Buchhandel in Corona-Zeiten

Buchhändler: „Die Situation war gespenstisch“

Erinnerungsstück: So sehen Rudolf Müller und Selinde Böhm ihre Literaturhandlung in der Düsseldorfer Altstadt am liebsten. Foto: Müller & Böhm
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Erinnerungsstück: So sehen Rudolf Müller und Selinde Böhm ihre Literaturhandlung in der Düsseldorfer Altstadt am liebsten.

Rudolf Müller über seine Literaturhandlung auf der Düsseldorfer Bolkerstraße

Von Stephan Eppinger

Herr Müller, wie erleben Sie gerade die Situation in der Bolkerstraße und in der gesamten Düsseldorfer Altstadt?

Rudolf Müller: Alles öffnet sich derzeit wieder und seit der vergangenen Woche haben wir wieder eine fast normale Situation. Die Bolkerstraße vor unserer Ladentür im Heine-Haus ist voll. Es sind viele Familien mit Kindern unterwegs und aktuell zum Glück weniger Junggesellenabschiede und Sauftouristen aus dem Ausland. Alle Menschen freuen sich, dass sie endlich wieder raus und auch in die Geschäfte dürfen. Auch bei uns im Laden hat die Frequenz wieder zugenommen. Der Übergang war aber eher fließend, da es in den Wochen davor schon möglich war, mit Termin und der Hinterlegung von Kontaktdaten zu uns zu kommen.

Wie war die Situation während des Lockdowns?

Müller: Die Bolkerstraße ist normalerweise eine Straße, in der jeden Tag von morgens bis abends Kirmes herrscht. Im Lockdown waren die Straßen komplett leer, das war schon ziemlich gespenstisch. Im Winter mit seinen kurzen Tagen war es zudem nach Einbruch der Dämmerung dunkel und düster. Die Mehrzahl der Anlieger sind gastronomische Betriebe und die hatten, weil sie geschlossen hatten, auch keine Außenbeleuchtung angeschaltet. Es gibt hier zudem nur wenige Straßenlaternen, weil es sonst durch die Lokale sehr hell ist.

Welche Auswirkung hat der Lockdown für Ihre Buchhandlung?

Müller: Wir werden die Corona-Krise vor allem wegen unserer treuen Stammkundschaft überleben. Es gab zudem der Möglichkeit zur Kurzarbeit und Ausgleichszahlungen, was beides beim Einsparen von laufenden Kosten geholfen hat. Was uns gefehlt hat, war die Laufkundschaft. Das macht es für uns schwieriger, weil der Umsatz so deutlich geringer ausfällt. Insbesondere die für uns im Heine-Haus wichtigen Touristen sind ausgeblieben. Aber jetzt sieht man schon wieder die ersten fremden Gesichter im Geschäft.

Welche Bedeutung haben Bücher in dieser Zeit?

Müller: Bücher sind das Wichtigste überhaupt. Ein Buch hat viele Vorteile: Man hat eine schöne und spannende Geschichte, die auch zum Nachdenken anregt. Anders als beim Fernsehen oder beim Film muss sich das Gehirn anstrengen, um aus den abstrakten Zeichen Bilder und Filme im Kopf entstehen zu lassen. Das bieten andere Medien nicht in der Form, da geht es wie beim Internet oder beim Fernsehen meist eher um Ablenkung. Ein Buch dagegen erfordert Konzentration. In der Corona-Krise wurde mehr gelesen, als das sonst üblich ist. Das führt aber nicht automatisch zu mehr verkauften Büchern. Viele nehmen einen Titel, der schon länger ungelesen zu Hause im Regal steht oder lesen ein Buch einfach noch mal. Aber insgesamt ist die Bedeutung von Büchern in der Pandemie gestiegen.

Wie verändert die Pandemie die Kulturszene?

Müller: Viele Kulturinstitutionen waren während des Lockdowns dazu gezwungen, digitale Medien zu nutzen. Da wurden Lesungen genauso gestreamt wie Theateraufführungen und Konzerte. Ich gehe aber davon aus, dass das eher eine Notlösung war und dass das Liveerlebnis eine Zukunft hat. Denn das Streamen wird sowohl für das Publikum als auch für die Künstler irgendwann langweilig. Es fehlt die Atmosphäre vor Ort und das persönliche Treffen mit einem Schriftsteller bei einer Lesung. Die Menschen haben das Bedürfnis nach einem authentischen Erlebnis, das auch immer einmalig und vergänglich ist, denn jede Theateraufführung oder Lesung ist anders. Wichtig ist auch, mit anderen Menschen vor Ort etwas zu erleben. Danach gibt es aktuell eine große Sehnsucht.

Rudolf Müller, Inhaber der Buchhandlung

Wird es auch bei Ihnen in der Buchhandlung bald wieder Veranstaltungen geben?

Müller: Die ersten Lesungen haben wir für Anfang Juli geplant. Bei der ersten Veranstaltung am 6. Juli ist Judith Hermann bei uns zu Gast. Und am 7. Juli stellen wir in Kooperation mit dem Suhrkamp Verlag die Werkausgabe von Thomas Kling unter anderem mit Marcel Beyer, Oswald Egger und Marion Poschmann vor. Wir setzen dabei unser Hygienekonzept zum Beispiel mit versetzten Sitzplätzen oder der reduzierten Anzahl von Besuchern um. Ich gehe davon aus, dass der Sommer jetzt eine gute Chance bietet, weitere Veranstaltungen zu realisieren.

Haben Sie einen Buchtipp für diese immer noch schwierigen Zeiten?

Müller: Mein Buchtipp wäre „Dragman“ von Steven Appleby. Das ist eine Graphic Novel zum Superheldengenre, welches der Autor auf seine ganz eigene Art und Weise persifliert. Sein Superheld erhält seine Kräfte nur, wenn er Frauenkleider trägt. Deshalb halten ihn alle Menschen für ein Monster. Damit geht es im Buch auch um das Gender-Thema und das Finden der eigenen Identität. Es ist ein sehr unterhaltsames und gut zu lesendes Buch, das aber auch Tiefgang hat und das zum Nachdenken anregt. Es hat sowohl eine politische als auch eine philosophische Ebene. Es gibt zudem märchenhafte Elemente und mich begeistert der liebevolle Umgang des Autors mit seinen Figuren.

Hintergrund

Die Literaturhandlung Müller & Böhm von Rudolf Müller und Selinde Böhm befindet sich im Düsseldorfer Heine-Haus in der Bolkerstraße 53. Die Öffnungszeiten: montags bis freitags von 10 bis 19 Uhr, samstags von 10 bis 16 Uhr. Weitere Informationen online unter: www.literaturmueller.de.

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