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Ein schöner Tag im Wuppertaler Skulpturenpark

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Hingucker im Skulpturenpark Waldfrieden sind die Skulpturen „Points of View“ (2007) und die gelbe „Declination“ (2004) von Tony Cragg. Natur und Kunst werden zur Einheit. 

WUPPERTAL Mit der Stiftung in Wuppertal bietet der Bildhauer Tony Cragg ein einmaliges Kunstprojekt. Es steht allen Menschen offen.

Von Helga Meister

Waldfrieden steht für ein großes, mäzenatisches Kunst-Projekt im Bergischen Land. Es bietet auf 14 Hektar zugleich eine Geschichte der Botanik, der ehemaligen Industrie-Kultur und der Musik. 2005 errichteten Tony und Tatjana Cragg eine Stiftung und übertrugen 20 Skulpturen.

Inzwischen dürfen 42 Werke von Cragg und seinen Kollegen bewundert werden. Sogar eine „Sitzende“ von Henry Moore gibt es als Dauerleihgabe der Stadt Wuppertal, die das Werk gut aufgehoben weiß. Das Ziel der Stiftung ist es, die Menschen mit dreidimensionaler Kunst in Kontakt zu bringen.

In Serpentinen geht es aufwärts zu den Skulpturen

Beliebt sind Open-Air-Konzerte.

Tony Cragg nennt es so: „Ich möchte zeigen, warum Bildhauerei wichtig ist, warum dies eine spezielle Gattung von Gegenständen ist.“ Aber der Skulpturenpark ist mehr als das, er ist ein Gesamtkunstwerk. Ein Ort, wo alle Gattungen, also Kunst, Architektur, Natur und Musik, zusammenfinden. Auf der großen Wiese vor der Villa laden Open-Air-Konzerte zu experimenteller Musik.

Beginnen wir mit der Natur. Im Frühjahr 2007 begann die Umgestaltung des verwilderten Altbestands an Bäumen. Bei den Neupflanzungen spielten Laubfärbung und Früchtefolge neben dem ökologischen Nutzen eine Rolle. Zu den Schmuckstücken für Naturfreunde gehören ein japanischer Fächerahorn, der Lieblingsbaum von Tony Cragg, aber auch Obstbäume wie Wildäpfel und Quitten, Esskastanien und Kirschen. Damit der Wald nicht kahl aussieht, wurden Taxus und Hainbuchen ins Unterholz gesetzt.

Im Tal, außerhalb des Parks, ließ der Künstler drei Ulmen an der Buschstraße setzen, denn dort liegt die geografische Mitte von Wuppertal. Nun ist dieser Park keineswegs aus einer Laune heraus entstanden, sondern er hat System. Er entwickelte sich zu einem Arboretum, also einer Sammlung verschiedenartiger, auch exotischer Gehölze. Die Besucher merken dies an den Schildern im Boden. So können sie sich botanisch bilden.

Tony Cragg mit einer Holzfigur von Luise Kimme. 

Und immer montags, wenn der Park geschlossen ist, wird er vom Baumfachmann Markus Cox und seinen Helfern kontrolliert, denn als öffentliche Fläche muss er verkehrssicher sein. Hierzu meint Markus Cox: „Den Skulpturenpark kann man mit dem Kölner Dom vergleichen. In beiden Fällen ist man nie fertig.“ Die jüngsten Stürme seien eine klimatische und botanische Herausforderung gewesen, aber auch im Alltag müssen fallende Äste untersucht werden.

Langsam führt Tony Cragg die Besucher in die Kunst ein. Hier zeigt er sich als perfekter Pädagoge. Niemand soll vor den Kopf gestoßen werden. Der Skulpturenpark ist nicht nur für Kunstfans da, sondern auch für solche, die es werden wollen. Über Serpentinen geht es aufwärts. In der Einfahrt wachsen Ahorn und Linden, Amber und Vogeldorn. Im Mai duften rosaweiße Blüten, und ab August gibt es große, rote Beeren. Da steht in der ersten Kurve „Bulb“. Man meint, diese grünliche „Birne“ am abfallenden Wegesrand werde gleich über ihre eigene, bauchige Größe kippen und abrollen. Durch die Schrägstellung gerät die symmetrische Form aus dem Lot, der grünliche Stein gewinnt an Spannung. Edelstahlstifte müssen ihn halten.

Beim Aufstieg meint man, Tony Cragg wolle mit den Be- suchern sprechen. Am Ende des Fußwegs grüßt er mit „To the Knee“ („Auf die Knie“). Der Titel suggeriert das Kniegelenk zwischen Ober- und Unterschenkel, aber auch die amerikanische Ragtime-Musik. Sein Kunstwerk wirbelt tänzerisch um die eigene Achse und scheint sich nach oben zu schrauben. Es ist, als mache die Skulptur dem Städter Mut, die Höhe nun zügig zu nehmen. In der letzten Kurve winkt „Ferryman“ („Fährmann“), dieses lustige, aber doppeldeutige Fantasiewesen mit den vielen Löchern, so dass die Sonnenstrahlen bis ins Innere der Figur dringen.

Café Podest lädt zu einer kleinen Verschnaufpause ein

Nun endlich ist der Besucher angekommen. Das Café Podest lädt bei Kaffee und Kuchen zur Verschnaufpause ein. Die Stiftung betreibt das Restaurant neuerdings selbst. Verantwortlich ist Mira Fiedler, die Kuchen, Antipasti und Früh- stück im Angebot hat. Sie öffnet wochentags außer montags um 11, an Wochenenden schon um 10 Uhr. Die Küche ist ab 12 Uhr geöffnet. Für Süßschnäbel gibt es Eis. Und im Anbau lassen sich Kindergeburtstage feiern.

Frisch gestärkt geht es nun zur Villa Waldfrieden, dem einstigen Privatgrundstück des Lackfabrikanten Dr. Kurt Herberts. Herberts war mutig, denn er beschäftigte in der Hit- ler-Zeit Künstler wie Willi Bau- meister und Oskar Schlemmer, die bei den Nazis Mal- und Aus- stellungsverbot hatten. 1947 ließ er sich „Haus Waldfrieden“ wie einen Organismus mit geschwungener Silhouette errichten. Bauleiter war Franz Krause von der berühmten Weißenhofsiedlung. 1989 starb Herberts, die Lackfabrik ging 1999 in amerikanische Hände. Die Villa stand leer, bis Tony Cragg sie entdeckte.

Sie wirkt wie Anti-Bauhaus, lässt sich eher dem Jugendstil als der Moderne zuordnen. Tony Cragg und seine Architekten scheuten keine Mühe und kein Geld, um sie nach al- len Regeln des Denkmalschutzes zu retten. Heute ist sie der Sitz der Stiftung. Zugleich wird sie für Firmenfeste und Hoch- zeiten vermietet. Kaum war die Villa mit neuem Leben erfüllt, kam die erste Kunst- und Konzerthalle hinzu. Sie ersetzt ein altes, abgerissenes Schwimmbad, hat Lagerräume im Untergeschoss und steht auf stählernen Kreuzstützen, die im Boden eingebunden und mit Beton ausgegossen sind.

Otto Bolls energiegeladener Raum auf der Anhöhe

In dieser puristischen Halle aus Glas präsentieren sich die Exponate in stetem Sichtkontakt zur Natur und deren Farb- und Lichtstimmungen. Das Ausstellungsprogramm ist triumphal, ein Rendezvous bedeutender Bildhauer wie John Chamberlain oder ab 24. August Joan Miró. Die Skulpturen dieses Klassikers kommen aus dem Yorkshire Sculpture Park und der Miro-Stiftung. Mirós Enkel Joan Punyet Miró wird zur Vernissage am 23. August erwartet.

In der oberen Halle löst derzeit Otto Boll mit seinen Skulpturen aus Aluminium und Stahl Begeisterung aus. Der 67-Jährige musste lange warten, bis ihm der Skulpturenpark zur ersten Museumsausstellung verhalf. Denn Tony Cragg spürt immer wieder Talente auf, die von den Museen übergangen werden. Der zurückhaltende Künstler revanchiert sich für die Einladung, indem er den lichten, hellen Raum in ein Energiezentrum verwandelt.

SKULPTURENPARK

ANSCHRIFT Hirschstraße 12, 42285 Wuppertal.

ANREISE Anfahrt über A 46, am Sonnborner Kreuz auf die L 418 Richtung Wuppertal-Cronenberg, dann rechts Richtung Wuppertal-Barmen und den braunen Schildern folgen. Oder vom Hauptbahnhof Wuppertal-Elberfeld mit dem Bus 628, Haltestelle Bendahler Straße, Gemsenweg zur Hirschstraße.

skulpturenpark-waldfrieden. de

Die untere Halle bietet gleichfalls Überraschungen. Hier gastierten Imi Knoebel, Klaus Rinke und Luise Kimme. Derzeit sind Arbeiten aus Craggs Privatsammlung zu sehen, darunter eine kolossale Holzskulptur von Stephan Balkenhol.

Dieser Park bringt nicht nur Kunst und Natur zur Anschauung, sondern auch experimentelle Musik, Klassik und Jazz. In der Serie „Klangart“ gibt es Open-Air-Konzerte auf der Wiese oder im Pavillon. Sie sind beliebt, denn es wird Einmaliges geboten. So gastierte Markus Stockhausen, Sohn des Musikpioniers Karlheinz Stockhausen, mit seiner Lebenspartnerin Tara Bouman. Die nächste Überraschung kommt am 6. Oktober mit dem afrikanischen Gitarrenvirtuosen Lionel Loueke und dem amerikanischen Jazzpianisten Kevin Hays.

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