Nach Familiendrama mit fünf Toten

Stille Trauer um die Opfer der Familientragödie

Brennende Kerzen in der reformierten Kirche am Markt erinnerten an die Opfer der Familientragödie. Fotos: CLaudia Radzwill
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Brennende Kerzen in der reformierten Kirche am Markt erinnerten an die Opfer der Familientragödie.

Offene Kirche am Markt als Angebot an alle Radevormwalder zum Abschiednehmen von den Opfern der Familientragödie.

Von Claudia Radzwill

Radevormwald. Es herrscht Stille an diesem Samstagmorgen in der Kirche am Markt. Vor dem Altar stehen drei Tische, auf denen Kerzen brennen. Sie erinnern an die Opfer der Familientragödie mit fünf Toten, die sich vor gut einer Woche in Bergerhof ereignet hatte. Nach und nach betreten Menschen leise das Gotteshaus. Sie halten inne, gedenken der Toten.

Am Freitag, 12. Februar, hatte ein Familienvater seine Frau, die beiden kleinen Töchter, die Schwiegermutter und dann sich selbst getötet. Hintergrund soll das Scheitern der ehelichen Beziehung sein. Die Erschütterung der Menschen in der Bergstadt ist immer noch zu spüren. „Ich kannte die Schwiegermutter“, sagt eine ältere Besucherin an diesem Morgen. Sie hat eine Kerze angezündet und hat Tränen in den Augen. Als Kinder habe man zusammen gespielt. „Wenn wir uns heute trafen, hat sie auch von den Enkelkindern erzählt.“

Radevormwald: Stilles Gedenken an die Opfer der Familientragödie

Ihre Tochter begleitet sie. Auch sie hat das älteste Opfer gekannt. Für zwei Stunden ist am Samstag die Kirche für Besucher geöffnet, die Abschied nehmen wollen. Auch am Sonntag öffnet die Tür. Es ist ein Angebot aller Radevormwalder Kirchengemeinden. Im Wechsel sind die Seelsorger vor Ort - für Gespräche und einen Austausch, wenn dies gewünscht wird.

Wie hilfreich sind Worte, wo wir keine Worte haben?

Pastor Roland Johannes

An diesem Samstagmorgen kommt das so gut wie nicht vor. „Wie hilfreich sind Worte, wo wir keine Worte haben?“, sagt Pastor Roland Johannes von der Martinigemeinde. Was passiert ist, ist schwer zu begreifen. „Es ist nicht fassbar“, erklärt er. So schweige er mit Besuchern.

Gernot Hall zündete ein Kerze für die Opfer der Familientragödie an – auch für den Täter. „Wir wissen nicht, was in ihm vorging“, sagt der Christ.

Auch Gernot Hall ist gekommen. Einige Minuten hält der Radevormwalder inne und betet für die Opfer. Als Christ habe er auch für den Vater gebetet, sagt er. „Man kann die Tat nicht begreifen. Wir wissen nicht, was in ihm vorging.“

Bewusst haben sich auch die Geistlichen der Kirchengemeinden dazu entschieden, fünf Kerzen für alle Toten aufzustellen. „Das ist keine Entschuldigung für die Tat“, stellen Pastor Dr. Dieter Jeschke von der reformierten Gemeinde und Pfarrer Philipp Müller von der lutherischen Gemeinde aber klar.

Radevormwald: Große Trauerfeier ist wegen Corona nicht möglich

Bereits am Sonntag nach der Tat war die Kirche am Markt als Trauerort geöffnet worden. „Rund 150 Rader und Raderinnen haben dieses Angebot angenommen“, berichtet Pastor Jeschke. Darunter auch Familien einer evangelischen Kindertagesstätte aus Radevormwald. „Die Betroffenheit dort war sehr groß, da die Kinder der Familie die Kita besuchten“, sagt der Pfarrer.

Die offene Kirche als Angebot zum Abschiednehmen sei umso wichtiger, da wegen der aktuellen Corona-Pandemie eine größere Trauerfeier nicht möglich ist, ergänzt Pfarrer Müller. Viele Menschen in Radevormwald zeigen sich betroffen. „Dieses Tat ist so nah. Viele kannten auch die Opfer.“

Vertreter aller Kirchengemeinden waren für Gespräche vor Ort (v. l.): Pastor Roland Johannes (Martinigemeinde), Beate Windgassen (Freie ev. Gemeinde Grafweg), Pfarrerin Manuela Melzer und Pfarrer Philipp Müller (beide lutherische Gemeinde), Diakon Burkhard Wittwer (katholische Gemeinde) und Pastor Dr. Dieter Jeschke (reformierte Gemeinde).

Philipp Müller selbst war am Unglückstag als Notfallseelsorger im Einsatz. Menschen brauchen in solchen Situationen Beistand, es habe sich auch gezeigt, wie wichtig eine psychologische Betreuung sei. Die Seelsorger der Radevormwalder Kirchengemeinden und die Stadt Radevormwald haben daher in der vergangenen Woche zusammen ein Angebot erarbeitet. „Auf der Internetseite der Stadt wird es bald Infos geben, wo es psychologische Hilfe gibt“, erklärt Pastor Jeschke. Für Menschen, die angesichts der jetzt stattgefundenen Tat trauern, aber auch für alle anderen Opfer von Gewalttaten. „Im Zusammenhang mit der Tat rückt die besonders häusliche Gewalt in den Fokus. Die Dunkelziffer kennt niemand“, sagt Pastor Müller.

Hintergrund: Familientragödie in Radevormwald

Weil er nach der Tat noch einen Brand legte, hatte der Täter auch die Rader Feuerwehrleute als völlig Unbeteiligte mit ins Geschehen hineingezogen. „Das Bild werden die Einsatzkräfte nicht vergessen“, sagte in dieser Woche Wehrführer Dietmar Hasenburg. Zur Seite steht den Kameraden die Hilfe der Psychosozialen Unterstützung (PSU) der Unfallkasse der Feuerwehr. Die Feuerwehrleute können den Dienst freiwillig in Anspruch nehmen.

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