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Syrische Familie sucht ein neues Heim

Amoun Al Jenki hat mit den vier Kleinkindern alle Hände voll zu tun, wenn der dreijährige Daniel (r.) von der Tagesmutter zurückkehrt. Foto: Anna Schwartz
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Amoun Al Jenki hat mit den vier Kleinkindern alle Hände voll zu tun, wenn der dreijährige Daniel (r.) von der Tagesmutter zurückkehrt.

Wuppertal. Sechs Kinder und alleinerziehend: Amoun Al Jenki ist vor dem Krieg geflohen. In Wuppertal fühlt sie sich sicher.

Von Miriam Karout

Als die Tür zu der Dreizimmerwohnung in Barmen aufgeht, krabbelt Anas zur Begrüßung in den Flur. Seine zwei Brüder Sam und Mourad machen gerade Mittagsschlaf, doch er ist hellwach und mit einem Holzspielzeug zu Gange. Es ist ruhig und Mutter Amoun Al Janki wirkt ausgeglichen. Doch Sorgen plagen sie: Die sechsfache, alleinerziehende Mutter ist auf der Suche nach einer größeren Wohnung – bislang ohne Erfolg.

Das Wohnzimmer ist groß und geräumig, doch wenn vier Kleinkinder auf dem Teppich spielen, wirkt es klein. Das Schlafzimmer erinnert mit seinen fünf Betten an ein Zimmer in einer Jugendherberge. „Hier schlafen wir alle“, sagt Amoun El Janki. Damit meint sie sich, die Drillinge und den dreijährigen Daniel. Der 21-jährige Ahmad, der gerade eine Ausbildung macht, hat ein eigenes winzig-kleines Zimmer. Die 19-jährige Rama ist in der Wohnungssuche nicht mit einbezogen. Sie ist schwanger und lebt mit ihrem Partner zusammen.

Amoun Al Janki ist alleinerziehend. Ihr Ex-Mann sei oft gewalttätig gewesen. Eigentlich hatte sie nach fünf Fehlgeburten aufgeben wollen, Kinder zu bekommen, doch er habe sie immer wieder dazu gedrängt. Vor drei Jahren kam dann der kleine Daniel auf die Welt, „ein Wunder von Gott erhört“, meint die Mutter. Als sie mit den Drillingen schwanger war, habe der Ex-Mann sie verlassen. Amoun Al Janki ließ sich scheiden und kümmert sich nun alleine um die Kinder.

Die Drillinge sind mittlerweile ein Jahr und drei Monate alt. Während dieser Zeit ist Amoun Al Janki kaum vor die Tür gekommen. Alleine mit drei Kindern ist es schwierig, den Bus zu nehmen. Die Verbindung zur Wohnung ist außerdem schlecht, die Supermärkte sind weit weg. Zwar wohne ihre Schwester in der Nähe, doch die habe auch viel zu tun mit ihren vier Kindern. Außerdem ist Amoun Al Janki sehbehindert, was den Alltag noch schwieriger gestaltet.

Familie flüchtete, während es Bomben hagelte

Deshalb gibt es für die Familie besondere Hilfe. Familienhebamme Jutta Reinicke-Brückelmann ist vom Jugendamt beauftragt und kennt die Familie am längsten, seit der Schwangerschaft der Mutter. „Wir haben schnell gemerkt, da ist mehr nötig“, sagt sie. Seit ungefähr vier Wochen unterstützt deshalb auch eine flexible Erziehungshilfe, die arabisch spricht. „Unser Wunsch ist, dass Frau Jenki mehr von dem System versteht, aber das konnten wir bislang gar nicht erklären“, so Reinicke-Brückelmann. Die Rahmenbedingungen als Alleinerziehende mit Drillingen erlauben die Finanzierung der Hilfen.

Daniel ist mittlerweile bei einer Tagesmutter – er wird morgens zu Hause abgeholt und kehrt erst am Nachmittag zurück. Doch dann sind immer noch drei quirlige Babys zu Hause, die die erschöpfte Mutter auf Trab halten. Jutta Reinicke-Brückelmann hofft, dass auch die Drillinge bald ein Betreuungsplatz bekommen.

Trotz allem wirkt Amoun Al Janki ausgeglichen. „Ich habe sie noch nie schlecht gelaunt gesehen, sie hat immer ein Lächeln auf den Lippen, ist immer ruhig“, hat Jutta Reinicke-Brückelmann beobachtet. „Weil ich mir keine Sorgen machen muss, weil es Sicherheit gibt“, erklärt Amoun Al Janki. „Ich bin körperlich zwar ausgelastet, aber mein Geist ist beruhigt.“ Sie fühle sich wohl und sicher in Deutschland.

Als Amoun Al Janki 2015 mit ihrem Ex-Mann von Syrien floh, hatte sie ihre zwei älteren Kinder Ahmad und Rama auf der Flucht dabei. Die 41-Jährige stammt ursprünglich aus dem nordwestlichen Bezirk Idlib. Zwischenzeitlich hatte die Familie aber acht Jahre im Norden Libanons gelebt. Dort arbeitete sie auf Rosenfeldern, die Kinder besuchten die Schule, es wurde Geld für die Rückkehr gespart.

Zurück in Syrien kauften sie Autos und ein Haus, dann brach der Krieg aus. Zwei Jahre noch lebten sie im Krieg, bevor sie den gefährlichen Weg auf sich nahmen und erneut in den Libanon flohen. „So oder so wären wir gestorben“, sagt die Mutter, die mit den zwei älteren Kindern alleine floh. Entweder vor Hunger oder durch Waffen.

Ihr Dorf sei direkt an der Frontlinie gewesen, wo die Nusra-Front auf die syrische Armee traf. „Wir sind in ein anderes Dorf geflüchtet. Haben uns bei Fremden, bei Nachbarn versteckt“, erinnert sie sich. Das Regime hat aber auch diese Gebiete angegriffen, weil die Rebellen sie nach und nach einnahmen. Immer wenn eine Rakete einschlug, habe die Tochter Rama sich die Ohren zu gehalten und nicht mehr bewegt. Zwölf Stunden seien sie unter Angriffen der Luftwaffe auf der Flucht in den Norden Libanons gewesen. Später teilte das Hilfswerk der Vereinten Nationen dort Al Janki mit, dass sie in Deutschland an den Augen operiert werden könne.

In Deutschland ist sie nun in der Nähe ihrer Verwandten. Die Kinder wachsen sicher auf. Rama und Ahmad sprechen deutsch und arabisch und helfen der Mutter, wo sie können. Jetzt fehlt nur noch eine passende Wohnung für die sechsköpfige Familie.

Familienhebammen

Familienhebammen sind besonders ausgebildete Hebammen. Sie haben eine Zusatzqualifikation, betreuen Familien in Krisen und schwierigen Situationen, erklärt Jutta Reinicke-Brückelmann. Sie leiste Sozialarbeit rund ums Kinderkriegen. Schwangere oder Eltern, die sich in der Schwangerschaft oder nach der Geburt unsicher, überfordert oder gestresst fühlen, erhalten bei Bedarf und auf Wunsch die Unterstützung durch eine Familienhebamme.

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