Versorgungszentrum feiert ersten Geburtstag

Remscheid ist stolz auf Kinderarztpraxen

Fürs Geburtstagsfoto durften sogar mal kurz die Masken ab: Margarita Arnold (v. l.), Martin Schulte, Danijela Golub, Angela Fischer und Michelle Wiegand sind ein Teil des Teams in der Praxis Innenstadt.
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Fürs Geburtstagsfoto durften sogar mal kurz die Masken ab: Margarita Arnold (v. l.), Martin Schulte, Danijela Golub, Angela Fischer und Michelle Wiegand sind ein Teil des Teams in der Praxis Innenstadt.

Remscheid. Seit genau einem Jahr betreibt die Stadt zwei eigene Kinderarztpraxen.

Von Sven Schlickowey

„Martin Schulte Kinderarzt“ steht auf dem kleinen Namensschild - und nur der stilisierte Löwe vom Remscheider Stadtwappen daneben lässt erahnen, dass man sich in einer städtischen Einrichtung befindet. Schulte ist ärztlicher Leiter der beiden Kinderarztpraxen, die von der Stadt betrieben werden. Am heutigen Samstag seit genau einem Jahr.

Zum 1. Oktober 2021 hatte die Stadt die ehemalige Praxis Albrecht/Arnold in der Peterstraße und die letzte Kinderarztpraxis in Lüttringhausen übernommen und in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) zusammengefasst. Nicht ganz freiwillig, denn mit den eigentlich für Ende 2020 angekündigten Schließungen hätten rund 3000 Kinder und Jugendliche ohne Versorgung dagestanden. Nachfolger fanden sich keine. Also bastelte die Stadt, teils mit Hilfe des Sana-Klinikums, Übergangslösungen, und stieg später selbst ein.

„Ich bin sehr stolz, dass die Politik diesen Weg gegangen ist. Und sehr stolz, dass wir das geschafft haben“, sagt Thomas Neuhaus rückblickend. Der Betrieb von Arztpraxen gehöre eigentlich nicht zu den Aufgaben einer Stadt, betont der Sozialdezernent immer wieder gerne, man habe die Patienten aber nicht im Stich lassen wollen: „Das ist auch ein deutliches Signal für die Familien in der Stadt“, sagt Neuhaus. Ärztliche Versorgung sei schließlich ein Standortfaktor.

Und das lässt sich Remscheid auch etwas kosten: Rund 200 000 Euro seien im ersten Jahr in das MVZ geflossen, unter anderem für medizinische Geräte und eine neue Software, sagt der Dezernent. Ziel sei aber weiterhin, dass sich der Betrieb selbst trägt. Voraussetzung dafür sei ein guter Zuspruch durch Patienten. Und dass die Personalsituation stabil bleibt.

Mitarbeiter mit hohen Gehältern zu locken, sei kaum möglich, so Neuhaus: „Durch unser Tarifsystem sind wir da im Nachteil.“ Also müsse man mit guten Arbeitsbedingungen überzeugen. Bei Martin Schulte und seinen Kollegen, acht medizinische Fachangestellte und fünf Ärztinnen, hat das geklappt. Er selber habe diesen Schritt nicht bereut, sagt Schulte, der vorher als Oberarzt in einem Krankenhaus gearbeitet hat. Sein neuer Job sei „anders, aber auch schön und spannend“.

Ärzte erfahren guten Zuspruch

Der Betrieb in den beiden Praxen habe sich eingespielt, berichtet er. Die Praxis in der City sei gut besucht, in Lüttringhausen gebe es noch ein paar freie Kapazitäten: „Wir erfahren einen ganz guten Zuspruch.“ Verändert habe man im ersten Jahr zum Beispiel das Terminsystem – und damit die Wartezeiten deutlich verkürzt.

Und nicht nur Eltern melden sich bei Schulte, sondern auch viele Kontakte aus dem Studium: „Die sind total interessiert, wie das hier läuft“, berichtet er. Eine Praxis in Trägerschaft einer Kommune ist nach wie vor die Ausnahme. Könnte aber gerade für den ländlichen Raum zum Vorbild werden, vermuten Experten.

Auch Neuhaus berichtet davon, dass sich andere Kommunen im Rathaus danach erkundigt hätten. Er habe auch dem Städtetag angeboten, dass Remscheid als Transfermodell dienen könne: „Da sind wir gerne bereit, andere an unseren Erfahrungen teilhaben zu lassen.“  

Ausstattung

Dank der bisherigen Investitionen befinde sich die technische Ausstattung beider Praxen inzwischen auf einem hohen Niveau, sagt Thomas Neuhaus. Aktuell erwarte man die Lieferung von zwei neuen Ultraschallgeräten, berichtet Martin Schulte. Damit soll in der City ein älteres Gerät ersetzt werden, in Lüttringhausen können damit zukünftig Untersuchungen angeboten werden, die dort bisher nicht möglich waren.

Standpunkt von Sven Schlickowey: Doppelt benachteiligt

sven.schlickowey@rga.de

Von finanzieller Unterstützung bis zu Hospitationen in Praxen vor Ort: Die Kassenärztliche Vereinigung fährt einiges auf, um junge Mediziner davon zu überzeugen, sich in kleineren Städten mit eigenen Praxen niederzulassen. Doch 60-Stunden-Wochen gepaart mit unternehmerischem Risiko wirken halt nicht auf jeden attraktiv. Oder wie Volker Pispers mal sagte: „Landarzt ist eben nur im ZDF schön.“

Also müssen Alternativen her. So wie in Remscheid. Doch das Phänomen, dass sich keine Praxisnachfolger finden, wird auch und vor allem Kommunen treffen, die ohnehin wirtschaftlich nicht auf Rosen gebettet sind, so wie hier. Da die Übernahme aber mit Investitionen und wirtschaftlichen Risiken verbunden ist, braucht es dann Hilfe von Land und Bund, organisatorisch wie finanziell. Sonst sind die Gemeinden, die der Strukturwandel besonders hart trifft, wieder einmal mehr doppelt benachteiligt.

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