Wuppertal/Radevormwald

Missbrauchsprozess: Priester muss viele Jahre in Haft

In der katholischen Kirche - hier der Kölner Dom - gibt es viel Redebedarf.
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In der katholischen Kirche - hier der Kölner Dom - gibt es viel Redebedarf.

Am Kölner Landgericht ist das Urteil gesprochen worden gegen einen Priester, der auch in Wuppertal und Radevormwald gewirkt hat. In den betroffenen Gemeinden in Wuppertal gibt es großen Redebedarf.

Köln/Wuppertal/Radevormwald. -dpa/dad- Das Landgericht Köln hat am Freitag einen katholischen Priester zu zwölf Jahren Haft wegen des sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt. Der 70 Jahre alte Pfarrer muss außerdem drei Nebenklägerinnen Schmerzensgeld in Höhe von 5000, 10.000 und 35.000 Euro zahlen. Die Staatsanwaltschaft hatte 13 Jahre Haft gegen ihn gefordert, die Verteidigung maximal acht Jahre.

Die Anklage gegen den Priester umfasste 118 Tatvorwürfe. Demnach missbrauchte der Priester über viele Jahre hinweg Kinder und Jugendliche. Das jüngste Opfer war ein neun Jahre altes Mädchen. Der Priester zwang Kinder zum Geschlechtsverkehr, zu Oralsex und zu vielen anderen sexuellen Handlungen. Während des Prozesses hatten sich weitere Opfer gemeldet, woraufhin die Anklage erweitert wurde und der Priester in Haft kam. Das Gericht sah Wiederholungsgefahr. Der Priester war in der Vergangenheit auch in Wuppertal tätig. In Radevormwald begleitete er als Supervisor den dortigen Hospizverein.

In dem seit November laufenden Prozess wurde deutlich, dass der Priester stets ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis auszunutzen verstand. Er missbrauchte den Zeugenaussagen zufolge zum Beispiel ein Mädchen, das in einer Ferienfreizeit Heimweh hatte. In einem anderen Fall erweckte er den Eindruck, sich um die Tochter einer alkoholkranken Mutter kümmern zu wollen. Als Krankenhausseelsorger baute er zu einer Familie ein besonderes Vertrauensverhältnis auf. In einem Fall schloss er mit Eltern eine «Therapievereinbarung» für ihre angeblich jähzornige Tochter ab. Stets habe er dies dann dafür ausgenutzt, die Mädchen sexuell zu missbrauchen, so die Anklage.

Obwohl den Verantwortlichen des Erzbistums Köln immer wieder Vorwürfe und Gerüchte gegen den Pfarrer zugetragen wurden, erhielt er stets aufs Neue die Gelegenheit, mit Kindern allein zu sein. Das Erzbistum bezahlte sogar seine Anwaltskosten, nachdem vorübergehend gegen ihn ermittelt worden war. Die Ermittlungen wurden zunächst wieder eingestellt, weil die Nichten des Pfarrers ihre belastenden Aussagen zurückzogen.

Amtsträger des Erzbistums Köln haben in dem Prozess gleichwohl jede Mitverantwortung bestritten. «Wir haben konsequent gehandelt», beteuerte etwa der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, früher Personalchef in Köln, in seiner Zeugenvernehmung.

Der Vorsitzende Richter Christoph Kaufmann hat seine Irritation über die Haltung der katholischen Verantwortungsträger teilweise offen gezeigt. So fragte er den ebenfalls als Zeuge geladenen ehemaligen Kirchenrichter Günter Assenmacher, warum dieser keine eigene Recherche unternommen habe, um dem Fall auf den Grund zu gehen. Man könne einen Missbrauchsfall schwerlich durch Herumblättern in der Personalakte aufdecken, hielt er ihm vor. Assenmacher antwortete, weitergehende Untersuchungen seien nicht seine Aufgabe gewesen.

Wuppertal: Großer Redebedarf in den Gemeinden

Wie groß der Redebedarf über die Geschehnisse bei den Gläubigen vor Ort ist, hatte sich am Mittwoch gezeigt. In Elberfeld luden die Pfarrgemeinderäte von Herz-Jesu und St. Laurentius zum Online-Gespräch in dieser Woche ein. Zu den gut 30 Teilnehmern gehörte auch Stadtdechant Bruno Kurth, oberster Repräsentant der Wuppertaler Katholiken. Vom Münchener Missbrauchsgutachten bis zum Outing von 125 queeren Menschen im kirchlichen Dienst reichte die Themenpalette.

Dass es viele Wortbeiträge zum Thema sexualisierte Gewalt gab, lag konkret am ehemaligen Wuppertaler Seelsorger, gegen den nun das Urteil gesprochen wurde. Auch in Radevormwald war der Geistliche tätig - als Supervisor für den dortigen Hospizverein.

„In unserer Gemeinde schlagen die Wellen hoch“, berichtete eine Frau, die sich aus dem Westen Wuppertals zuschaltete. Weil der angeklagte Ex-Priester lange in Vohwinkel gelebt hat, befürchteten Gemeindemitglieder, dass vor Ort noch mehr als die bisher bekannten Missbrauchsfälle geschehen sein könnten.

Vertuschungsvorwürfe: Gläubige wünschen sich transparentere Kirche

Gerade wegen der Vertuschungsvorwürfe, so ein anderer Teilnehmer, müssten Kirchenvertreter verstärkt an die Öffentlichkeit gehen. „Man hört alles nur aus der Presse“, sagte er. „Man hört ja auch, dass einige Vorwürfe nicht zutreffen. Dass die Kirche nichts dazu sagt, ist eigentlich enttäuschend.“

Fest steht, dass sich der für Wuppertal zuständige Erzbischof derzeit zurückhält. Nach fast fünf Monaten „Auszeit“ will der Kölner Kardinal Woelki nicht zum Gottesdienst am Aschermittwoch erscheinen und stattdessen einen Fastenhirtenbrief und eine Pressemitteilung veröffentlichen.

Diskussionen um die Zukunft von Kardinal Woelki

Dass Woelki am Ende in sein Amt zurückkehrt, ist für Kurth eine ausgemachte Sache. „Wie es dann weiter gehen wird“, sagte der Stadtdechant, „darüber mache nicht nur ich mir große Sorge.“ Aus der digitalen Runde kam deutliche Kritik an Woelki. Vermisst wurde die Bereitschaft, „moralische Verantwortung“ zu zeigen. „Mit Kardinal Woelki kann es keinen Neuanfang geben“, hieß es. „Ich will den nicht zurück“, kommentierte die Teilnehmerin aus Vohwinkel. „Feierabend!“

Sie schwanke „zwischen Hoffnung und Realismus“, erklärte Ricarda Menne vom Pfarrgemeinderat der Laurentiusgemeinde. Die „Salamitaktik“ der Bischöfe, nur die Verfehlungen zuzugeben, die ihnen nachgewiesen werden könne, „vergiftet mein Grundvertrauen“. Enttäuscht ist sie auch vom Münchner Kardinal Marx, der als einziger Erzbischof seinen Rücktritt angeboten hatte und nun im Amt bleibt.

Was Menne Mut macht, ist „OutInChurch“, bei der sich Menschen, „die auf der Gehaltsliste der Kirche stehen, zu Wort melden“. Diese Aktion, sagte Pastoralreferentin Christa Neumann, habe ihr die Ungleichbehandlung innerhalb der Kirche vor Augen geführt. „Da war ich viel zu lange still“, meinte sie.

Ausführlich wurde auch über die Zukunft der Kirche diskutiert – und über ihre Strukturen. Die Wahl der Bischöfe, so lautete ein Gedanke, sei früher in der katholischen Kirche üblich gewesen: „Da müssen wir wieder hin.“

Der Theologe Kurth setzt auf den synodalen Weg, um Einigkeit wiederherzustellen. Nach seinem Verständnis von Kirche seien Bischöfe und Priester „nicht die Lehrer“, sondern „alle Gläubigen sind Schülerinnen und Schüler bei Christus, dem Lehrer“. „Auf dem synodalen Weg ist ja etwas Interessantes passiert“, so Kurth.

Neben der Bibel und den kirchlichen Traditionen kämen hier die „Zeichen der Zeit“ und der „Glaubenssinn des Volkes Gottes“ zu ihrem Recht. „Was Synodalität angeht, können wir durchaus auch ökumenisch lernen“, betonte Kurth. „Das erfahren wir in Wuppertal vielleicht näher als in Köln.“

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