Betreuung

Sie brauchen viel persönliche Aufmerksamkeit

An den Kunststücken der Hühner des Kinderhauses hatten die jungen Besucher viel Spaß. Um die Kinder zu schützen, sind auf diesem Bild ihre Gesichter unkenntlich gemacht. Mit im Bild (v.l.): Steffen Jacobs, Noureddine Aziz, Kerstin Spitzl und Leonie Wierzba.
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An den Kunststücken der Hühner des Kinderhauses hatten die jungen Besucher viel Spaß. Um die Kinder zu schützen, sind auf diesem Bild ihre Gesichter unkenntlich gemacht. Mit im Bild (v.l.): Steffen Jacobs, Noureddine Aziz, Kerstin Spitzl und Leonie Wierzba.

Kinderhaus Luise Winnacker hat ein Projekt für ukrainische Waisenkinder gestartet.

Von Katharina Rüth

Wuppertal. Collie Nikkyu wird sofort begeistert gestreichelt, als Kerstin Spitzl vom Kinderhaus Luise Winnacker die kleine Gruppe in Empfang nimmt. Und dann geht es drunter und drüber, bis alle sieben Kinder in der Küche des Kinderhauses in Sonnborn die Jacken aus- und die Hausschuhe anhaben. Hier können die Fünf- bis Siebenjährigen spielen und toben, zudem erleben sie ganz viel Aufmerksamkeit von drei Studierenden, die sich um sie kümmern. Und obwohl sie noch keine gemeinsame Sprache haben, klappt die Verständigung immer besser.

„Spiel, Sport und Sprache“ heißt das Angebot, dass das Kinderhaus den Kindern aus der Ukraine macht. Auf diese Weise können sie die beengten Räume ihrer Unterkunft verlassen, bekommen Kontakt zu ihrer deutschen Umwelt, und lernen erste deutsche Worte.
Betreut werden sie nach dem Konzept des Kinderhauses von Studierenden – angehenden Lehrkräften oder Sozialarbeitern, die auf diese Weise Erfahrungen im Umgang mit herausfordernden Kinder sammeln. Normalerweise besuchen vor allem Kinder von Förderschulen und aus schwierigen Verhältnissen das Kinderhaus.

Die Gruppe ukrainischer Waisenkinder und ihre Betreuungskräfte haben im Frühjahr in Wuppertal Unterschlupf gefunden, rund 70 Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis 18 Jahren. Noch gehen nicht alle zur Schule. Das Kinderhaus will deshalb zumindest einigen von ihnen Anregungen bieten und durch den Kontakt erste Sprachkenntnisse vermitteln. Was die Kinderhaus-Mitarbeiter festgestellt haben: „Die Kinder haben ein großes Bedürfnis nach Bezugspersonen.“

Verständigung erfolgt mit Händen, Füßen und dem Handy

Außerdem können sie ihnen ein Umfeld bieten, das eher einer Familie ähnelt als das in der großen Gruppe: Beim gemeinsamen Essen am gedeckten Tisch ist Zeit dafür, auf einzelne einzugehen, auch mal den richtigen Umgang mit Besteck zu üben. Noch besteht ein großer Teil der Kommunikation aus Zeigen und Üben. „Käse“ weiß einer der Siebenjährigen schon. Und das Rote auf dem Teller nennt er „Paprika“, aber einer der Studenten verbessert ihn: „Das sind Tomaten.“

Einfache Worte wie „spielen“ und „essen“ verstehen die Kinder schon, viel wird mit Gestik gearbeitet. Ein bisschen Ukrainisch fällt auch für die deutschen Betreuer ab: „Njet!“ (Nein) brauchen sie auch ab und zu, um die Kinder zu bremsen.

Ich merke, wie privilegiert ich aufgewachsen bin.

Leonie Wierzba (25), angehende Sonderpädagogin

„Wir arbeiten auch viel mit dem Google-Übersetzer“, berichtet Leonie Wierzba (25), angehende Sonderpädagogin. Sie tippe etwas auf Deutsch ins Handy, die App übersetze es ins Ukrainische und spreche es für die Kinder hörbar aus. So habe sie den Kindern sogar schon Märchen vorgelesen. „Sie saßen ganz ruhig und waren unfassbar fasziniert davon“, erzählt die Studentin.

An vielen Stellen merken die Studierenden, dass die Kinder es bisher nicht leicht hatten. Sie kommen ihnen nicht gut ernährt vor, auch der Gesundheitszustand sei nicht bei allen optimal, unter anderem gibt es starke Kariesschäden und schwarze Zähne. Die Studierenden hoffen, dass sich ein Zahnarzt findet, der die Kinder behandelt.

Für den Nachmittag ist ein Spaziergang im Wald geplant, sie wollen Kastanien sammeln, daraus Männchen basteln. „Das soll die Feinmotorik schulen“, erklärt Leonie Wierzba. Vor dem Spaziergang nutzen die Kinder die Möglichkeiten des Kinderhauses, wie den Toberaum oder den großen Garten am Waldrand. Dort sind die freilaufenden Hühner das Highlight. Besonders spaßig ist es, als Koch Noureddine Aziz die Tiere mit einem Stück Käse dazu animiert, in die Höhe zu springen.

Aziz ist für die Kinder nicht nur Koch, sondern auch Bezugsperson. Als sich eins der Mädchen vor Collie Nikkyu erschreckt, flüchtet sie sich zu dem Mann, der sie tröstend in den Arm nimmt. Meistens aber ist der Hund bei allen beliebt.

Die Situation der Kinder hat die Studierenden nachdenklich gemacht. „Mir ist klar geworden, dass vieles nicht selbstverständlich ist und wie privilegiert ich aufgewachsen bin.“, sagt etwa Leonie Wierzba. Der wöchentliche Nachmittag bedeute schon eine Förderung für die Kinder, auf diese Weise bekämen sie viel mehr persönliche Aufmerksamkeit.

Nico Benedik (22), angehender Lehrer für Sport und Deutsch, Steffen Jacobs (22), Student der Sozialarbeit, und Leonie Wierzba tauschen sich über ihre Erfahrungen viel untereinander aus. Auch mit der Kinderhaus-Leiterin und ehemaligen Lehrerin Lieselotte Winnacker-Spitzl. Ihre Tipps gäben ihnen Sicherheit und Motivation. Kerstin Spitzl ist sich sicher, dass die Studierenden wichtiges Handwerkszeug erlernen und an der Herausforderung wachsen.

Kinderhaus

Lehrerin Lieselotte Winnacker-Spitzl hat das Kinderhaus 1995 gegründet und nach ihrer Mutter benannt. Träger ist der Verein „Unternehmen Zündfunke – Kinderhaus Luise Winnacker e.V.“ Das Projekt wurde mehrfach ausgezeichnet. Mehr Informationen und Angaben zu Spendenmöglichkeiten gibt es auf kinderhaus-luise-winnacker.de

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