Katholiken im Erzbistum Köln

Tim Kurzbach: „So darf die Kirche nicht weiter existieren“

Tim Kurzbach ist seit 2014 Vorsitzender des Diözesanrates der Katholiken im Erzbistum Köln. Er übernahm damals die Nachfolge von Thomas Nickel aus Neuss.
+
Tim Kurzbach ist seit 2014 Vorsitzender des Diözesanrates der Katholiken im Erzbistum Köln. Er übernahm damals die Nachfolge von Thomas Nickel aus Neuss.

Tim Kurzbach, Vorsitzender des Kölner Diözesanrates und Oberbürgermeister von Solingen, über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, Aufarbeitung und Reformen.

Das Interview führte Lothar Leuschen

Herr Kurzbach, Sie sind als Vorsitzender des Diözesanrates im Erzbistum Köln nicht nur Vertreter von fast zwei Millionen Katholiken, sondern seit langer Zeit auch Streiter für Reformen in der katholischen Kirche. Aber der Widerstand aus Rom und von manchen Bischöfen ist anscheinend erbittert. Der Missbrauchsskandal liegt bleischwer auf den Seelen der Opfer und belastet die Kirchenmitglieder. Und es ist kein Licht am Ende des Tunnels in Sicht. Macht Sie das mürbe?

Tim Kurzbach: Das wäre doch ein echtes schwerwiegendes Armutszeugnis, wenn wenige Erzkonservative andere aus der Kirche vertreiben wollten, weil sie deren Argumenten nicht gewachsen sind. Hoffen wir es nicht, aber wenn es das Ziel wäre, diejenigen, die zu ihrer Kirche stehen, die sich kritisch engagieren, aus der Kirche zu drängen, damit nur ein heiliger Rest bleibt, kann ich nur sagen, mich und die vielen getauften und gefirmten Frauen und Männer, die schwer an einer Erneuerung arbeiten, kriegen sie aus der Kirche nicht raus.

„Es ist der Skandal schlechthin, dass sich für den Missbrauch noch niemand persönlich verantwortlich gezeigt hat.“

Tim Kurzbach, Vorsitzender des Kölner Diözesanrates

Warum tut sich die katholische Kirche so schwer, die Missbrauchsfälle glaubhaft aufzuarbeiten?

Kurzbach : Es ist der Skandal schlechthin, dass sich für den Missbrauch noch niemand persönlich verantwortlich gezeigt hat. Das tut den Opfern weh. Alle sind nie etwas gewesen. Neben der Tatsache, dass es sich bei der Entschädigung um viel zu kleine Summen handelt. Das Edelste, was die Kirche tun könnte, wäre, sich an dieser Stelle für die Opfer arm zu machen, weil sie Menschen als Kind so gebrochen hat, dass sie kein Bein mehr auf die Erde bekommen. Stattdessen ruiniert man die Opfer und absurderweise auch sich selbst, weil man versucht, Geld zu retten.

Wer muss Ihrer Meinung nach das Heft des Handelns in die Hand nehmen?

Kurzbach : Es ist falsch, einer Organisation, egal welcher, die Aufklärung selbst zu überlassen. Wir haben eine Staatsanwaltschaft, der fehlt aber die gesetzliche Grundlage für die strukturelle Aufarbeitung. Aber alle Parteien haben sich relativ vornehm zurückgehalten und auf Selbstverpflichtung der Kirchen gesetzt. Das halte ich für falsch. Bei all den kirchenrechtlichen Fragen dürfen wir die Opfer nie aus den Augen verlieren und der Staat darf seine Augen nicht zumachen. Wenn Sie, wie ich, Vater sind und lesen, was diesen Kindern angetan worden ist – das ist schwer auszuhalten. Ich bin deshalb nicht bereit, wegzuschauen.

Viele geben vor allem dem System innerhalb der katholischen Kirche die Schuld.

Kurzbach : Um das klar zu sagen: In jeder Organisation kann es zum Missbrauch kommen. Das ist leider so. Aber in der katholischen Kirche kommt ein System der Vertuschung dazu. Man wusste, wer die Täter sind und hat sie nicht der Justiz gemeldet. Man wusste, wer die Täter sind und hat sie nur versetzt, und sie konnten neuen Schaden anrichten. Das hatte System, weil man mehr Angst davor hatte, dass das Priesterbild einen Knacks bekommt, als dass man gewillt war, Opfer zu schützen.

Aber irgendwie scheint sich diese Erkenntnis in der katholischen Kirche nicht durchsetzen zu können.

Kurzbach : Im Erzbistum Köln herrscht über alle Strömungen, egal ob alt oder jung, eine große Einigkeit, dass dieses System enden muss. So darf die Kirche nicht weiter existieren. Aber dafür muss man jetzt Probleme lösen, und das wird erschwert durch Kardinal Woelki, der in eine Auszeit gegangen ist, ohne dass auch nur ein einziges Problem gelöst worden ist. Wenn Kardinal Woelki „einfach so“ wiederkommt und alle, die dieses kaputte Machtsystem stützen, bleiben, dann führt dies in eine Kernschmelze unseres Erzbistums.

Reformen scheinen Not zu tun. Es entsteht der Eindruck, dass immer mehr Menschen mit der katholischen Kirche die Geduld verlieren. Was können die Bischöfe in Deutschland ohne den Segen Roms tun?

Kurzbach : Möglich wären Reformen in der Verwaltungsgerichtsbarkeit. Kirchenleute sollten sich vor einem unabhängigen Gericht verantworten müssen. Änderungen wären auch im Arbeitsrecht möglich und nötig. Wenn Leute sich zu ihrer Liebe bekennen, verlieren sie in der katholischen Kirche ihren Job. Das versteht doch niemand. Wenn sich ein Religionslehrer trennt und neu heiratet, ist er seine Stelle los. Ist er homosexuell, ist er die Stelle sowieso los. Das können wir auch in Deutschland ändern. Übrigens: Wir sind ein freies Land. Hier kann niemand zu einer Arbeit gezwungen werden. Man muss seinen Rücktritt dem Papst nicht erst anbieten. Man kann auch einfach selbst zurücktreten.

In der Gesellschaft finden Sie dafür leicht eine breite Mehrheit. In den Strukturen der Kirche nicht.

Kurzbach : Wir haben nur eine Chance, wenn Christinnen und Christen ihren Glauben mit Überzeugung leben können. Ich könnte mein Amt als Oberbürgermeister einer Großstadt nicht ausüben, wenn ich nicht jeden Tag betete, wenn ich nicht meinen festen Glauben hätte. Je mehr wir verengen, indem wir zum Beispiel sagen, dass Gemeinde nur dort ist, wo auch ein Priester ist, desto schneller werden wir erleben, dass ganze Städte nur noch aus ein oder zwei Gemeinden bestehen. Dann verliert die Kirche vor Ort ihre Stärke als Heimat. Deshalb brauchen wir eine breitere Verteilung der Verantwortung auf viele Schultern.

Dabei sind Sie teilweise allerdings von Rom und vom Papst abhängig.

Kurzbach : Frauen-Ordinariat und Zölibat sind tatsächlich weltkirchliche Fragen. Diese Fragen werden aber auch von Synoden außerhalb Deutschlands schon gestellt. So anders sind wir in Deutschland in diesen Themen nicht.

Die Politik scheint sich zunehmend von der Kirche abzuwenden. Die Abschaffung des Paragraf 219a schleift im Zusammenhang mit Abtreibungsberatung eine Feste der katholischen Kirche. Der Staat will auch die Kirchensteuer nicht mehr eintreiben. Der Islam soll dem Christentum gleichgestellt sein.

Kurzbach : Ihre Wahrnehmung deckt sich mit dem Ergebnis einer Umfrage zum Vertrauen in Organisationen. Da stand die katholische Kirche zuletzt an drittletzter Stelle. Das ist dramatisch in einer Zeit, in der wir eine wertefundierte Organisation brauchten, die ihre Stimme für das Leben und für die Schwächeren erhebt. Wir spüren doch alle, wie das gesellschaftliche Leben immer rauer wird. Wie wichtig ist da eine Instanz, die mahnend die Stimme hebt. Aber die katholische Kirche schreddert sich in dieser Phase selbst. Je mehr wir uns mit einem Erzbischof Woelki auseinandersetzen müssen, je mehr wir mit Skandalen zu kämpfen haben und so lange niemand Verantwortung übernimmt, haben wir nicht die Kraft dafür.

Wie lange hält die katholische Kirche das noch durch?

Kurzbach : Finanziell sieht es so aus: Das Erzbistum Köln kann das als Milliarden-Unternehmen noch zehn Jahre durchhalten, aber auch da wird es knapp. Es gibt jedoch bereits Bistümer im Norden und Osten, die kaum Priesterkandidaten mehr finden, und auch schon wirtschaftlich in Bedrängnis geraten, da bricht das System auch schon zusammen. Emotional ist die katholische Kirche als Organisation jetzt schon fast am Ende ihrer Kraft.

Die Frage ist, ob das überhaupt noch genügend Leute interessiert.

Kurzbach : Da haben Sie recht. Im Bundestag sagen schon weniger als die Hälfte der Abgeordneten, dass sie überhaupt noch eine Beziehung zu einer christlichen Kirche haben. Das zeigt, welchen Stellenwert die Kirchen in der Politik noch haben.

Was wäre Ihrer Meinung nach, wenn es die Kirchenorganisationen nicht mehr gäbe?

Kurzbach : Das einfachste Beispiel ist doch, dass die Kirchen die Trauer von Menschen begleiten. Seelsorgerinnen und Seelsorger der Kirche beerdigen und begleiten in den schweren Stunden. Wäre die Kirche weg, wäre auch diese Hilfe weg. Es gibt keine staatliche Institution, die in solchem Umfang Trauerarbeit leisten kann, wie das heute die Kirchen tun. Ich kann nur davor warnen, den Staat als Ersatz zu sehen. Ich glaube, dass die Kirchen dem Staat auch viel Arbeit abnehmen. Ich möchte in einem Land leben, wo von Awo bis Caritas, von Diakonie bis DPWV auch viel Pluralität gegeben ist. Da sind viele großartige Menschen aktiv.

Vermutlich wird am Ende des Reformprozesses eine katholische Kirche stehen, die sich kaum noch von der evangelischen unterscheidet, oder?

Kurzbach : Andersherum wird eher ein Schuh draus. Wir müssen und sollten uns insoweit nicht unterscheiden, als wir an dieselbe Botschaft glauben, denselben Gott anbeten und denselben Sohn Gottes als Heiland verehren. Es ist nicht im Sinne Gottes, dass es eine Kirchentrennung gibt. Und nur noch, wenn die Kirchen zusammenhalten, haben sie überhaupt noch eine Chance, gesellschaftlich relevant zu sein, die christliche Botschaft zu platzieren.

Und was unterscheidet die christlichen Kirchen dann noch?

Kurzbach : Es gibt Unterschiede in den Traditionen. Die katholische Kirche hat ein anderes Sakramentsverständnis. Für uns ist eine heilige Messe mit einem bestimmten sakramentalen Verständnis verbunden und mehr als nur ein Symbol. Das ist uns wichtig und zu eigen. Aber je weniger von dem, was uns heilig ist, erlebbar wird, weil es etwa keine Gemeinden vor Ort mehr gibt, desto mehr geht uns Katholiken das Katholische verloren. Ich glaube nicht, dass alles gleich wäre, wir wären immer noch eine weltweite Kirche mit einem Papst in Rom. Aber dass die tragende Botschaft dieselbe ist, das dürfen wir ruhig öfter mal wieder betonen – ich glaube daran.

Zur Person

Vita. Tim Kurzbach (Jahrgang 1978, SPD) ist seit 2015 Oberbürgermeister in Solingen. Seit 2014 ist er Vorsitzender des Diözesanrates im Erzbistum Köln.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Sex-Videos: Strafe für 19-Jährigen
Sex-Videos: Strafe für 19-Jährigen
Neue Rampe für Radler und Fußgänger
Neue Rampe für Radler und Fußgänger
Neue Rampe für Radler und Fußgänger
Chempark: Uni zeigt Ausstellung zur Explosion
Chempark: Uni zeigt Ausstellung zur Explosion
Chempark: Uni zeigt Ausstellung zur Explosion
An der Bergischen Uni ist Platz für jedes Alter
An der Bergischen Uni ist Platz für jedes Alter
An der Bergischen Uni ist Platz für jedes Alter

Kommentare