Katastrophenforschung

Juniorprofessorin erforscht Verhalten im Zusammenhang mit Covid-19

Cécile Stehrenberger nimmt besorgt die Wissenschaftsfeindlichkeit im Zusammenhang mit der Pandemie zur Kenntnis. Foto: Andreas Fischer
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Cécile Stehrenberger nimmt besorgt die Wissenschaftsfeindlichkeit im Zusammenhang mit der Pandemie zur Kenntnis.

Dr. Cécile Stehrenberger arbeitet als Juniorprofessorin an der Bergischen Universität Wuppertal.

Das Interview führte Tanja Heil

Wuppertal. Dr. Cécile Stehrenberger arbeitet seit 1. September als Juniorprofessorin für historisch-komparative Wissenschafts- und Technikforschung am Historischen Seminar und am Interdisziplinären Zentrum für Wissenschafts- und Technikforschung der Bergischen Universität Wuppertal. Mit Mann und drei kleinen Kindern ist sie von Erfurt nach Wuppertal gezogen.

Was macht man in der historisch-komparativen Wissenschafts- und Technikforschung?

Cécile Stehrenberger: Man versucht, auf die Geschichte blickend die Produktion und Nutzung von wissenschaftlichem Wissen und von Technik in der Gegenwart besser zu verstehen.

Haben Sie dafür ein Anwendungsbeispiel?

Stehrenberger: Covid-19. Ich beschäftige mich schon länger mit der sozialwissenschaftlichen Katastrophenforschung im Kalten Krieg. Ich sehe Parallelen zwischen ihren Untersuchungen von Erdbeben oder Atombomben und der Art und Weise, wie heute Sozialwissenschaftlerinnen, aber auch Politikerinnen, über Covid-19 sprechen.

Gibt es bei Krisen denn Stereotypen, wie Menschen reagieren?

Stehrenberger: In den 50er Jahren war das Stereotyp noch sehr verbreitet, war, dass Menschen in Katastrophen in Massenpanik ausbrechen würden. Sozialwissenschaftliche Katastrophenforscher sind dann an Orte mit Katastrophen gefahren und haben festgestellt: Die Leute brechen kaum in Panik aus. Wenn sie es tun, dann in Fällen, in denen sie zu spät gewarnt wurden und dadurch in schlimme Situationen geraten. Trotz dieser Forschung hat Donald Trump vor einigen Wochen sagen können, dass er lange Zeit die Covid-19-Pandemie heruntergespielt hätte, um zu verhindern, dass Menschen in Panik ausbrechen. Man sieht, diese Stereotypen wirken immer noch.

Sie werfen auch in einer Arbeitsgruppe den Blick auf Corona und den Umgang damit. Was sind sonstige Erkenntnisse dazu?

Stehrenberger: Es gibt eine Tendenz zu einer Simplifizierung und Individualisierung von gesellschaftlichen Problemen. Diese versucht man alleine durch eine Regulierung des Verhaltens von einzelnen zu lösen, statt auf der Ebene von Strukturen anzusetzen.

Aber wenn jemand mit vielen anderen Menschen zusammen feiert, ist das doch seine Entscheidung?

Stehrenberger: Ja, aber es ist zu fragen, warum sie getroffen wird. Klar ist: Menschen werden nicht als rücksichtslose Egoisten geboren. Letztendlich folgen sie in ihren Handlungen Idealen (der Eigennutzenmaximierung), die unsere Gesellschaft seit einigen Dekaden prägen. Übrigens greift es meines Ermessens zu kurz, nur Partys für das Infektionsgeschehen verantwortlich zu machen. Sehr zu denken gibt mir natürlich auch die Wissenschaftsfeindlichkeit in dieser Pandemie, die mit dem Anschlag auf das Gebäude des RKI nochmals eine neue Dimension erhalten hat.

Womit beschäftigen Sie sich derzeit noch?

Stehrenberger: Neben der Geschichte der Katastrophenforschung beschäftigt mich die Geschichte von Giftmülldeponien in Äquatorialguinea, einer ehemaligen spanischen Kolonie. Ende der 80er Jahre gab es dort Pläne, dass europäische und US-amerikanische Unternehmen Giftmüll auf einer bewohnten Insel deponieren. Im Gegenzug versprachen sie dem Diktator des Landes mehrere Millionen Dollar. Man weiß nicht so genau, wieviel Giftmüll tatsächlich dort gelandet ist. Aber schon die Vorbereitungen führten zu einer Rattenplage, welche die Ökologie dieser Insel durcheinandergebracht hat und zu Hungerkatastrophen führte.

Auch der Feminismus spielt in Ihrer Forschung eine Rolle.

Stehrenberger: Ich beschäftige mich mit dem Einfluss von Geschlecht auf verschiedene Wissenschaftsfelder.

Was heißt es, wenn eher männliche Virologen in Expertenkommissionen sind?

Stehrenberger: In vielerlei Hinsicht macht es einen Unterschied, ob ein Mann oder eine Frau ein Thema erforscht. Auch Wissenschaftler operieren aus ihrem sozialen Standpunkt und Erfahrungshintergrund heraus. Je nachdem, woher man blickt, sieht man andere Dinge.

Vita

Studium: Cécile Stephanie Stehrenberger hat in Zürich und Barcelona Geschichte, Wirtschaft und Philosophie studiert und in Zürich über Geschlechter- und Kolonialgeschichte der spanischen Franco-Diktatur promoviert.

Werdegang: Danach war sie an der Universität Zürich, der TU Braunschweig und dem Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt sowie als Gastwissenschaftlerin am Institute for Advanced study in Princeton tätig.

geschichte.uni-wuppertal.de

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