Pflegemarkt ist leergeräumt

Jeder zweite ambulante Pflegedienst kann seine Stellen nicht besetzen

WUPPERTAL Auch in Wuppertal ist die Lage ernst.

Von Daniel Neukirchen

Eine bundesweite Befragung des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) zeigt einen bedenklichen Trend an: Rund jeder zweite Pflegedienst in Deutschland kann ausgeschriebene Stellen nicht besetzen, weil Fachkräfte fehlen. Das ist auch in Wuppertal nicht anders, wie Alexander Scheyer bestätigt. Er ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe ambulante Pflegedienste in Wuppertal und leitet selbst ein entsprechendes Unternehmen mit 18 Mitarbeitern, die sich um insgesamt 110 Patienten kümmern. Scheyer sagt: „Der Pflegemarkt ist leergeräumt. Da braucht man gar nicht erst Stellen inserieren.“

Sein Pflegedienst könne ohne Probleme drei bis fünf neue Mitarbeiter einstellen, um den Bedarf an ambulanter Pflege abzudecken. Der ist nämlich in Wuppertal größer als das Angebot. „Wir lehnen jede Woche fünf bis zehn Menschen ab, die bei uns anfragen“, sagt Scheyer. Das sei bei anderen Mitgliedern der Arbeitsgruppe nicht anders.

Ungenügende Kommunikation und fehlendes Wissen

Bedenklich findet eine solche Entwicklung das ZQP. Vorstandsvorsitzender Ralf Suhr warnt: „Personalmangel in der gesundheitlichen Versorgung und nicht zuletzt in der Pflege ist ein Risiko für die Patientensicherheit.“ Ungenügende Kommunikation, fehlendes Wissen, Unachtsamkeit und Zeitdruck sowie unklare Prozesse erhöhten gesundheitliche Risiken, etwa für Stürze, Infektionen und Medikationsschäden. Daher sieht Suhr es als besonders dringlich an, das Berufsfeld Pflege attraktiver zu machen.

VERGÜTUNG PFLEGE

VERGLEICH Altenpfleger verdienen nach Zahlen der Arbeitsagentur im öffentlichen Dienst als Einsteiger 2635 bis 3295 Euro brutto im Monat. Private Träger zahlen allerdings in der Regel nur 1700 bis 2600 Euro. Zum Vergleich: eine medizinische Fachangestellte – ein weitaus beliebterer Ausbildungsberuf – verdient ein Einstiegsgehalt von 1885 Euro brutto. Noch niedriger steigen etwa Friseurinnen und Verkäuferinnen ein.

Bei Alexander Scheyer hat das Entgegenkommen obskure Formen angenommen. Er sagt: „Wir haben einer jungen Frau den Führerschein bezahlt, damit sie bei uns anfangen kann.“ Bittere Pointe der Geschichte: „Nach vier Tagen war sie wieder weg.“ Und damit auch die Investition in die neue Fachkraft. Laut Agentur für Arbeit auf Anfrage gibt es in Wuppertal derzeit 254 offene Stellen in der Pflege. Sprecherin Regina Wallau kennt die Gründe, warum junge Anwärter vor dem Beruf zurückschrecken. „In der Öffentlichkeit stehen gerade die negativen Aspekte im Fokus. Dabei sagen auch viele Pfleger, dass man von den Menschen für die man arbeitet, viel zurückbekommt.“ Zudem hätten viele veraltete Vorstellungen von dem Berufsbild, etwa von der körperlichen Arbeit. „Da gibt es mittlerweile auch Hilfsmittel technischer Art.“

Kritik an der Bezahlung von jungen Leuten

Nicht selten werde auch die geringe Bezahlung von jungen Leuten kritisiert. Dazu sagt Regina Wallau: „Das stimmt vielleicht in Relation zu der Verantwortung, die man trägt.“ Doch im Vergleich mit anderen beliebteren Ausbildungsberufen verdiene man in der Pflege mehr.

Im aktuellen Pflegebedarfsplan für Wuppertal lässt sich nachlesen, dass es derzeit 76 ambulante Pflegedienste in Wuppertal gibt. Gegenüber dem Vorjahr hat sich diese Zahl um ein Unternehmen reduziert – gleichzeitig hat sich die Zahl der ambulant versorgten Pflegebedürftigen um mindestens 15 Prozent erhöht. Insgesamt stieg die Zahl aller Leistungsempfänger in der Pflege in Wuppertal seit 2001 um 45 Prozent. Es gibt mehr als 11 000 Pflegebedürftige.

Nahezu drei von vier Betroffenen werden zu Hause gepflegt. Das ist bei vielen der große Wunsch: Möglichst lange in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Durch die Fachkräfte-Krise wird das zukünftig für Einige ein Wunsch bleiben. Ralf Suhr: „Mangelnde ambulante Pflegekapazitäten können zu einer Überforderung pflegender Angehöriger oder zu einem Heimeintritt führen, der bei angemessener ambulanter Versorgung nicht nötig geworden wäre.“

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