Ukraine

Milena malt jetzt Szenen aus dem Krieg

Milena (12) hat mit ihrer Mutter und Tante in Höhrath Zuflucht gefunden. Sie sind aus Charkiw in der Ostukraine geflohen. Milena verarbeitet Szenen aus dem Krieg in ihren Bildern.  
+
Milena (12) hat mit ihrer Mutter und Tante in Höhrath Zuflucht gefunden. Sie sind aus Charkiw in der Ostukraine geflohen. Milena verarbeitet Szenen aus dem Krieg in ihren Bildern.  

Zwölfjährige aus der Ukraine ist mit ihrer Mutter und Tante geflohen.

Von Theresa Demski

Wermelskirchen. Sie hat Kopfhörer auf den Ohren. Es läuft laute Rockmusik. Milena blickt auf die leere Leinwand, ihre Finger berühren die Farben und Stifte auf dem Tisch. Es ist, als würde sie in eine andere Welt abtauchen. Und dann beginnt Milena zu malen. Manchmal dauert es Stunden, manchmal auch Tage.

Die Zwölfjährige ist dann wie in einem Rausch. Es entstehen Bilder von Flüchtenden am Bahnhof in Charkiw oder aus dem heimischen Wohnzimmer, in dem die Fenster zerbersten und sich ein Mädchen auf den Weg in den Keller macht. Sie malt ihren Vater als Soldaten vor einem Panzer, mit einer wehenden ukrainischen Flagge im Hintergrund. Ihre Finger fliegen dann über das Papier, füllen es mit Farben und Gefühlen. Ob es nicht schmerzhaft sei, diese Erinnerungen auf das Papier zu bringen? „Hinterher geht es mir immer besser“, sagt die Zwölfjährige leise auf Ukrainisch.

Milena malte eine junge Version ihres Vaters, der heute als Polizist arbeitet.

Am Anfang, kurz nachdem Milena mit ihrer Mutter Natalia und ihrer Tante Victoria in Höhrath angekommen war, habe sie wenig gesprochen, viel geweint und sei in den Nächten von Alpträumen verfolgt worden, erzählt Linda Stricker. Die Höhratherin hat den drei Frauen Schutz angeboten – auf ihrer Flucht vor dem Krieg. Sie spricht selbst fließend Ukrainisch, weil die Wurzeln ihrer Familie dort liegen. „Und ich wollte einfach helfen“, sagt sie.

„Ich weiß noch genau, dass um diese Uhrzeit die erste Rakete eingeschlagen ist.“

Die Zwölfjährige Milena

Also richtete Familie Stricker eine kleine Wohnung ein und erklärte sich bereit, Geflüchtete aufzunehmen.
Seitdem leben Milena, Natalia und Victoria in Höhrath. Die beiden erwachsenen Frauen nehmen an den Deutschkursen der Initiative „Willkommen in Wermelskirchen“ teil und sprechen erste Worte der neuen Sprache. Das zwölfjährige Mädchen besucht inzwischen das Gymnasium. „Früher bin ich gerne in die Schule gegangen, jetzt verstehe ich nicht viel“, sagt sie. Und trotzdem sei es wohl gut, dass sie eine Schule besuchen könne, sagt sie. Selbst in dieser Situation. Aber wenn sie am Mittag nach Höhrath zurückkehrt, warten dort schon die kleine Staffelei, die Leinwände und Farben.

In Charkiw habe sie eine Kunstschule besucht, erzählt ihre Mutter. Weil das Mädchen schon früh ihr besonderes Talent hatte entdecken lassen, entschieden sich die Eltern, ihre Tochter zu fördern. Natalia greift nach ihrem Handy. „Sowas hat sie früher gemalt“, sagt sie und zeigt Stillleben, aufwendige Formen und Grafiken, Landschaften, bunte Blumen. Seit Milena aus dem Krieg geflohen ist, malt sie keine Formen und Stillleben mehr. Sie malt Szenen aus dem Krieg.

Milena hat ihren Vater, der heute Polizist ist, in jungen Jahren (oben) sowie einen Raketenangriff in ihrer Heimat gemalt.

„Manches habe ich selber erlebt“, sagt sie und deutet auf ein Bild. Sie hat die heimische Wohnstube in Charkiw gemalt, eine Klappe zum Keller, die sie mit furchtverzerrtem Blick öffnet. Die Fenster sind zersprungen, die Uhr steht auf halb zwei. „Ich weiß noch genau, dass um diese Uhrzeit die erste Rakete eingeschlagen ist“, sagt sie. Und dann geht sie zu ihrem kleinen Schrank und holt eine bunte Streichholzschachtel heraus. „Das sind die Splitter, die wir danach überall im Garten gefunden haben“, sagt sie. Raketen? Bomben? „Ich weiß es nicht, ich habe sowas vorher auch noch nie gesehen“, sagt ihre Tante.

Ein anderes Bild ist über die Ostertage entstanden. „Die waren sehr schmerzhaft für die Familie“, sagt Linda Stricker. Milena hat in diesen Tagen blühende Landschaften und glänzenden Mohn gemalt – und dann eine junge Frau mit traditioneller ukrainischer Osterkleidung vor diese Szenerie gestellt. Sie trägt einen Dornenkranz im Haar, das Blut läuft ihr über das Gesicht. „Wenn ich am Anfang vor dem Blatt sitze, weiß ich noch nicht, was ich male“, sagt die Zwölfjährige. Die Bilder kommen aus ihrer Seele – so wie das Bild von ihrem Vater, mit dem sie jeden Abend telefoniert.

Milena nimmt sich nun das Baumhaus vor

Ihre Malsachen hat sie nicht mitnehmen können. Nur mit einem Rucksack machten sich die Frauen auf den Weg Richtung Sicherheit. „Aber wir haben hier sofort Farben gekauft“, sagt ihre Mutter. Und dann erzählt sie, was für ein aufgewecktes, fröhliches Mädchen Milena früher war. „Alles war so leicht und schön“, erzählt sie. „Sie hat sich mit ihren Freundinnen getroffen, gemalt und das Leben genossen.“

Mit dem Krieg habe sich alles verändert, sagt sie leise. Das tue ihr so unendlich leid für ihr Kind – all die Sorgen, Ängste und Traurigkeit. Neulich hatte Milena allerdings eine Idee: Das Baumhaus im Garten sei so hässlich, stellte sie fest und fragte, ob sie es nicht bemalen dürfe. Linda Stricker stimmte zu und kaufte Farben. Inzwischen ist eine Skizze entstanden: Mit zwei Rittern, vielen Blumen und dem Höhrather Wappen.

Hintergrund

Netzwerk: Linda Stricker hat die Bilder des Mädchens bei Instagram eingestellt. Inzwischen folgen ihr mehr als 5000 Follower.

Zahlen: Zwischen fünf und zehn Geflüchtete aus der Ukraine erreichen aktuell wöchentlich Wermelskirchen – darüber informiert das städtische Sozialamt. Insgesamt leben rund 400 Kriegsvertriebene aus der Ukraine in der Stadt.

Kinder: Während schulpflichtige Kinder häufig schnell einen Platz in der Schule bekommen, gilt das nicht für Mädchen und Jungen im Kindergarten-Alter. Aktuell bietet die Initiative „Willkommen in Wermelskirchen“ für die Kinder der Sprachschüler dreimal in der Woche eine Betreuung an. Es wird über die Gründung eine Übergangsgruppe nachgedacht. So eine Gruppe war auch damals entstanden, als viele Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan und dem Irak die Stadt erreichten.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Anwohner will Tempo 30 und wird dafür angefeindet
Anwohner will Tempo 30 und wird dafür angefeindet
Anwohner will Tempo 30 und wird dafür angefeindet
Auto brennt in Wuppertal aus
Auto brennt in Wuppertal aus
Auto brennt in Wuppertal aus
Little Tokyo ist Düsseldorfs Kult-Viertel
Little Tokyo ist Düsseldorfs Kult-Viertel
Little Tokyo ist Düsseldorfs Kult-Viertel
Warum es die Japaner nach Düsseldorf zog
Warum es die Japaner nach Düsseldorf zog
Warum es die Japaner nach Düsseldorf zog

Kommentare