Gewässerschutz

Medizinreste belasten die Itter stark

In Hilden fließt die Itter aufgrund von Hochwasserschutz in einem steinernen Korsett. Foto: Christoph Schmidt
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In Hilden fließt die Itter aufgrund von Hochwasserschutz in einem steinernen Korsett.

Drei Klärwerke sollen eine vierte Reinigungsstufe erhalten

Von Christoph Schmidt

Hilden. Bereits 2016/2017 hat der Bergisch-Rheinische Wasserverband (BRW) Messungen zu ausgewählten Spurenstoffen an den Klärwerken an der Itter durchgeführt, berichtet Diplom-Ingenieurin Kristin Wedmann, Geschäftsbereichsleiterin Technik beim BRW. Dafür wurden die Konzentrationen von Arzneimittel im Gewässer oberhalb und unterhalb der Klärwerke gemessen. Unterhalb der Klärwerke wurden wie erwartet Spuren unter anderem von Antibiotika (Clarithromycin) und Schmerzmitteln (Diclofenac) gefunden. Das Düsseldorfer Umweltamt hat 2020 61 Wirkstoffe in Düsseldorfer Flüssen und Bächen nachgewiesen, auch in der Itter. Sie können mit der bestehenden Technik nicht entfernt werden.

Wie kommen Medikamentenreste ins Itterwasser?

Über die natürliche Ausscheidung von Patienten nach der Einnahme und vor allem durch die falsche Entsorgung von Medikamenten über Abfluss und Toilette, sagen die Fachleute. Das Landesumweltministerium habe auf die Untersuchungsergebnisse jetzt reagiert, berichtet Kristin Wedmann. Die Klärwerke Ohligs und Gräfrath sollen bis zum Jahr 2033 und das Klärwerk Hilden bis 2039 mit einer vierten Reinigungsstufe technisch aufgerüstet werden.

Warum dauert das so lange?

Im Dezember habe das Ministerium den Bewirtschaftungsplan 2022-2027 für die NRW-Anteile von Rhein, Weser, Ems und Maas veröffentlicht. Sofern der Bewirtschaftungsplan im Dezember 2021 beschlossen wird, ist er verbindlich für die Aufsichtsbehörde des BRW, die Bezirksregierung Düsseldorf. Sie muss dann dem BRW als Betreiber der Klärwerke über einen wasserrechtlichen Bescheid eine konkrete Reinigungsanforderung auferlegen, erläutert Wedmann: „Dafür bedarf es überdies einer gesetzlichen Grundlage des Bundes, die vom Gesetzgeber aus Sicht des Verbandes bisher nicht geschaffen wurde.“

Welche Technik steht für eine vierte Reinigungsstufe zur Verfügung?

Die herkömmliche Abwasserreinigung in Kläranlagen erfolgt in drei Stufen. Ungelöste Stoffe werden mechanisch abgetrennt, zum Beispiel durch Rechenanlagen und Absetzeinrichtungen. Mikroorganismen bauen gelöste organische Stoffe auf biologischem Wege ab und entfernen Stickstoffverbindungen. Schlecht lösliche Verbindungen werden zum Teil an den Klärschlamm gebunden und mit diesem entfernt. Zur Elimination von Phosphorverbindungen wird das Abwasser chemisch gefällt.

Als vierte Reinigungsstufe könnte das Abwasser über Aktivkohle gefiltert oder mit Ozon behandelt werde, erklärt die Geschäftsbereichsleiterin Technik. Damit könnten vom Menschen verursachte Spurenstoffe oder Mikroverunreinigungen beseitigt werden. Ihre Konzentration im Abwasser liegt im Bereich „Mikrogramm pro Liter“.

Was das bedeutet, erläutert Holger Stark, Professor für pharmazeutische und medizinische Chemie an der Heinrich-Heine-Universität: „Bei der Menge von Antiepileptika, die im Itterwasser nachweisbar sind, müsste man 5000 Jahre lang täglich zwei Liter trinken, um an eine normale Dosierung eines Patienten zu kommen.“ Auch in der Forschung gebe es keine Hinweise, dass ein Medikament in dieser geringen Dosis Einfluss auf die Gesundheit habe.

Welche Auswirkungen haben die Spurenstoffe auf Lebewesen?

Das werde noch erforscht, berichtet Kristin Wedmann: „Das ist auch Grund dafür, dass bisher für viele Spurenstoffe noch keine gesetzlich verbindlichen Grenzwerte durch den Gesetzgeber festgelegt wurden.“ Die Anordnung einer vierten Reinigungsstufe für die Klärwerke zeige, dass die Landesregierung das Problem jetzt offenbar angehen will. Deutschland ist der einzige Flächenstaat in der Europäischen Union, der alle Anforderungen der EU-Richtlinie Kommunales Abwasser zu 100 Prozent umsetzt.

Fische wie Äsche, Döbel, Quappe, Meer- und Bachforelle, Barbe, Nase, Plötze oder Rotauge sollen wieder vom Rhein in die Itter aufsteigen und dort laichen. Dafür muss der BRW die Mündung in den Rhein umbauen. Geplant ist eine 202 Meter lange Fischtreppe mit 61 Stufen, die einen Höhenunterschied von neun Metern überwindet.

Drei Klärwerke

Die Itter schlängelt sich 20 Kilometer von der Bandesmühle in Gräfrath bis zur Mündung in Düsseldorf-Benrath in den Rhein. Auf diesem Stück liegen drei Klärwerke in Gräfrath, Ohligs und Hilden, weil die Gegend so dicht besiedelt ist. Sie leiten ihr geklärtes Abwasser in die Itter.

Schöne Wanderungen entlang der Itter präsentiert das Solinger Tageblatt in der Serie „Wandern mit dem ST“. Zum Beispiel die Route an Hofschaften, Mühlen und Kotten.

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