Pandemie

Dr. Christoph Florange: „Sich impfen zu lassen, ist Bürgerpflicht“

Dr. Christoph Florange ist Chefarzt der Klinik Wersbach. Für ihn bleibt Impfen das Gebot der Stunde. Foto: Klinik Wersbach
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Dr. Christoph Florange ist Chefarzt der Klinik Wersbach. Für ihn bleibt Impfen das Gebot der Stunde.

Dr. Christoph Florange, Chefarzt der Klinik Wersbach, über Impfbereitschaft und Impf-Drive-In in Gut Landscheid.

Von Nadja Lehmann

Burscheid. Für Dr. Christoph Florange zählt jeder und jede Einzelne. „Jeder, der geboostert wird, ist aufgrund der Pandemie-Lage als Erfolg zu betrachten“, sagt der Geschäftsführer, Direktor und Chefarzt der Klinik Wersbach. „Jeder Geimpfte trägt dazu bei, dass wir das Virus in den Griff kriegen.“ Denn wenn alle geimpft wären und das so rasch wie möglich, so macht es der Mediziner deutlich, dann hätte das Virus keine Chance: „Dann hätte es keine Zeit, Varianten zu entwickeln. Und man könnte sich nicht anstecken.“

Gerade eben erst haben Klinik Wersbach und Gut Landscheid versucht, ihren Teil beizutragen, indem sie am Gut Landscheid ein Drive-In-Impfzentrum eingerichtet haben. Knapp 150 Menschen seien gekommen, berichtet Florange. Er hätte sich mehr gewünscht. Zumal diejenigen kamen, die im Impfmarathon bereits mitziehen: „Es waren fast alles Boosterimpfungen. Es gab keine Erstimpfungen und nur einige wenige Zweitimpfungen.“

„Ich halte die mRNA-Impfstoffe für nobelpreiswürdig.“

Dr. Christoph Florange

Florange hat sie alle schon gehört, die Begründungen, warum sich jemand nicht impfen lassen will. Ängste und Sorgen nimmt er durchaus ernst. „Aber es gibt ja diejenigen, die glauben, ihnen wird mit der Impfung eine Überwachungssoftware eingepflanzt“, sagt er. „Es gibt diejenigen, die ideologischen Überzeugungen anhängen und die durch logische Beweisführung und durch Aufklärung überhaupt nicht mehr erreichbar sind. Sie halten unkorrigierbar an ihren Überzeugungen fest.“

Viele warten auch noch auf den Impfstoff herkömmlicher Bauart, den Totimpfstoff. „Novavax kommt ja vielleicht schon im Januar auf den Markt“, sagt Florange. Der US-Hersteller hatte die europäische Zulassung im November beantragt; es wäre der fünfte zugelassene Impfstoff in der Europäischen Union.

Im Gegensatz zum Novavax-Vakzin sind die Produkte von Biontech/Pfizer und Moderna mRNA-Impfstoffe. „Ich halte sie schlichtweg für genial und nobelpreiswürdig“, sagt Florange. Und zeigt sich eher skeptisch, ob sich bisherige Impfverweigerer denn dann tatsächlich mit Novavax impfen lassen. „Dann gibt es da irgendein Protein, das nicht passt . . .“ Dabei ginge es jetzt gerade um diese Minderheit, die derzeit das Geschehen dominiert. „Ein Viertel ist nicht geimpft. Und das reicht aus, um das Virus nicht in den Griff zu kriegen“, sagt Florange. Denn dieses reproduziert sich unentwegt, verändert sich: „Es hat die Zeit dazu“, sagt der Mediziner. Und die stärkste Variante setzt sich durch, die aggressivste und ansteckendste: wie aktuell Omikron. „Wenn wir alle Menschen auf einmal impfen könnten, könnte sich das Virus nicht mehr verändern“, sagt Florange. Der Bann wäre gebrochen.

Stattdessen aber würden Impfgegner quasi frohlocken: Darüber, dass sich ja nach wie vor auch Geimpfte anstecken. „Bei der Alpha-Variante waren 95 Prozent vor der Krankheit geschützt. Fünf von 100 wurden trotzdem krank, waren aber vor einem schweren Verlauf geschützt“, erinnert Florange an die Anfänge. Das habe sich inzwischen durch zu geringe Herdenimmunität und Variantenreichtum des Virus geändert: „Die Rate der vor der Krankheit Geschützen sinkt auf 80 Prozent. Und das Virus mutiert weiter.“

Florange weiß, wie es auf den Intensivstationen des Landes aussieht. Weiß, wie ausgebrannt Ärzteschaft und Pflegepersonal sind. „Jeden Tag Menschen sterben zu sehen, geht an niemandem spurlos vorbei. Und das Gefühl, dass die eigene Arbeit vergeblich ist, Erfolgserlebnisse ausbleiben, führt zu chronischem Stress und zum Burnout.“ Nicht wenige hätten sich beruflich umorientiert.

„Wenn zum gleichen Zeitpunkt sehr viele Menschen schwer krank werden, führt das zu einer Überlastung der Versorgungssysteme. Und es ist nicht damit getan, mehr Intensivbetten aufzustellen, wenn das Personal dazu fehlt.“ Die Personalknappheit wiederum sei keineswegs neu, sondern schon vor der Pandemie Fakt gewesen.

Er sieht Impfen als Akt der Solidarität

Deutschland tue sich schwer mit einer denkbaren Impfpflicht, hat Florange, der als Kind deutscher Eltern in Belgien aufgewachsen ist, beobachtet. Er habe sich manchmal noch diesen Blick von außen auf Deutschland bewahrt, gibt er zu: „Die anderen Länder gucken staunend auf Deutschland. Sie nehmen Impfstoff und -pflicht ganz anders an.“

In Belgien sei in seiner Kindheit jedes Kind ganz selbstverständlich durchgeimpft worden: „In Deutschland war das lange Zeit noch sehr viel freier. Vielleicht hängt es mit der Geschichte zusammen, in der zwischen 1933 und 1945 in Versuchen medizinisch Schreckliches geschah.“ Für Florange ist es auch eine mögliche Erklärung für die mangelnde Impfbereitschaft in Deutschlands Osten: „Die Menschen dort haben einmal eine Diktatur erlebt. Die wollen sich nichts vorschreiben lassen.“

Für ihn selbst bleibt das Impfen jedoch das Gebot der Stunde. „Wenn ich meine Mitbürger vor Erkrankung schützen kann, ist es meine Bürgerpflicht“, sagt er ganz deutlich. Könne man Tod und Erkrankung durch einen relativ einfachen Vorgang abwenden, sei das einfach ein Akt der Solidarität.

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