Lehrer: Alle Schulen haben ein Gewaltproblem

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Im November gab es einen Reizgas-Einsatz an der Realschule Hohenstein. Archivfoto: Tim Oelbermann

Im Schnitt kam es 2019 an Wuppertals Schulen jeden Monat zu einer Gewalttat, bei der die Polizei zum Einsatz kam.

Von Daniel Neukirchen

Wuppertal. Raub, Randale, Bedrohung – die Polizei wurde in diesem Jahr 13 Mal zu Einsätzen an Wuppertals weiterführende Schulen gerufen. Das teilte die Behörde auf Anfrage unserer Redaktion mit. Betroffen sind alle Schulformen, dieses Jahr habe es allerdings keinen Einsatz auf einem Gymnasium gegeben. Im November schaffte es ein Zwischenfall mit 36 Verletzten an der Realschule Hohenstein in die Schlagzeilen. Ein Unbekannter hatte vermutlich Reizgas versprüht.

Dieser Fall mag eine Ausnahme sein, Gewalt und Konflikte sind es an Wuppertals Schulen aber generell nicht. Das sagt zumindest Personalrat Tino Orlishausen von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Wuppertal. „Jede Schule hat ein Stück weit ein Gewaltproblem“, so Orlishausen. Gerade junge Lehrer seien angesichts von Gewalterfahrung oftmals ohnmächtig. „In den meisten Fällen erfahren Lehrer zwar keine körperliche Gewalt, aber psychische Gewalt in Form von Drohungen“, sagt Orlishausen. Er fordert, dass das Land bessere Fortbildungsprogramme bietet und plädiert für eine „Kultur der Offenheit“.

Klar wird: Auseinandersetzungen gibt es im Schulalltag mehr als die Polizei-Statistik vermuten lässt. Das liegt sicher auch daran, dass die Schulen versuchen, Konflikte erst einmal intern zu regeln oder durch Prävention abzuwenden. An der Doppel-Hauptschule Barmen-Südwest etwa besucht ein Bezirksbeamter der Polizei regelmäßig die Schule und klärt die 14-Jährigen darüber auf, was es bedeutet, strafmündig zu sein. Um die jeweils 220 Schüler an zwei Standorten kümmern sich zwei Schulsozialarbeiter, derzeit ist nur eine Stelle besetzt.

Oft sind Lappalien der Auslöser für handfesten Streit

Die Hauptschule Oberbarmen hat 360 Schüler und drei Schulsozialarbeiter. Konrektorin Sabine Ewich kann das erklären: „Wir liegen hier an der Hügelstraße in einem sozial schwachen Gebiet, mit einer hohen Anzahl von Menschen, die auf das Jobcenter angewiesen sind.“ Es lernen hier Kinder aus mehr als 25 Nationen. Aber sie betont: Zu Konflikten komme es aber nicht primär wegen der unterschiedlichen kulturellen Hintergründe, sagt die Konrektorin. Sabine Ewich hat festgestellt, zu handfesten Auseinandersetzungen führten oftmals Lappalien. „Viele unserer Schüler haben nicht gelernt, angemessen mit Provokationen umzugehen.“ Genau dort, beim emotionalen Lernen, versucht die Schule anzusetzen. „Bei uns lässt sich Wissensvermittlung und Erziehung nicht trennen. Jeder Lehrer ist auch ein Sozialarbeiter“, sagt Sabine Ewich. Allerdings stoße man auch immer mal wieder auf junge Menschen, bei denen Schule allein nicht mehr helfen könne. An dieser Stelle sei man auf die Zusammenarbeit mit dem örtlichen Jugendamt angewiesen - die jedoch wegen des Personalmangels bei der Stadt Wuppertal nicht immer gut funktioniere. „Wir hatten einen prominenten Fall, bei dem in jungen Jahren große soziale und psychologische Probleme offensichtlich wurden“, schildert Sabine Ewich. Nach Ansicht der Schule hätte diesem Jugendlichen geholfen werden müssen – und zwar umgehend. Das Ergebnis aber ist ernüchternd. Ewich sagt: „Dieser Schüler wurde inzwischen in eine Straftat verwickelt und muss jetzt für mehrere Jahre ins Gefängnis.“

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