und irgendwie passt es auch gut zu Nordmann. In Wuppertal ist sie bekannt als Gründerin und Vorsitzende des Vereins Neue Arbeit - Neue Kultur, der unter anderem den Wandelgarten an der Luisenstraße eröffnete und den Permakulturhof mitbetreibt. Nachhaltigkeit ist einer der Punkte, die sie antreiben.

Deshalb hebt sie auch die Vorteile hervor, die ihr Neubau bietet. Es werde beim Bau praktisch kein Müll anfallen, der Rohstoff Holz ist ein natürlich nachwachsender, es herrsche ein angenehmes Raumklima und es gebe medizinische Versuchsreihen, die zeigten, dass das Wohnen „in Holz“ gesundheitsfördernd sei. Und mit dem Tiny House will sie andere zum Nachmachen anregen. Deshalb wird sie nach ihrem Einzug auch Probewohnen anbieten und regelmäßig Termine für Besichtigungen. Bleibt der Preis. Der liegt für Nordmanns Version bei gut 90 000 Euro all inclusive. Das mag abschreckend wirken, räumen die Bald-Hausherrin und Figge ein. Es liege aber an dem in diesem Fall aufwendigeren Bauverfahren. „Es geht auch günstiger“, betonen die beiden.

Rundherum stehen die Denkmäler - und mittendrin bald das Tiny House. Für Figge kein Widerspruch. „Neues und Altes verträgt sich - wenn beides Qualität hat“, sagt der Architekt, der grundsätzlich auch die Denkmalbereichssatzung für den Cronenberger Ortskern begrüßen würde. „Das macht Sinn.“

Grünes Licht fürs Tiny House hat auch die Untere Denkmalbehörde gegeben. „Wir haben keine Bedenken“, sagt Markus Truskawa. Der Neubau passe sich der Umgebung an, beeinträchtige nicht die historische Bausubstanz in der Nachbarschaft. Es gehe aber bei jeder Genehmigung immer um den Einzelfall, der geprüft werden muss.

Tiny Houses

Die Tiny-House-Bewegung hat ihren Ursprung in den USA, schwappte dann auch nach Deutschland. Ein großer Teil dieser Bauten ist auch mobil. Kontakt Fragen zu dem Konzept beantwortet Christine Nordmann: info@arbeit-kultur-wtal.de

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