Interview

Museen: Ausstellungen allein reichen nicht mehr

Roland Mönig leitet das Von der Heydt-Museum seit bald einem Jahr. Archivfoto: Andreas Fischer
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Roland Mönig leitet das Von der Heydt-Museum seit bald einem Jahr. Archivfoto: Andreas Fischer

Roland Mönig, Direktor des Wuppertaler Von der Heydt-Museums, über die Zukunft und wie Corona die Einrichtungen verändern wird.

Von Monika Werner-Staude

Wuppertal. Der Aufschrei war laut, als Bund und Länder im Herbst den Lockdown über Freizeiteinrichtungen verhängten und damit auch die kulturellen Einrichtungen meinten. Roland Mönig, Direktor des Von der Heydt-Museums in Wuppertal, sieht darin ein Warnzeichen, sucht die Schuld bei den Museen selbst. Er fragt sich, was diese versäumt haben, wenn sie allein als Spaßeinrichtungen angesehen werden. Antworten sucht er – zusammen mit den Kollegen und Kolleginnen im Museumsbereich – indem er sich mit den Aufgaben der Museen beschäftigt. Für die Zeit nach der Coronakrise.

Herr Mönig, werden sich Museen verändern, um zukunftsfähig zu sein?

Roland Mönig: Ja, die Museen müssen sich schon lange verändern. Die Coronakrise hat diesen Prozess jetzt beschleunigt.

Museen haben „einseitig nur den Bizeps trainiert“.

Roland Mönig

Also überdenken Sie die Aufgaben des Museums?

Mönig: Als ich im letzten Jahr nach Wuppertal kam, hatte ich vor, eine Gesprächsreihe (siehe Kasten, Red.) über die Aufgaben von Museen zu initiieren – ohne die Brisanz vorhersehen zu können. Durch die Coronakrise ist diese Auseinandersetzung dringender denn je geworden.

Welche Aufgaben hat ein Museum?

Mönig: Die klassischen Aufgaben sind Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen und Vermitteln. Die Museen haben in den letzten 20/30 Jahren die Aufgabe des Ausstellens immer stärker so verstanden, dass sie möglichst spektakuläre Sonderausstellungen ausrichteten. Das ist nicht unbedingt schlecht, engt aber die museale Kernaufgabe „Ausstellen“ sehr ein. Ausstellen heißt ja nicht zuletzt auch: die eigene Sammlung zeigen und befragen. Um es bildlich auszudrücken: Ein Museum ist ein komplexer Organismus mit einem komplexen Bewegungsapparat. Es hat aber einseitig nur den Bizeps trainiert.

Was folgt daraus?

Mönig: Wir müssen uns fragen, ob es reicht, nur auf die touristische Anziehungskraft zu schauen. Leuchttürme, die über die Stadt hinausstrahlen, sind wichtig, aber daneben muss auch deutlich werden, was das jeweilige Haus vor Ort bedeutet, und da spielt die Sammlung die entscheidende Rolle. Das ist sicherlich anstrengender, aber auch spannender und integrativer.

In der aktuellen Museumsdebatte spielt die Aufgabe der Integration eine große Rolle.

Mönig: Die Integration wird sicher wichtiger. Das Von der Heydt-Museum hat eine bürgerliche Tradition, es ist entstanden, weil die Bürger dieses Haus wollten. Glücklicherweise lebt dieser Geist weiter, das spürt man. Aber: Die Gesellschaft, die ohnehin nie homogen war, hat sich gewandelt, ist noch diverser geworden. Museen sind zwar keine Allbeglückungsapparate – wenn man alle erreichen will, erreicht man am Ende niemanden. Dennoch stehen sie mitten in der Stadtgesellschaft, das Von der Heydt-Museum steht ja auch als Gebäude mitten in der Stadt. Also müssen wir uns überlegen, welche Rolle wir hier in Zukunft spielen wollen.

Welche könnte das sein?

Mönig: Es gibt keinen besseren Ort, um über die Grundlagen unserer Kultur nachzudenken als das Museum. Das sagen zwar mit gutem Recht Schauspiel, Oper und Tanztheater auch – und wir sind deshalb ja auch im Gespräch über Kooperationen. Aber nichts ist eingängiger als Bilder. Das ganze Sehen, Filmen und Fotografieren hat eine lange Geschichte. Das Museum hat die Bilder dazu.

Wie steht es mit den anderen Aufgaben?

Mönig: Vermittlung ist heute wichtiger als je zuvor. Das beginnt schon damit, dass wir das Fotografieren im Von der Heydt-Museum erlauben – um Teil des allgemeinen Gesprächs über Bilder zu werden. Und wir müssen in neue, ungewohnte Bereiche gehen. Die Gesprächsreihe hat uns hier schon etliche interessante Anregungen gegeben. Indem wir uns intensiv mit der Sammlung auseinandersetzen und so immer wieder neue Erlebnisse ermöglichen. Ein Bereich, der total vergessen wurde, ist übrigens die Forschung. Sonst wären Museen wohl letztlich nicht den Freizeiteinrichtungen zugerechnet worden. Da haben sich wohl die Akzente verschoben, das müssen wir korrigieren. Museen sollen keine Elfenbeintürme sein, aber Bildung vermitteln und Forschung betreiben. Viele Museumsdirektoren und -direktorinnen äußern durchaus selbstkritisch, dass wir den Wert als Bildungseinrichtung zu wenig betont haben. Was nicht heißen soll, dass ein Museumsbesuch keinen Spaß bringen kann. Ganz im Gegenteil!

Haben Sie schon fertige Rezepte, wie Sie vorgehen?

Mönig: Nein. Wenn ich sie jetzt schon hätte, wären sie sicher falsch. Wir überdenken vieles, sind im Austausch, stellen Fragen. Die Gesellschaft ist ja insgesamt im Wandel.

Welche Bedeutung hat die Coronakrise dabei?

Mönig: Sie ist ein Katalysator, der offenlegt, wo Dinge gut und wo Dinge schlecht sind. Die Kultur bricht nicht zusammen, aber die kulturelle Praxis ändert sich schon hier und da.

Sind Museen in ihrem Bestand gefährdet?

Mönig: In den USA gibt es eine Prognose, dass 30 bis 50 Prozent der Museen die Coronakrise nicht überleben werden. Aber in den USA sind die Museen privatwirtschaftlich organisiert. Das blüht uns nicht. Bei uns sind die Museen sicher, weil sie gesamtgesellschaftlich und politisch gewollt sind und getragen werden. Die Gesellschaft steht zu ihren kulturellen Einrichtungen. Aber der finanzielle Spielraum könnte sich verengen. Es gibt sogar eine Initiative, die die Kultur unter den Schutz des Grundgesetzes stellen will. Meiner Meinung nach braucht es das aber nicht unbedingt.

Dialog und Person

Reihe: Unter dem Titel „possible to imagine“ initiierte das Von der Heydt-Museum im Herbst 2020 eine Gesprächsreihe, um zu erkunden, was in Museen heute möglich und was nötig ist. Diese Reihe wird im Frühjahr 2021 digital fortgesetzt.

Person: Roland Mönig ist seit 1. April 2020 Direktor des Von der Heydt-Museums. Der gebürtige Bochumer war zuletzt Direktor des Saarlandmuseums und des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Saarbrücken, sowie Vorstand der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz. In Wuppertal ist er zugleich Geschäftsführer der Von der Heydt-Museum gGmbH und des Kunst- und Museumsvereins.

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