Orient-Okzident-Express

Muslim und Jude gründen Karnevalsverein

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Walter Schuhen (v. l.), Brauchtumsmanager der jüdischen Gemeinde, Wagenbauer Jacques Tilly und Ataman Yildirim, Vorsitzender des ersten muslimischen Karnevalsvereins „Orient-Okzident-Express“ auf dem neuen Toleranzwagen. 

DÜSSELDORF Ataman Yildirim und Amit Marcus haben den Vorsitz übernommen und wollen Randgruppen eine Stimme geben.

Von Andreas Krüger

Noch sind sie eine Interessengemeinschaft und kein richtiger Verein. Dazu fehlt noch der Eintrag in das Vereinsregister beim Amtsgericht. Aber der Orient-Okzident-Express (Diversität 3.0 Rheinische Heimatgesellschaft) ist auf einem guten Weg, der erste muslimische Karnevalsverein in Düsseldorf zu werden. Damit würde zumindest ein Traum des Vorsitzenden Ataman Yildirim in Erfüllung gehen. „Mit dem Namen wollen wir ausdrücken, dass wir zukunftsorientiert und bunt sind sowie viele Leute erreichen wollen.“

15 Leute haben sich am 27. Februar vergangenen Jahres getroffen, um dem Karneval eine besondere Note zu verleihen. Denn dort trafen sich nicht nur Muslime, sondern auch Christen und Juden sowie Hetero- und Homosexuelle, Flüchtlinge und Migranten. Und Ataman Yildirim hat den Vorsitz der Vereinigung übernommen.

In Düsseldorf ist der 41-Jährige kein Unbekannter, engagiert er sich doch schon seit vielen Jahren für die Integration. Väter und Großväter mit Migrationshintergrund unterstützt er bei der Erziehung ihrer Kinder. Das Projekt nennt sich „Väterarbeit“. Dafür bekam der Sozialarbeiter im Januar des Vorjahres eine Auszeichnung von höchster Stelle. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Ehefrau Elke Büdenbender luden ihn Anfang Januar 2019 ins Schloss Bellevue, um ihn zu ehren.

Yildirim ist im karnevalistischen Niemandsland aufgewachsen

„Für mich bedeutet Karneval auch gelebte Vielfalt. Aber nicht nur einmal im Jahr. Und wenn die närrischen Tage vorbei sind, dauert es dann wieder ganz lange, bis man wieder darüber spricht. Das möchte ich ändern“, sagt Yildirim. In Herten ist er aufgewachsen. „Das ist also nicht unbedingt die karnevalistische Hochburg in der Republik, eher karnevalistisches Niemandsland.“

Erst vor knapp sieben Jahren verschlug es ihn nach Neuss und dort übernahm er einen Job als Pädagoge im Fachgebiet „Migration - Integration“ bei der Awo. Außerdem ist er im Vorstand des Vereins „Wegweiser“ tätig, der Präventionsarbeit im Bereich des gewaltbereiten Salafismus leistet. Im Landesvorstand der SPD arbeitet er ebenfalls beim Thema Migration in einer Arbeitsgemeinschaft mit. Und weil die Genossen gerne feiern, haben sie den Kollegen einfach mal zu einer Karnevalssitzung mitgenommen. „Und schon war ich infiziert“, lacht Yildirim.

Als seinen Stellvertreter hat er sich Amit Marcus mit ins Boot geholt. Der 48-jährige Doktor der Literaturwissenschaften kam vor zehn Jahren aus Israel nach Deutschland. Er ist jüdischen Glaubens und arbeitet ehrenamtlich in der Aids-Hilfe und mit schwulen sowie bisexuellen Flüchtlingen: „Da ich selbst homosexuell bin, verstehe ich die Ängste und Probleme der jungen Menschen nur zu gut.“ Mit Karneval hat er bisher überhaupt nichts zu tun gehabt. „Aber ich kenne Ataman schon sehr lange, und er hat mich schnell überzeugt. Und jetzt, wo ich mich länger mit dem Thema beschäftigt habe, freue ich mich richtig auf meinen ersten Rosenmontagszug.“

TOLERANZWAGEN

WAGENBAUER Nach der erfolgreichen Premiere im vergangenen Jahr soll auch am diesjährigen Rosenmontag wieder ein Toleranzwagen der vier großen Religionen durch Düsseldorf ziehen. Der von Jacques Tilly gebaute Wagen soll für seinen großen Auftritt noch einmal leicht umgebaut werden, wird in seinen Grundzügen aber so bleiben wie gehabt.

Denn dort fahren die Vereinsvertreter zum ersten Mal auf dem Toleranzwagen mit. Eingeladen wurden sie von Walter Schuhen, Brauchtumsmanager der jüdischen Gemeinde, und ersetzen den Kreis der Muslime. „Es gab nur einen einstimmigen Beschluss des Kreises für die Teilnahme am Zug für 2019. Und weil es nun einen muslimischen Karnevalsverein gibt, hat sie der Kreis zurückgezogen.“ Angst, dass der Verein die Aufmerksamkeit von radikalen Gruppierungen auf sich ziehen könnte, haben die beiden nicht: „Wir sind noch viel zu unbedeutend und haben nicht genügend Einfluss, um Anfeindungen ausgesetzt zu sein.“

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