Natur-Malerei

Sie malt nachts die Nordbahntrasse

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Christine Kersting hat den Mut zur Farbe erst spät bekommen. 

WUPPERTAL Wuppertalerin Christine Kersting gestaltet Aquarelle mit Natur- und Stadtmotiven. Sie veröffentlicht ein Buch über den Rad-/Gehweg.

Von Stephan Korfe

Wenn Wuppertal schläft, malt Christine Kersting. Die 77-Jährige leidet an einer seltenen Schlafinsuffizienz. Dass sie nur zwei Stunden pro Nacht schlafen kann, habe sie aber längst akzeptiert. „Und dann stehe ich einfach auf und male“, sagt Kersting. Aquarellbilder sind es. Aus dem Kopf heraus, aus der Fantasie zu Papier gebracht. Noch häufiger überträgt Kersting aber Motive von eigenen Fotografien. Fast täglich ist die Seniorin auf der Nordbahntrasse auf Motivjagd. Mit einer Kamera, die mit einem schnellen Zoom und Fokus punktet.

Diese Funktionen braucht Kersting auch für ihre Lieblinge, für Schmetterlinge und Vögel. „Am liebsten ist mir der kleine Bläuling“, beschreibt sie einen Schmetterling. Aber der sei schwer zu entdecken. „Nur wenn man erst einmal richtig hinschaut, sieht man unglaublich viel, was da auf der Trasse wächst, kreucht und fleucht.“

AQUARELLBUCH

INFO 2017 waren Christine Kerstings Bilder im Kalender „Wuppertaler Ansichten“ zu sehen. Jetzt will sie ein Buch über die Nordbahntrasse gestalten. Mit Fotos ihrer Trassen-Aquarelle, ergänzt um Erklärungen und auch um einige lehrreiche Inhalte.

Ihr Faible für die Natur hatte ihr damals auch bei ihrer Ausbildung zur Drogistin geholfen. Beispielsweise mussten die Lehrlinge eigene Herbarien, Sammlungen von gepressten und getrockneten Pflanzen, anlegen. Ein Leichtes für Kersting. Eine formale Kunstausbildung habe sie aber nie angestrebt. Für sie habe immer festgestanden, dass sie später Drogistin würde. Nur habe ihr Vater auf einem Auslandsjahr vor der Ausbildung bestanden. Widerwillig sei sie nach Frankreich gegangen.

Aus einem Jahr wurden drei. „Und dass ich dann Französisch studieren wollte, hat meinen Vater nicht begeistert“, sagt Kersting. Im Gegenteil: Ihr Vater habe ihr das Studium nicht zugetraut. Doch Kersting machte ihren Abschluss. „Just for fun“, sagt sie heute mit einem Lachen.

Sie hätte danach als Dolmetscherin arbeiten können, blieb aber bei ihrer Drogerie-Linie. Bei Leimberg am Wall konnte sie sich diesen Wunsch erfüllen. Dort lernte sie auch ihren Mann kennen, mit dem sie jahrzehntelang eine Drogerie betrieb.

Im Alter kam die Lust zu Malen wieder und der Mut zur Farbe

Ihr Auslandsstudium sollte ihr jedoch noch zugute kommen. „Als ich in der Ausbildung kurzzeitig die Leitung der Kosmetik-Abteilung übernommen habe, habe ich den Umsatz von Guerlain-Produkten um das Fünffache steigern können“, sagt sie. Guerlain, ein heute noch bestehender Kosmetik-Konzern aus Frankreich, vertrieb seine Erzeugnisse damals in der Herkunftssprache. Dank ihrer Französischkenntnisse konnte Kersting die ausländischen Schönheitsprodukte leichter bewerben. Später bekam das französische Unternehmen Wind davon. Und lud Kersting zu einer Kosmetikerinnen-Ausbildung nach Frankreich ein. „Auch wegen meiner Hände“, sagt Kersting heute. „Denn die braucht man für die Gesichtsmassagen.“

Fragt man sie, wie sie heute mit diesen Händen malt, kommen Christine Kersting sofort einige Adjektive in den Sinn: „Ich male fein, grazil, zierlich.“ Nicht an einer Staffelei, immer nah im Schein der Lampe über den Tisch gebeugt. Vorzeichnungen und Skizzen mittels Spezial-Bleistift, Aquarelle mit einer eigens entwickelten Technik.

„Eigentlich malt man ja bei Aquarell-Bildern nass auf nass“, sagt Kersting. „Ich male aber nass auf trocken.“

Wirklich angefangen habe sie mit der Malerei vor neun Jahren. Für eine Geburtstagskarte habe ihr damals das Material gefehlt. Da habe es sie gepackt und sie habe kurzerhand mit dem alten Schulmalkasten ihres Mannes selbst eine Karte bemalt. Fünf Ausstellungen hat sie bislang gemacht, jetzt soll als nächstes Projekt noch das Buch kommen. „Und vielleicht ein größerer Schreibtisch“, sagt Christine Kersting grinsend. Für große Aquarelle.

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