Aufklärung

Rent a Jew – Juden zu vermieten

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Die Bergische Synagoge an der Gemarker Straße in Wuppertal.

WUPPERTAL Die Wuppertalerin Lisa Scheremet lässt sich buchen, um mit Vorurteilen gegen ihr Volk aufzuräumen.

Von Lothar Leuschen

Die Frage nach dem Warum stellt sich Lisa Scheremet eigentlich schon lange nicht mehr. Die Antwort ist einfach zu selbstverständlich. Warum? „Weil es notwendig ist.“ Es ist notwendig, dass sie notfalls in die Höhle des Löwen geht. Es ist notwendig, Gegenrede zu halten, mit Vorurteilen aufzuräumen, dummen Sprüchen entgegenzutreten. Es ist notwendig, nicht zu schweigen. Deshalb lässt Lisa Scheremet sich mieten. Schulklassen können sie anfordern, Volkshochschulkurse, Kirchengemeinden. Scheremet geht hin und spricht. Sie spricht über sich, die Jüdin.

Lisa Scheremet will mit Vorurteilen aufräumen. 

Rent a Jew, Juden zu vermieten, gibt es seit gut zwei Jahren. Das ehrenamtliche Projekt der Europäischen Janusz Korczak Akademie basiert auf ehrenamtlicher Arbeit von etwa 100 Juden in Deutschland. Ihr Ziel ist, Hass und Missgunst durch Information zu bekämpfen. Was ist Judentum heute? Was hat die Realität mit Gerüchten und Geschichten gemeinsam? Für Lisa Scheremet gab es nicht den Hauch eines Zweifels, dass sie sich daran beteiligt.

Die Realschullehrerin für Geschichte, Politik, Technik und Deutsch lebt erst seit ein paar Monaten in Wuppertal. Davor hat sie in Berlin unterrichtet und in der Nähe von Hamburg. Ihre Lebensgeschichte ist die vieler Juden in Deutschland. Geboren in Moskau, mit den Eltern ausgereist, als sie zehn Jahre alt war, weil Juden in Russland immer noch nichts zu lachen haben, weil der Glaube, die Religionszugehörigkeit den Weg zur beruflichen Karriere versperren. „In Russland dürfen nur fünf Prozent eines Studienjahrgangs Juden sein“, sagt Scheremet. Das und die Drangsal des Alltags waren Gründe für ihre Eltern, in Deutschland neu anzufangen. „Ich bin froh“, sagt Lisa Scheremet.

Gespräche in Schulen, VHS-Kursen und Kirchengemeinden

Glücklich ist sie auch – aber nicht immer. Zu regelmäßig begegnet sie Ablehnung ihres Volkes. Witze, dumme Sprüche, Vorurteile, leicht dahingesagter Unsinn, sie gibt sich dann als Jüdin zu erkennen. „Dann heißt es, ich sei ja nicht gemeint gewesen.“ Manchmal hört sie auch den Satz: „Sie? Jüdin? Sie haben ja gar keine Hakennase?“ Oder: „Dann sind Sie ja bestimmt reich.“

Im Gespräch erweckt Lisa Scheremet den Eindruck, viel Humor zu haben, aber über solche Plattitüden kann sie nicht lachen. Die junge Frau ist sicher, dass pures Nichtwissen hinter solchen Sätzen steckt, Nichtwissen und Vorurteile. Deshalb geht sie in Schulen, VHS-Kurse und Kirchengemeinden, deshalb weicht sie keinem Gespräch aus.

Die Zeiten sind wieder schwieriger geworden für Juden in Deutschland. Die Hasser hat es hier immer schon gegeben, mal mehr, mal weniger. Die alten Männer, die unverhohlen fragen, warum „ein paar Steine an der Gemarker Straße in Barmen bewacht“ werden müssen. Sie kennen die Antwort. Es ist die Adresse der Bergischen Synagoge. Das Haus ist ihnen ein Dorn im Auge.

RENT A JEW

IDEE In Deutschland leben etwa 100 000 Juden. Doch die wenigsten Nicht-Juden kennen einen persönlich. Das will Rent a Jew ändern durch Gespräche miteinander statt übereinander. 

ALTE SYNAGOGE Wer Rent a Jew kennenlernen will, hat dazu am 4. April, 19 Uhr, in der Begegnungsstätte an der Genügsamkeitstraße in Wuppertal die Gelegenheit. rentajew.org

Neu sind die Konflikte, die mit der Migration nach Deutschland importiert werden. Der Nahe Osten brodelt, Palästinenser, Syrer und andere Vertreter arabischer Völker leben seit Generationen im Krieg mit Israel, dem die Vereinten Nationen 1948 ein Stück Land zugewiesen haben, Erde, die auch Palästinenser für sich beanspruchen. Frieden kennt Israel nicht. Die Folgen sind jetzt auch in Deutschland spürbar.

Der Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, ist ein äußerst selbstbewusst und sicher wirkender Mann. Aber der Schein trügt. Die Übergriffe auf Juden in Deutschland sind auch am Präsidenten des Zentralrates nicht spurlos vorüber gegangen. „Ich würde Einzelpersonen davon abraten, sich offen mit einer Kippa in deutschen Großstädten zu zeigen“, sagte er.

Für Lisa Scheremet ist das ein weiteres Alarmsignal und etwas, das sie in ihrem Handeln bestätigt.

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