Coronavirus

Quarantäne für Kinder: Kinderschutzbund übt Kritik an Elternbrief in Kommando-Sprache

Wie kommuniziert man mit Eltern, deren Kinder in Quarantäne müssen: Karl-Richard Ponsar mit der vierseitigen Verfügung.
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Wie kommuniziert man mit Eltern, deren Kinder in Quarantäne müssen: Karl-Richard Ponsar mit der vierseitigen Verfügung.

Kritik an den Ordnungsverfügungen des Gesundheitsamtes. Sensibilität wird vermisst.

Remscheid. Vier Seiten lang ist die Ordnungsverfügung an Eltern, wenn in Covid-Zeiten der Ernstfall eintritt und das Gesundheitsamt Kinder in Quarantäne schickt. Sie ist in einer sperrigen Kommando-Sprache verfasst, die den rechtlichen Rahmen festzurrt, die Ausnahmesituation der Erziehungsberechtigten und ihres Nachwuchses indes mit keinem Wort berücksichtigt. Der Kinderschutzbund findet dies unerhört. Seit einem Jahr steht der Schutzbund mit der Stadt in einem kontroversen Schriftverkehr. Nun geht er öffentlich auf die Barrikaden.

Ohne die Quarantäne in Frage zu stellen, beklagt Vorsitzender Karl-Richard Ponsar eine „medizinal-bürokratische Sprache“ mit „irritierenden Verhaltensaufforderungen an die Eltern“. Dies gehe bis zur Drohung. So kündigt die Behörde an, dass „die Absonderung nötigenfalls auch zwangsweise in einer geeigneten, abgeschlossenen Einrichtung erfolgen könne“. Ein Verstoß gegen die Anordnung bedeute eine Straftat und könne mit einer Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder einer Geldstrafe geahndet werden.

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Der Kinderschutzbund moniert „fehlende Sensibilität“ und mahnt in dieser „emotional belastenden Situation“ Empathie und eine vermittelnde Erläuterung der Maßnahmen an. Als gutes Beispiel lobt der Kinderschutzbund die Informationen, die der Kreis Mettmann an Betroffene schickt. Darin wird den Eltern in einem verständlichen, aufmunternden Neun-Punkte-Katalog nahegelegt, was zu tun ist. Der enthält freundliche Ratschläge wie: „Auch wenn der Bedarf nach Nähe besteht, kann man mit dem Kind kuscheln, aber sollte während der Quarantäne auf das Küssen verzichten.“

Einen Kuschelkurs fährt das Gesundheitsamt nicht. Mitarbeiter Roger Höller entgegnete dem Kinderschutzbund, dass es zwar zutreffend sei, dass „die Formulierungen dieser Verfügungen sehr distanziert wirken“ und man die Vorschläge für mehr Mitgefühl als sinnvoll erachte, nur: „Ihre Empfehlungen können nicht Bestandteil einer Ordnungsverfügung sein.“

Thomas Neuhaus steht hinter der Ordnungsverfügung

Das Rechtsamt der Stadt prüfte die Ordnungsverfügung und kam zu dem Schluss, dass nichts zu beanstanden sei. Krisenstabsleiter und Sozialdezernent Thomas Neuhaus steht hinter dieser Entscheidung. Es habe sich zwar um einen nachvollziehbaren Hinweis des Kinderschutzbundes gehandelt, der ernsthaft geprüft worden sei. Der Stadt seien jedoch die Hände gebunden, die Bestimmungen würden an anderer Stelle festgelegt. „Wenn, muss der Gesetzgeber eine kindgerechtere Wortwahl finden“, schiebt Thomas Neuhaus den schwarzen Peter zu Land und Bund.

Außerdem, rechtfertigt Neuhaus, habe sich niemand beim Gesundheitsamt beschwert über die schwere Kost in dem Schreiben. Er verweist darauf, dass viele Eltern nach der Lektüre die Corona-Hotline anrufen. „Unsere Stärke ist das persönliche Gespräch mit einfühlsamen Mitarbeitern. Wir sind die Meister der Beratung in Corona-Zeiten, das ist uns immer wieder aus der Bevölkerung gespiegelt worden.“

Karl-Richard Ponsar wirft der Stadt vor, dass sie nicht kapiere, worum es ihm in seiner Kritik geht. Der Kinderschutzbund zweifelt die Rechtssicherheit der Verfügung in keinster Weise an, aber Schreiben in diesem apodiktischen Ton würden Betroffene verängstigen. „Da werden Kinderrechte mit Füßen getreten. Welches Bild wird da von Kindern und ihren Eltern gezeichnet?“

Mittlerweile ist die Politik hellhörig geworden. Die Linke hat eine Anfrage an den Sozialausschuss formuliert. Dazu wird die Verwaltung am 26. Januar Stellung beziehen müssen. Brigitte Neff-Wetzel und Peter Lange betonen für ihre Fraktion: „Ausnahmesituationen, wie infizierte Kinder und Quarantäne, belasten Eltern und Kinder zusätzlich. Vor diesem Hintergrund würden wir uns einen sensibleren, weniger konfrontativen und bürokratischen Umgang mit Betroffenen und eine realistische Einschätzung der Lage und Möglichkeiten von Familien wünschen, wie es andere Kommunen vormachen.“

Hintergrund

In der vierseitigen Ordnungsverfügung der Stadt an Eltern von Kindern, die sich infiziert oder Kontakt zu Infizierten haben, wimmelt es von Paragrafen, Vorschriften, Belehrungen, Hinweisen, die keinen Widerspruch dulden und Androhung von Rechtsfolgen. Bereits im November 2020 hätten sich Eltern beim Kinderschutzbund über Formulierungen in dem Text beschwert, erklärt Vorsitzender Karl-Richard Ponsar. Den Stress des Personals berücksichtigend, habe er damals schon um eine einfühlsamere Sprache und um Hilfestellungen statt Anweisungen gebeten.

Standpunkt: Der Ton ist unangemessen

Kommentar von Andreas Weber

andreas.weber@rga.de

Der Ton macht die Musik. Und die Ordnungsverfügungen des Gesundheitsamtes an Eltern, deren Kinder in die Corona-Quarantäne müssen, treffen ihn überhaupt nicht. Die postalische Nachricht wird mit dem Hammer eingetrichtert. Das muss nicht sein. Wer sich durch den langen, zähen Bürokratentext gequält hat, wähnt sich schon zu Beginn der „Absonderung“ seines Kindes mit einem halben Bein im Gefängnis, falls er Anordnungen missachtet.

Für eine Stadt, die sich Familienfreundlichkeit dick auf die Fahne gepinselt hat, ist dieses Schreiben, in dem die Drohkulisse im Vordergrund steht, beschämend. Es lässt sich auch nicht damit gerade rücken, dass es eine Telefon-Hotline gibt, an der sich Mitarbeiter die Muße für die Nöte der Betroffenen nehmen und dafür durchweg positive Kritiken erhalten.

Die Stadt bricht sich keinen Zacken aus der Krone, wenn sie ihre juristischen Belehrungen zur Quarantäne um sinnvolle Hilfestellungen für den Umgang mit Kindern auf engem Raum ergänzt. Jenseits der Paragrafen hat sie bei der Wortwahl entgegen ihren Beteuerungen sehr wohl einen Spielraum, um Eltern Ängste zu nehmen.  

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