Postkarten-Projekt

Student sendet „Corona-Karten“

Robin Paeßens hat sein Postkarten-Projekt zu einem Buchprojekt weiterentwickelt. Foto: Andreas Bretz
+
Robin Paeßens hat sein Postkarten-Projekt zu einem Buchprojekt weiterentwickelt.

Robin Paeßens sammelt Eindrücke aus der Pandemie von fremden Adressaten.

Von Semiha Ünlü

Düsseldorf. Jeden Tag war Robin Paeßens gespannt, ob eine Postkarte in seinem Briefkasten liegen würde. Der 24-Jährige, der Kommunikationsdesign an der Hochschule Düsseldorf studiert, hatte zufällig übers Online-Telefonbuch ausgewählten Menschen im Land geschrieben. Er bat sie darum, ihm auf der beigefügten Postkarte ihre Gedanken und Gefühle über die Coronazeit aufzuschreiben und zurückzuschicken.

Seine Erwartungen waren gering. Doch viele haben ihm geantwortet. So schrieb eine 90-Jährige, dass sie sich große Sorgen mache: „Die grausamen Kriegsjahre, Flucht, Zwangsarbeit und Vertreibung haben mein Leben geprägt. Die Corona-Zeit bedroht meine schöne Alterszeit, die ich gern mit den Kindern und Enkeln verbringen möchte, aber viele Monate beherrscht die Angst diesen Wunsch.” Eine Künstlerin schrieb wiederum, dass es sogar eine für sie glückliche Zeit sei: „Ich bin Malerin und habe durch diese Ruhe und Stille wieder zu meiner Kunst zurückgefunden und neue Bilder gemalt.“ Es sei schön, ohne Druck zu sein und keine Termine zu haben.

„Jeder Bürger in Deutschland sollte die Möglichkeit erhalten, individuelle Erlebnisse aus dieser schweren Zeit zu teilen und an die Öffentlichkeit zu bringen“, so Paeßens. Jeder sei ein Zeuge „dieser ungewöhnlichen und zugleich neuartigen Zeit“ und erlebe diese emotional anders, mal weniger, mal mehr belastend. Auch den Studenten, der in Düsseldorf-Friedrichstadt in einer Wohngemeinschaft lebt, haben die Pandemie und Folgen getroffen. Wegen seines „Respekts und eigener Unruhe vor dem Virus“ hat er dann früh angefangen, Eindrücke von dieser Situation in Düsseldorf fotografisch festzuhalten.

Über viele Wochen nahm er seine kleine Fuji-Cam nahezu überallhin mit und dokumentierte ungewöhnliche Situationen wie gesperrte Spielplätze während des Lockdowns, leere Regale im Einzelhandel oder Monitore ohne eingetragene Flüge am Flughafen. Einige dieser Motive wählte er dann aus, entwickelte Ansichtskarten daraus und kaufte mehr als 40 Briefmarken. Für Karten entschied er sich auch deshalb, weil die historische Zeit durch den Poststempel bestätigt wurde.

Kleines historisches Buch spiegelt Einstellungen und Gedanken

Mit seinem Postkarten-Projekt will Paeßens auch nachdenkliche, kritische Töne anschlagen, zeigen, wie der Anfang einer Pandemie aus seiner Sicht nicht ablaufen sollte. Ein Land sollte darauf vorbereitet sein, welche Maßnahmen es in einer solchen Situation zur Gegenwehr ergreift: „Damit der Anfang der Corona-Zeit sich nicht wiederholt.“

Aus dem privaten Projekt ist inzwischen ein Studienprojekt an der Hochschule Düsseldorf geworden. Bei seiner Professorin Mareike Foecking hat er es weiterentwickelt, Interviews mit Menschen geführt, die in Berufsfeldern arbeiten, die die Corona-Krise besonders getroffen hat. Schließlich ist ein „kleines historisches Buch“ daraus entstanden, sagt Paeßens.

Immer wieder war es für den 24-jährigen Studenten überraschend, was auf den Postkarten stand, die in seinem Briefkasten in Friedrichstadt landeten. Ein Verfasser hatte seine Gedanken erst am Computer geschrieben, dann ausgedruckt und auf die Karte geklebt, um anscheinend möglichst viele davon unterzubringen – es waren vor allem kritische Töne zur Corona-Zeit. „Jedes Jahr sterben in Deutschland mehrere Tausend Menschen an Influenza, im Jahr 2017/18 waren es 21 500. Und wie haben der Staat und die Öffentlichkeit reagiert? Null!“, stand etwa darin.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Bergisches Paar verlor viel Geld an Betrüger
Bergisches Paar verlor viel Geld an Betrüger
Bergisches Paar verlor viel Geld an Betrüger
Polizei sucht Mann mit Schusswaffe
Polizei sucht Mann mit Schusswaffe
Polizei sucht Mann mit Schusswaffe
Der „Müngstener“ hat nachts Verspätung
Der „Müngstener“ hat nachts Verspätung
Der „Müngstener“ hat nachts Verspätung
Hoppeditz soll trotz Corona erwachen
Hoppeditz soll trotz Corona erwachen
Hoppeditz soll trotz Corona erwachen

Kommentare